Krügerrand-Goldmünze | picture alliance / Philip Moster

Edelmetalle als Geldanlage Der goldene Traum

Stand: 19.01.2022 08:13 Uhr

Gold fasziniert die Menschheit seit Jahrtausenden. Und in Zeiten steigender Teuerungsraten und gleichzeitigen Niedrigzinsen rückt das gelbe Edelmetall auch wieder in den Fokus der Anleger. Doch ergibt das wirklich Sinn?

Von Axel John, SWR

Die Rheinstraße 103 in Mainz ist eine unscheinbare Adresse. Den tristen Zweckbau an einer der Hauptverkehrsstraße zwischen dem rheinland-pfälzischen Landtag und dem historischen Altstadtviertel ist leicht zu übersehen. Das Geschäft für Edelmetallhandel im Erdgeschoß hat sich in den vergangenen Jahren aber zu einem Anziehungspunkt für Anleger entwickelt.

Axel John

Gesetzesänderung verunsichert die Sparer

"Unsere Filiale in Mainz gibt es seit 2018. Im Vergleich vor vier Jahren haben wir unseren Umsatz bis heute mehr als vervierfacht. Unsere Kunden sorgen sich um ihr Erspartes", erzählt Filialleiter Mathias Kurek. Das habe unterschiedliche Gründe. "Das erste Mal haben wir das Ende 2019 gemerkt", erinnert sich Kurek. Damals schränkte die Bundesregierung das sogenannte anonyme Tafelgeschäft drastisch ein. Konkret hieß das: Wer Goldbarren oder Münzen ohne Ausweis in bar kaufen wollte, durfte das ab 2020 nur noch bis zu einer Grenze von 1999 Euro. Vorher lag das Limit bei knapp 10.000 Euro. Der Gesetzgeber begründete das mit dem Kampf gegen Geldwäsche. Kritiker hielten dagegen, der Staat wolle zunehmend Geldtransaktionen kontrollieren. 

"Die Unsicherheit der Kundschaft war sehr groß. Schon morgens gab es damals Schlangen vor der Eingangstür - wie bei einem Rockkonzert. Das ging so bis in den Abend hinein", so Kurek. Damals habe die Sorge vor Sondersteuern, Enteignungen oder sogar vor einem Goldverbot die Kundschaft umgetrieben. Kurek habe damals auch bei vielen einen Vertrauensverlust in den Staat und vor allem Ängste vor der wirtschaftlichen Stabilität beobachtet. "Ende 2019 war schon eine besondere Lage. Diese Unsicherheit hat sich aber mit der Corona-Krise und jetzt mit der Inflationsentwicklung fortgesetzt." Er höre in der Filiale fast täglich, dass die Kunden ihr aufgebautes Vermögen mit Edelmetallen in einen sicheren Hafen bringen wollten.  

Gerade die Inflation habe er schon ein paar Monate vor dem Emporschnellen der Teuerungdurch das Kundenverhalten gemerkt. "Die Vermögen bleiben auch nicht mehr auf den Konten - wegen der Minuszinsen. Dieses Geld kommt auch bei uns an. Die Kundschaft fragt auch gezielt nach Schutz vor Inflation bei uns nach. Das gab es vor anderthalb Jahren noch nicht." 

Gold als Sicherheit vor dem Totalverlust  

Auf der anderem Rheinseite arbeitet Tim Schieferstein in Wiesbaden. Er ist Geschäftsführer der Solit-Gruppe, eines der führenden Edelmetall-Handelsunternehmen in Deutschland. Nach Firmenangabengehören deutschlandweit mehr als 200 Banken, Sparkassen und Volksbanken zu seinen Vertriebspartnern. Zudem sei man mit mehr als 100 vor Ort ansässigen Händlern verbunden - darunter auch die Mainzer Filiale. Die Entwicklung in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt überrascht Schieferstein nicht. "Das geht bundesweit quer durch alle Regionen so - von München über Chemnitz bis nach Ostfriesland", erzählt er. Nach seinen Angaben sind die Umsatzerlöse des Unternehmens von gut 96 Millionen Euro im Jahr 2018 auf zuletzt mehr als 441 Millionen Euro gestiegen. Auch die Zahl der Mitarbeiter habe sich im gleichen Zeitraum mehr als vervierfacht.      

Gold ist grundsätzlich großen Schwankungen unterworfen; Zinsen gibt es auch keine. Zudem ist der Preis stark von den Notenbanken abhängig: Setzen sie den Zins hoch, gibt Gold nach. Warum dennoch die stark erhöhte Nachfrage? "Unsere Kunden erwarten bei Edelmetallen und Gold keinen Wertzuwachs wie bei einem kerzengeraden Linealstrich. Es geht vielmehr um eine sehr dauerhafte Wertbeständigkeit, die einen Total-Ausfall ausschließt. Einen Krügerrand, den sie heute in Deutschland kaufen, gilt auch weltweit noch in fünfzig Jahren", fasst Schieferstein die Suche seiner Kundschaft nach Sicherheit zusammen. "Ich rate aber zu einem Anlagehorizont von mindestens drei Jahren. Wer in ein paar Monaten Geld für eine neue Waschmaschine braucht, sollte lieber nicht auf Gold setzen."  

Es ist nicht alles Gold, was glänzt  

In Berlin beobachtet auch Hermann-Josef Tenhagen die Inflationsentwicklung sehr genau. Früher Chefredakteur von Finanztest, leitet er heute den Online-Geldratgeber "Finanztip", der Empfehlungen rund um Geldfragen gibt. Auch er registriert das große Interesse seiner Leser an der stark gestiegenen Geldentwertung. "Wir werden 2022 eine höhere Inflation sehen als in den zurückliegenden Jahren. Der Wert wird aber deutlich niedriger sein als zuletzt. Ich schätze, dass wir eher bei rund 2,5 Prozent liegen."   

In Gold sieht Tenhagen keine geeignete Antwort auf die derzeitige Entwicklung. "Gold ist ein Schutz gegen eine sehr, sehr hohe Inflation, die wir aber nicht haben. Bei einer Geldentwertung im normalen Rahmen, wie in den vergangenen zwanzig Jahren, würde ich das Edelmetall nur als Beimischung zum Vermögensaufbau sehen. Einen Anteil von zehn Prozent kann man auf lange Sicht durchaus empfehlen." Interessierte Anleger sollten auf jeden Fall die aktuellen Kaufpreise im Internet vergleichen - etwa auf "gold.de" und "Goldpreis.de". Im Markt gebe es auch eine hohe Zahl unseriöser Anbieter, warnt Tenhagen.

"Ein Erfahrungswert aus Hunderten von Jahren"

Aber was ist aus Sicht des Verbraucherexperten die beste Strategie, um eine höhere Inflation auch in den kommenden Jahren beizukommen? "Wenn ich mir die Entwicklung der vergangenen zwanzig Jahre ansehe, dann ist bis auf das Krisenjahr 2009 die Botschaft eindeutig: Du musst das Geld entweder in Aktien beziehungsweise Indexfonds anlegen oder in Immobilien investieren, falls das der persönliche Finanzrahmen ermöglicht."  

Die hohe Nachfrage nach Gold gerade in Krisenzeiten hat für Tenhagen vor allem psychologische Gründe. "Das ist ein Erfahrungswert aus Hunderten von Jahren. Gold war nie wertlos - etwa bei der Hyperinflation oder in beiden Weltkriegen. Es lebt auch von seiner Begrenztheit. Man kann es auch ganz praktisch am Finger tragen. Das verstehe ich auch alles, aber eine klassische Geldanlage ist es aus meiner Sicht nicht."

Wie es mit der Inflation weitergeht, darüber streiten sich die Finanz- und Wirtschaftsexperten; es herrscht viel Unsicherheit. So hat etwa der Internationale Währungsfonds mit seinen Prognosen zuletzt ebenso klar danebengelegen wie die Europäische Zentralbank. Einigermaßen realistisch dagegen schätzen die Bürger die Inflation ein, was Umfragen der Bundesbank seit dem vergangenen Sommer zeigen. Auch Goldhändler Kurek in Mainz traut seinen Kunden eine hohe Urteilsfähigkeit zu. "Ich höre das fast täglich in unserer Filiale: Die Leute sind beunruhigt. Viele Branchen und Firmen haben ihre Preissteigerungen ja noch nicht mal weitergegeben. Ich glaube auch, dass da noch etwas kommt. Deshalb ist mir um unser Geschäft nicht bange."  

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 12. Dezember 2021 um 12:30 Uhr.