Ein Händler an der New Yorker Börse | picture alliance / AP Photo

DAX mit Kurs auf die 18.000? Gute Aussichten für das neue Börsenjahr

Stand: 03.01.2022 07:09 Uhr

2021 war ein Traumjahr für Aktien. Auch im neuen Jahr dürfte es an der Börse weiter nach oben gehen, meinen Experten. Ganz große Sprünge seien aber nicht zu erwarten - wegen der abebbenden Geldflut der Notenbanken.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Corona-Krise, Omikron, Lieferengpässe, Inflation fast auf 30-Jahres-Hoch, Abschwung in der deutschen Wirtschaft – das alles brachte die Anleger nicht aus der Ruhe. Der DAX hat im zu Ende gehenden Jahr erneut um 15,7 Prozent zugelegt. Das wichtigste deutsche Börsenbarometer markierte mehrere neue Rekordhochs. Noch euphorischer war die Stimmung an der Wall Street. Der S&P 500 kletterte um fast 28 Prozent nach oben und schaffte fast wöchentlich neue Bestmarken.

Corona-Krise heizt Börsenboom an

Aktienboom mitten in der Pandemie - sind die Börsen verrückt? Nein, sagen Experten. "Die Aktien stehen so hoch, weil wir eine Krise haben", erklärt der bekannte Marktbeobachter Robert Halver von der Baader Bank. "Hätten wir keine Corona-Krise, lägen sie nicht so hoch." Im Klartext: Um die Krise einzudämmen, haben die Notenbanken massiv billiges Geld in die Wirtschaft und Finanzmärkte gepumpt. Diese Geldflut trieb die Börsen an.

Daran dürfte sich auch 2022 nicht viel ändern. Zwar hat die US-Notenbank ihren Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik und eine Zinswende angekündigt. Einen größeren Kursrutsch wird diese Normalisierung Börsianern zufolge aber nicht auslösen. "Notenbanker nehmen den Fuß vom Gaspedal, aber sie treten noch nicht auf die Bremse", erklärt Weberbank-Analyst Jan Gengel. Den Finanzmärkten werde also kein Geld entzogen.

Notenbanken nehmen Fuß nicht ganz vom Gaspedal

Zumal die Europäische Zentralbank (EZB) weiter keine Eile hat, die Zügel anzuziehen. "Die Geldpolitik in Europa bleibt fast das gesamte nächste Jahr über auf dem Gaspedal", prophezeit Chefvolkswirt Ulrich Kater von der Deka. Mit einer Zinserhöhung rechnet Helaba-Chefökonomin Gertrud Traud erst 2023.

Marktstratege Halver ist sicher: "Selbst wenn die Geldgeschenke 2022 kleiner ausfallen, ist keine dramatische Liquiditätszäsur zu befürchten." Die lockere Geldpolitik dürfte nun zwar ihren Gipfel überschritten haben, aber die Luft bleibt dünn, "denn wir befinden uns immer noch im Hochgebirge".

Dementsprechend optimistisch blicken die Aktienstrategen auf das neue Börsenjahr. Die meisten rechnen mit weiter steigenden Kursen. Sie trauen dem DAX Kursrekorde zu. Im Durchschnitt sehen sie den DAX bis zum Jahresende bei 17.068 Punkten. Das wären gut 1200 Zähler mehr als derzeit.

Die Analysten der DZ Bank, M.M. Warburg und Unicredit halten sogar einen DAX-Anstieg auf 18.000 Punkte für möglich. Carsten Klude, Chefvolkswirt von M.M. Warburg, begründet diese optimistische DAX-Prognose mit dem konjunkturellen Aufschwung. Er gehe davon aus, dass die deutsche Wirtschaft 2022 ihre Probleme überwindet. Die deutschen Firmen dürften seiner Meinung nach ihre Gewinne stärker steigen als erwartet.

Nur wenige Pessimisten

Dem widersprechen die Experten der Bank of America. Der Wirtschaftsaufschwung und die höheren Unternehmensgewinne wären schon längst in den gestiegenen Aktienkursen eingepreist, meinen sie. Die Experten des Geldhauses zählen zu den wenigen Pessimisten. Sie glauben, dass der DAX im nächsten Jahr auf 15.000 Punkte zurückfällt.

Ähnlich große Sprünge wie im auslaufenden Jahr seien 2022 nicht zu erwarten, warnt auch Robert Greil, Chef-Anlagestratege des Bankhauses Merck Finck. "Da die geldpolitische Unterstützung nachlässt und die Pandemie nicht überstanden ist, dürfte es nächstes Jahr eher auf einstellige Prozentzuwächse hinauslaufen."

Es dürfte tatsächlich holpriger werden. Anleger müssen sich auf ein Wechselbad der Gefühle einstellen. "Wir werden Zeiten des Optimismus und des Pessimismus in Bezug auf Inflation und Wachstum sehen", prognostiziert Willem Sels, Chef-Anleger der Vermögensverwaltung der Bank HSBC. Investoren würden zwischen diesen Polen hin- und herschwanken, bis die konjunkturellen Aussichten klarer würden.

Inflation und Pandemie sind die großen Risikofaktoren

Als großer Risikofaktor gilt die Inflation. Nachdem sie in Deutschland im November mit 5,2 Prozent auf den höchsten Stand seit fast 30 Jahren gestiegen ist, dürfte sie sich in den nächsten Monaten etwas abschwächen. Die Teuerungsrate wird aber vermutlich auf einem hohen Niveau bleiben. Volkswirt Carsten Mumm von der Privatbank Donner & Reuschel begründet dies mit nur langsam abbauenden Lieferkettenstörungen, hohen Energie- und Rohstoffpreisen, dem Fokus der Politik auf höhere Löhne sowie staatlichen Investitionsoffensiven.

Auch ein Wiederaufflammen der Corona-Pandemie und mögliche neue noch ansteckendere Virus-Varianten könnten die Börsen belasten. Der schlimmste Fall wäre, wenn eine Variante aufträte, gegen die die mNRA-Impfstoffe nicht schützen würden. Dann würde wohl ein neuer Kurseinbruch drohen. Ein solches Szenario gilt aber als ziemlich unwahrscheinlich. Insgesamt haben sich die Märkte inzwischen an neue Corona-Ausbrüche fast schon gewöhnt.  

Deutsche Aktien statt US-Titeln?

Die meisten Aktienstrategen favorisieren für 2022 europäische und deutsche Aktien gegenüber US-Titeln. Die Werte an der Wall Street seien schon recht teuer, meinen sie. "Europäische Aktien werden im Vergleich zu US-Titeln mittlerweile so günstig gehandelt wie in den vergangenen 20 Jahren", sagt Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank. Zudem dürften europäische Aktien auf weiteren Rückenwind durch die anhaltend lockere Geldpolitik der EZB hoffen.

Von Tech-Werten raten einige Aktienexperten für 2022 ab. Sie bevorzuge Substanzwerte mit günstiger Bewertung. "Vieles spricht dafür, dass Value-Aktien 2022 besser laufen sollten", meint etwa Stefan Breitner, Leiter des Bereichs Research & Portfoliomanagement der Fondsgesellschaft DJE. Auto-, Stahl- und Immobilien-Aktien werden von einzelnen Analystenhäusern als Branchenfavoriten genannt.

Anleihen "so attraktiv wie Fußpilz"

Alternativen zu Aktien sind auch 2022 kaum in Sicht. Trotz Zinswende in den USA und anderen Teilen der Welt dürften Anleihen weiter kaum Rendite bringen. Vielfach liegen die Realrenditen - Nominalverzinsung abzüglich der Inflation - immer noch klar im negativen Bereich. "Zinssparen bleibt auch 2022 so attraktiv wie Fußpilz", meint Marktstratege Halver mit bissiger Ironie.

Verliert Gold seinen Status als sicherer Hafen?

Und was ist mit Gold? Da sind viele Experten uneinig. Während die einen dem gelben Edelmetall einen Sprung auf über 2.000 Dollar je Feinunze zutrauen, rechnen die anderen mit weiter fallenden Preisen. Die Straffung der Geldpolitik in den USA und die sich abschwächende Inflation könnten Gold unattraktiver machen. Sollte aber die Teuerungsrate doch stärker anziehen als gedacht oder sollte die weltweite Verschuldung noch dramatischer zunehmen, könnte das Edelmetall wieder zum sicheren Hafen werden.

Als letzte Alternative bleiben noch die Kryptowährungen. Tatsächlich konnten Anleger, die 2021 auf Bitcoin oder Ethereum gesetzt hatten, kräftige Gewinne machen. Allerdings bleiben die Kursschwankungen hier sehr hoch.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Dezember 2021 um 12:00 Uhr.