Geldbörse mit Geldscheinen. | dpa

Teuerung in Deutschland Ein Land, zwei Inflationsraten

Stand: 01.07.2022 16:18 Uhr

Das Statistische Bundesamt schätzt die Inflationsrate für Juni auf 7,6 Prozent. Die von der EU-Statistikbehörde berechnete Teuerungsrate weicht mit 8,2 Prozent deutlich davon ab. Welche ist aussagekräftiger?

Von Till Bücker, tagesschau.de

Seit Monaten müssen Verbraucher in Deutschland immer tiefer in die Tasche greifen. Im Mai kletterte die Inflationsrate auf den höchsten Wert seit der ersten Ölkrise im Winter 1973/1974. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts (Destatis) lagen die Preise um 7,9 Prozent höher als im Mai 2021 und stiegen so stark wie noch nie im wiedervereinigten Deutschland. Das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat) errechnete für Deutschland eine noch deutlich höhere Teuerungsrate von 8,7 Prozent.

Till Bücker

Das Statische Bundesamt veröffentlichte in dieser Woche die erste Schätzung der Inflationsrate für den Juni und geht von einer Preissteigerung um 7,6 Prozent aus. Erneut fällt der Unterschied zwischen den von Destatis und Eurostat errechneten Teuerungsraten groß aus: Die EU-Statistiker rechnen für den Juni mit einer Inflationsrate von 8,2 Prozent hierzulande, wie sie nun mitteilten.

Gravierende Abweichungen von zuletzt bis zu nahezu einem Prozentpunkt bei den Angaben zur Preissteigerung sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Seit Monaten driften die Eurostat-Zahlen und die in Deutschland errechnete Inflationsrate immer stärker auseinander. Woran liegt das?

Zwei unterschiedliche Indizes als Berechnungsgrundlage

Grund dafür sind zwei unterschiedliche Verbraucherpreisindizes (VPI), die zur Berechnung der Inflationsrate verwendet werden. Der nationale VPI misst die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte für Konsumzwecke kaufen.

Daneben wurde in der Europäischen Union der Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) entwickelt, der Preisänderungen international vergleichbar macht. "Der HVPI versucht, ein Maß für die Preisstabilität abzubilden", so Alexander Kriwoluzky, Leiter der Abteilung Makroökonomie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), gegenüber tagesschau.de. Bei dem nationalen VPI gehe es dagegen weniger um den Vergleich mit anderen Ländern, sondern stattdessen um die tatsächlichen Lebenshaltungskosten.

"Die Länder in Europa haben einen HVPI und einen internen nationalen VPI. Das ist gängige Praxis", erklärt Chris-Gabriel Islam, Referent für Methoden und Kommunikation in der Preisstatistik beim Statistischen Bundesamt, im Gespräch mit tagesschau.de. Welcher Index betrachtet werde, hänge vom jeweiligen Zweck der Nutzer ab. Während die Europäische Zentralbank (EZB) und auch die Bundesbank bezüglich der Geldpolitik verstärkt auf den HVPI achteten, schauten viele Vermieter oder Tarifparteien wegen des reinen Preisvergleichs meist auf den nationalen VPI.

"Mit dem HVPI lassen sich die Länder innerhalb der Eurozone zum gleichen Zeitpunkt miteinander vergleichen. Der VPI hat den Vorteil, dass er die Entwicklung über die Zeit hinweg abbildet und auf spezifische Gegebenheiten im Land eingeht", so der Statistiker. Aufgrund der verschiedenen Zielsetzungen sind die Indizes auf einer zum Teil unterschiedlichen Methodik aufgebaut.

VPI bezieht sich auf reine Preiseffekte

Die Berechnung des HVPI erfolgt seit 1997 nach gemeinsamen europäischen Richtlinien und wird von Eurostat überwacht. "Der HVPI ist eher geeignet, um die Veränderungsrate der Preise im gesamten europäischen Raum zu messen und Querschnittsdaten vergleichen zu können. Entsprechend ist auch der Warenkorb anders zusammengesetzt", sagt Islam. So seien Konsumausgaben für das Glückspiel, Rundfunkbeitragszahlungen oder die theoretischen Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum nicht berücksichtigt. Dadurch hätten beispielsweise Energieträger ein vergleichsweise höheres Gewicht im HVPI. Der sogenannte Warenkorb beinhaltet eine möglichst repräsentative Auswahl verschiedener Güter, anhand dessen der Preisindex und die Inflation ermittelt wird.

Eine große Rolle spielt laut Islam außerdem der Substitutionseffekt. "Wenn zum Beispiel ein Konsument merkt, dass ein Produkt - etwa Butter - teurer wurde, steigt er auf ein günstigeres wie Margarine um. Diesen Effekt wollen wir mit dem VPI nicht abgreifen", so Islam. Ein reiner Preisvergleich könne nur berechnet werden, wenn die grobe Struktur des Warenkorbs, das heißt die Menge der einzelnen Gütergruppen, im Vergleich zur Basisperiode gleichbleibe.

"Es geht beim HVPI als auch beim VPI nicht um die Preismessung eines bestimmten Nutzenniveaus, sondern lediglich um die Preiseffekte der Güter des repräsentativen Warenkorbs", betont der Experte. Daher sei der nationale Verbraucherpreisindex gemäß den Anteilen aus dem Jahr 2015 gewichtet und werde nur alle fünf Jahre aktualisiert. Dagegen wird die Gewichtung im vom Eurostat genutzten HVPI jährlich angepasst.

Jährliche Aktualisierung der Gewichte sorgt für Abweichungen

Die Aktualisierung der Gütergewichte erkläre "einen erheblichen Teil der Abweichung zwischen VPI und HVPI für Deutschland", heißt es von Destatis. "Die hohe Differenz ist schon sehr auffällig. In der Vergangenheit haben sich die Unterschiede lediglich zwischen 0,1 und 0,2 Prozentpunkten bewegt", erläutert Islam. Während der Corona-Krise und deren Folgen für das öffentliche Leben habe sich das Kaufverhalten der Menschen jedoch stark verändert. Denn viele Haushalte hätten ihre Konsumgewohnheiten an Geschäftsschließungen und Beschränkungen von Freizeitaktivitäten angepasst. Im nationalen VPI sei das nicht berücksichtigt - im HVPI allerdings schon.

So waren Freizeit, Unterhaltung und Kultur 2020 mit 114,19 Prozent noch deutlich höher gewichtet als 2021 (96,82 Prozent) und 2022 (97,20 Prozent), als wegen der Pandemie vieles davon unmöglich war. Auch die Bedeutung von Gaststätten- und Beherbergungsdienstleistungen sowie Bekleidung und Schuhe wurde aufgrund von Preisausfällen heruntergefahren. Wichtiger für den HVPI wurden dagegen Nahrungsmittel und Getränke sowie Wasser, Strom und Gas. Die Preise der Energieträger wirken durch das höhere Gewicht dementsprechend stärker treibend auf dem HVPI als auf dem VPI.

Welcher Index und dazugehörige Inflationsrate nun entscheidend sind, ist nicht abschließend geklärt. Für Alexander Kriwoluzky, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin, ist der HVPI aufgrund seiner Bedeutung für die Geldpolitik der interessantere Index. Dennoch habe aber auch der VPI seine Berechtigung. Destatis-Experte Islam sieht es ähnlich: "Beide Indizes haben ihre Daseinsberechtigung. Welcher aussagekräftiger ist, hängt von der Betrachtungsweise ab."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 29. Juni 2022 um 08:18 Uhr.