Häuser stehen in einem Neubaugebiet | dpa

Altersvorsorge Jung und reich mit Immobilien?

Stand: 19.08.2022 08:23 Uhr

Viele junge Leute suchen sich in Zeiten niedriger Zinsen alternative Geldanlagen, etwa Immobilien. Befeuert wird die Hoffnung aufs schnelle Geld durch Influencer. Doch dabei gibt es auch Gefahren.

Von Marco Karp, SR

Das Treppenhaus muss komplett saniert werden: Streichen, Abschleifen, Wände rausschlagen. Viel Zeit muss dafür investiert werden. Zeit, die Mike Tausend neben seiner Vollzeitstelle als Aldi-Verkäufer in seinem Mehrfamilienwohnhaus verbringt - vor und nach der Arbeit.

Marco Karp

Hinzu kommt der Aufwand, wenn er neue Mieter suchen muss. Im Moment sind seine Wohnungen zwar alle vermietet. Diskussionen gibt es aber immer mal wieder, im Moment vor allem wegen der explodierenden Gaspreise: "Da führt man schon viele Gespräche, weil viele nicht wissen, was auf sie zukommt."

Finanzierung über Rücklagen und Kredit

220.000 Euro - so viel hat er für seine erste Immobilie in Jägersfreude bei Saarbrücken vor knapp drei Jahren bezahlt. Rücklagen und ein Kredit zu guten Konditionen haben das möglich gemacht. Aber Mike Tausend nutzt das Wohnhaus nicht als Eigenheim.

Schon beim Kauf verfolgte er einen klaren Plan: Die Immobilie soll eine Anlage sein. Dabei finanzieren die Mieten den laufenden Kredit. Wenn Mike selbst in Rente ist, soll das Haus abbezahlt sein. Dann, so hofft er, kann er ein sorgenfreies Leben führen.

Bei Influencern hört es sich leicht an

Mit diesem Plan ist Mike Tausend nicht allein. Gerade junge Menschen suchen zunehmend nach alternativen Anlagen zum Sparbuch. Bitcoins, Aktien, NFTs, Immobilien - die Bandbreite ist riesig. Und Tipps, wie man sein Geld am besten anlegt, gibt es in den Sozialen Medien.

Dort tummeln sich immer mehr Influencer in Finanzfragen, sogenannte "Finfluencer", und geben Ratschläge, wie verschiedene Geldanlagen funktionieren - etwa Immobilien. Bei ihnen hört sich alles leicht an, Probleme werden heruntergespielt. "Schnell zum vielen Geld", so lautet hier häufig das Motto.

"Raus aus der Komfortzone"

Tommy Primorac ist online als Immo-Tommy unterwegs. Er hat viele Follower, seine Videos werden oft geklickt. Auch er erklärt in kurzen und langen Formaten, wie man zur Mietwohnung als Anlage kommt, was es zu beachten gibt: "Natürlich ist nicht jeder für einen Kauf gemacht. Es muss zuerst mal geschaut werden, welche Rücklagen da sind."

Tommy will auch keine Gratis-Onlineberatungen anbieten. Er hat eigentlich eine andere Botschaft: Er möchte, so sagt er, dass sich mehr junge Menschen mit dem Thema Geld auseinandersetzen: "Raus aus der Komfortzone und aktiv an finanzieller Bildung und Einkommen arbeiten."

Deshalb gibt er auch Tipps in seinen Videos, wie man ganz allgemein Geld sparen kann. Da gebe es bundesweit noch viel Bedarf: "Viele machen noch nicht mal eine Steuererklärung, da geht so viel Geld verloren."

Verbraucherschützer raten zur Skepsis

Grundsätzlich hat auch Thomas Beutler von der Verbraucherzentrale Saar nichts dagegen, sich über Geldanlagen auf Sozialen Medien zu informieren. Er rät aber zum Beispiel dazu, "bei zu positiven Darstellungen skeptisch zu werden. Auch sollte man sich die Frage stellen, warum jetzt genau derjenige die Expertise hat, mir diese Geldanlage zu erklären." Gebe es dafür keinen Hinweis, so der Experte, sollte man sich lieber eine andere Informationsquelle suchen.

Beutler beobachtet seit längerem, wie sich immer mehr Menschen als Experten für Geldanlagen online vermarkten. Das System dahinter sei oft gleich. Die Videos locken mit Informationen, und wenn der Kunde dann mehr wissen will, muss er Kurse oder zusätzliche Inhalte kaufen. Und die spülen dem vermeintlichen Experten dann möglicherweise viel Geld in die Kassen.

Inzwischen warnt auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) vor diesen Online-Bildungsangeboten zu Geldanlagestrategien. Deshalb bietet Beutler auch Workshops an Schulen an und erklärt darin den Schülerinnen und Schüler, wie sie seriöse Quellen von unseriösen unterscheiden können.

Immobilie analog gesucht

Mike Tausend ist selbst auf die Idee zur Altersvorsorge mit Immobilien gekommen. Sein Anlageobjekt hat er ganz analog gefunden, ohne die Hilfe eines Influencers. Bisher ist er auch ganz zufrieden mit seiner Investition.

Trotz regelmäßiger Sanierungen, Zusatzkosten und dem aufwändigen Suchen von Nachmietern: Er würde alles nochmal genauso machen. Er denkt sogar darüber nach, sich eine weitere Immobilie zu kaufen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Juli 2022 um 14:56 Uhr.