Blick auf ein völlig zerstörtes Haus in Altenahr. | dpa

Staatliche Hilfe nach Flutkatastrophe Kosten könnten zehn Milliarden Euro betragen

Stand: 30.07.2021 06:40 Uhr

Erste Hilfen für die Flutopfer fließen bereits. Über die großen Summen muss die Politik aber noch entscheiden. Ein Hochwasser-Experte rechnet mit einem Bedarf von zehn Milliarden Euro.

Von David Zajonz, WDR

Schnelle und unbürokratische Hilfe haben die führenden Regierungsvertreter aus Bund und Ländern den Flutopfern versprochen. Das zweiseitige Antragsformular für die Soforthilfe in Nordrhein-Westfalen kommt in der Tat sehr unbürokratisch daher. Antragstellerinnen und Antragsteller müssen lediglich ein paar persönliche Daten eintragen und versichern, dass ihnen ein Schaden von mindestens 5000 Euro entstanden ist. Die Devise ist klar: Zuerst soll schnell geholfen werden, erst danach wird geprüft, ob tatsächlich Ansprüche bestehen.

David Zajonz

Soforthilfe schon nach drei Tagen

Landarzt Thomas Aßmann hat durch das Hochwasser seine Zweitpraxis im Bergischen Land verloren - nur einige Laptops und Stühle konnte er retten. Aßmann hat die Soforthilfe vergangenen Sonntag beantragt. Schon drei Tage später habe er die 5000 Euro für seine Praxis auf dem Konto gehabt, schildert er dem WDR: "Das fand ich schon sehr beeindruckend, dass das so schnell ging", sagt der Landarzt.

In Anbetracht der riesigen Zerstörung fällt die Soforthilfe zunächst recht bescheiden aus. Während Unternehmen 5000 Euro bekommen, sind die Summen für Privatleute deutlich geringer. Für die erste Person im Haushalt gibt es 1500 Euro, für jede weitere Person nochmal je 500 Euro. Die Maximalsumme pro Haushalt liegt bei 3500 Euro. Diese Regelungen sind in Rheinland-Pfalz und in Nordrhein-Westfalen ähnlich ausgestaltet.

Allein in NRW sind 400 Millionen Euro für die Soforthilfen vorgesehen, Land und Bund teilen sich die Kosten jeweils zur Hälfte. Die Hilfen sind aber nach oben offen, wie Ministerpräsident Armin Laschet ankündigte: "Wir werden so viel Geld aufbringen, wie erforderlich ist", so der CDU-Politiker in der vergangenen Woche.

Wiederaufbaufonds steht noch aus

Allen Beteiligten ist klar: Der wahre Kraftakt kommt noch. Der Wiederaufbau wird Milliarden verschlingen, das zeigen allein schon die Erfahrungen aus den letzten großen Flutkatastrophen in den Jahren 2002 und 2013. Die Bundesländer und die Bundesregierung wollen bei einer Ministerpräsidentenkonferenz darüber entscheiden, wie hoch die Hilfen ausfallen und wie sie ausgestaltet sein werden.

Derzeit läuft die Ermittlung der Schäden noch. Die nordrhein-westfälische Landesregierung reagiert auf die Frage nach dem Finanzbedarf zurückhaltend. Hierzu ließen sich "derzeit noch keine belastbaren Angaben machen", heißt es aus der Staatskanzlei.

Schäden könnten höher ausfallen als 2002 und 2013

Der Ökonom Reimund Schwarze vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung hat die Kosten der Hochwasser-Katastrophen in den vergangenen Jahrzehnten erforscht. Im Fall des aktuellen Hochwassers hat er hochauflösende Luftaufnahmen aus den betroffenen Gebieten ausgewertet, um die Schäden an Wohngebäuden, im Gewerbebereich und an der Infrastruktur abzuschätzen.

Auf Grundlage dieser Analysen rechnet Schwarze mit Kosten von etwa zehn Milliarden Euro für die Steuerzahler: "Es könnte also gut sein, dass die Schäden höher ausfallen als 2002 und 2013", sagt der Wirtschaftswissenschaftler im Gespräch mit tagesschau.de. "Ein solcher Hilfsfonds von zehn Milliarden Euro wäre dann wahrscheinlich aber auch ausreichend."

Schäden häufig nicht versichert

Hinzu kommen noch die Kosten für die Versicherer, die nach Schätzung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft bei etwa fünf Milliarden Euro liegen dürften. Die Hochwasser-Katastrophe hätte mit Schäden von rund 15 Milliarden Euro also historische Ausmaße.

Dass die Versicherungen nur ungefähr ein Drittel der geschätzten Gesamtkosten tragen, liegt unter anderem daran, dass viele Menschen nicht gegen Hochwasser versichert sind. In Nordrhein-Westfalen liegt der Anteil der umfassend gegen sogenannte Elementarschäden versicherten Gebäude bei 47 Prozent, in Rheinland-Pfalz sogar bei nur 37 Prozent.

Mehr Hochwasserhilfe vor der Wahl?

Den vom Hochwasser geschädigten Menschen könnte aber der politische Kalender einen Vorteil verschaffen, glaubt Umweltökonom Schwarze: "In Wahljahren sind die staatlichen Erstattungen schneller und üppiger als in Nicht-Wahljahren." Bis zur Bundestagswahl sind es nicht mal mehr zwei Monate. Mit Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und NRW-Ministerpräsident Laschet sitzen zwei Kanzlerkandidaten an entscheidenden Positionen. Die Betroffenen dürfen nun hoffen, dass die konkreten Hilfszusagen bis zur Wahl feststehen werden.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 20. Juli 2021 um 14:00 Uhr.