Windräder drehen sich hinter einer Biogasanlage.  | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Neue EU-Regeln Anlageberater müssen Nachhaltigkeit abfragen

Stand: 02.08.2022 11:27 Uhr

Geld anlegen und dabei Gutes tun - das ist gar nicht so einfach. Begriffe wie "grün", "nachhaltig" oder "klimafreundlich" sind nicht geschützt. Neue Vorgaben der EU sollen für mehr Klarheit sorgen.

Von Bianca von der Au, ARD-Börsenstudio

Grüne Geldanlagen boomen - vor allem in Europa und in Deutschland. 80 Prozent der Investments, die in grüne Geldanlagen flossen, kommen laut dem Analyseunternehmen Morningstar aus Europa. Allein aus Deutschland sind das insgesamt mehr als 130 Milliarden Euro: Laut dem jüngsten Bericht des Fachverbands "Forum nachhaltige Geldanlagen" haben Privatanleger in Deutschland ihre Investitionen, die als nachhaltig gelten, im vergangenen Jahr damit verdreifacht.

Die stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Jella Benner-Heinacher, bemerkt das steigende Interesse an grünen Investments, sie rät jedoch zur Vorsicht: "Es gibt leider noch keine wirklich präzisen Mindeststandards, und es gibt auch noch kein richtiges Label, wo draufsteht: Es ist nachhaltig, also grün." Es werde in der Folge "vieles als grün verkauft, was eigentlich ein klassisches Produkt ist", so Benner-Heinacher.

Neue Beratungspflicht gilt ab heute

Genau hier will die EU-Kommission mit einer Reihe von Verordnungen Licht ins Dunkel bringen. Unter dem Kürzel "Mifid II" treten seit 2018 schrittweise neue Richtlinien in Kraft, die den Wertpapierverkauf transparenter und das Finanzsystem zugleich nachhaltiger machen sollen.

Heute tritt ein weiterer Teil dieses Reformprogramms in Kraft: Ab sofort müssen Finanzberater Anleger explizit danach fragen, ob sie ihr Geld nachhaltig investieren wollen. Doch auch hier lauern Fallstricke, glaubt Anlagestratege Christian Kahler von der privaten Vermögensverwaltung Kahler und Kurz Capital: "Wir kennen diese Prozesse: Da werden 20 bis 30 Seiten mit Kleingedrucktem ausgehändigt. Am Ende muss immer noch der Kunde unterschreiben, und da besteht immer die Gefahr, dass en detail doch nicht alles so genau nachgelesen wird."

EU-Taxonomie ist nicht eindeutig

Verbraucherschützer raten ohnehin, das sich Anleger über das Hauptgeschäft des Unternehmens oder des Fonds informieren sollten. Denn manche Anbieter verzichten zwar auf Investments in Kohle oder Waffen, investieren aber überwiegend in hoch umstrittene Branchen wie etwa Atomkraft. Und das sogar mit EU-Siegel.

Denn die sogenannte EU-Taxonomie, eine Art Katalog für klimafreundliche Investitionen, soll Anlegern bei der Einordnung ihrer Investments helfen. Sie erkennt aber auch Investitionen in Gas und Atomkraft als klimafreundlich an. Das sorgte im Vorfeld für Kritik. Anlegerschützerin Benner-Heinacher hält es daher für entscheidend, dass sich Anleger selbst vorab Gedanken machen, welche Kriterien ihnen bei der Geldanlage wichtig sind: "Die meisten Anleger, die sich bei uns melden, wollen mit ihren Investments auch etwas bewirken. Man nennt das einen 'Impact Fonds'."

Der Experte findet die Idee nachhaltiger Investments zwar gut, aber: "Man sollte trotzdem sehr genau hinschauen und ganz wichtig: Kosten, Rendite und Risiko nicht aus dem Auge verlieren. Denn nachhaltig heißt ja nicht ohne Risiko und ohne Kosten."

Auch Ölkonzerne in nachhaltigen Fonds

All diese Punkte lassen sich den Experten zufolge nicht allgemein abwägen. Zumal die Nichtregierungs-Organisation Finanzwende bei einer Untersuchung nachhaltiger Fonds festgestellt hat, dass sich deren Zusammensetzung kaum von konventionellen Fonds unterscheidet.

Sogar Öl-Multis mit schlechter Umweltbilanz oder Online-Einzelhändler mit kritikwürdigen Arbeitsbedingungen waren in sogenannten Nachhaltigkeits-Fonds enthalten. Das bedeutet unterm Strich: Anleger müssen genau hinschauen, wie nachhaltig die Unternehmen oder Fonds tatsächlich sind, in die sie investieren wollen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. August 2022 um 12:00 Uhr.