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Marktturbulenzen Droht wegen Gamestop ein Börsenbeben?

Stand: 01.02.2021 17:08 Uhr

Die Börsenschlacht um den Computerspielehändler Gamestop hat offenbar einige Hedgefonds massiv getroffen. Droht nun ein Flächenbrand, der den gesamten Aktienmarkt ins Wanken bringt?

Der von Kleinanlegern ausgelöste Sturm auf die Aktie des Videospielverkäufers Gamestop schlägt immer höhere Wellen. Während die Papiere innerhalb weniger Wochen um sagenhafte 1700 Prozent in die Höhe schnellten, türmen sich bei institutionellen Investoren, die auf fallende Kurse gesetzt hatten, Verluste in Milliardenhöhe.

So soll allein der Hedgefonds Melvin Capital im Januar rund die Hälfte seines verwalteten Vermögens verloren haben, berichtet das "Wall Street Journal". Von acht Milliarden Dollar seien am Monatsende nur noch 4,5 Milliarden übrig geblieben. Melvin verdient sein Geld mit Spekulationen auf fallende Kurse. Der Hedgefonds gilt damit als einer der größten Verlierer der Marktturbulenzen der vergangenen Wochen.

Müssen die Hedgefonds Aktien verkaufen?

Weil auch andere Hedgefonds von dem steilen Kursplus der Gamestop-Aktien betroffen sein dürften, geht nun die Angst vor einem allgemeinen Aktiencrash um. Insidern zufolge könnten sich die Verluste der Hedgefonds auf 20 Milliarden Dollar belaufen, so das "Wall Street Journal". Wenn nämlich die Fonds gezwungen sein könnten, Aktien und andere Long-Positionen zu verkaufen, um ihre Verluste bei Gamestop zu decken, drohten auch die Kurse von unbeteiligten Unternehmen einzubrechen - was einen Flächenbrand auslösen könnte, so die Warnung von Experten.

"Da an den modernen Finanzmärkten alles eng ineinander greift, kann das Herausspringen von zu vielen Rädchen dazu führen, dass das Gesamtsystem nicht mehr richtig funktioniert", fürchtet Jochen Stanzl vom Handelshaus CMC Markets. Solange die Unsicherheit bestehe, dürften sich viele Investoren nicht mehr aufs Parkett wagen.

Fachleute von Barclays beruhigen

Die Fachleute der britischen Barclays-Bank sind dagegen optimistisch, dass die Turbulenzen rund um Gamestop lokal begrenzt bleiben. Insgesamt betrage das Volumen der an der Wall Street agierenden Leerverkäufer oder Shortseller rund 800 Milliarden Dollar. Im Fall von Gamestop und anderen ins Visier der Kleinanleger und Hedgefonds geratenen Werte betrage das Volumen gerade einmal 40 Milliarden Dollar. Deshalb sei ein globaler Aktiencrash, wie er von einigen Marktakteuren befürchtet wird, eher unwahrscheinlich. Auch aus Sicht der Charttechnik, einer Form der Finanzanalyse, gebe es derzeit keinen Anlass zur Dramatisierung.

"Re-Occupy Wall Street"-Bewegung

Doch was genau ist eigentlich an der Wall Street passiert? Wie kann es sein, dass die Aktie eines angeschlagenen Anbieters von Videospielen binnen eines Monats von knapp 20 Dollar auf zuletzt 325 Dollar (Schlusskurs vom Freitag) in die Höhe schnellt? Am attraktiven Geschäftsmodell vom Gamestop kann es nicht liegen, kennt doch die Entwicklung der Umsätze dieser Kette schon seit Jahren nur eine Richtung: nach unten.

Experten zufolge handelt es sich um eine neue Art des Protests gegen die Finanzwelt, eine "Re-Occupy Wall Street"-Bewegung, die sich nun mit Hilfe von Apps, sozialen Netzwerken und Discountbrokern gegen die "Big Boys" der Börse richtet, statt auf der Straße zu demonstrieren.

"Es geht den jungen Tradern nicht nur darum, auf die Schnelle Geld zu verdienen, sondern auch um Ideologie", sagt Boris Strucken vom Banken-Dienstleister Fidelity Information Services (FIS), der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Man will dem Establishment zeigen, wer die Macht hat."

Kleinanleger gegen Leerverkäufer

Dabei stellen sich die Kleinanleger gegen Leerverkäufer wie Citron Research und Melvin Capital, die massiv auf fallende Kurse von Gamestop gewettet hatten. Die Fonds sind nicht unumstritten. Sie leihen sich Aktien gegen eine Gebühr und verkaufen sie in der Hoffnung, sie zu einem vereinbarten Rückgabetermin günstiger zurückkaufen zu können. Der Unterschied zwischen Verkauf- und Kaufkurs ist ihr Gewinn.

Zorn auf die Wall Street

Vielen privaten Anlegern ging es darum, diesen verhassten Investoren eins auszuwischen. Zahlreiche Beiträge im Forum "WallStreetBets", wo sich Kleinanleger organisieren, zeugen von einem weit verbreiteten Zorn auf Banken, Hedgefonds und die gesamte Wall Street. Dort gehe es nur darum, das Volk auszusaugen, damit sich einige Wenige, die sogenannten "Big Boys", die Taschen mit Geld vollstopfen könnten.

Unterstützung bekommen die Kleinanleger vom linksliberalen Senator Bernie Sanders. Der wirft den Hedgefonds "empörendes Verhalten" vor und fordert, die Praktiken dieser Investoren "sehr genau" unter die Lupe zu nehmen. Er sei seit langem der Überzeugung, dass das Geschäftsmodell der Wall Street "defekt" sei, sagte Sanders dem Sender ABC.

Die Senatorin Elizabeth Warren sieht die Börsenaufsicht SEC in der Pflicht und verlangte im Sender CNN eine Untersuchung der Vorgänge. Sie kritisierte, die Entwicklung rund um Gamestop verdeutliche lediglich, was an der Wall Street seit Jahren stattfinde. Es gebe "eine Gruppe von Spielern", die den Markt manipuliere. Deshalb müsse es eine bessere Regulierung zum Schutz vor Marktmanipulation geben. Die SEC müsse nun "aus dem Quark" kommen und ihren "Job erledigen".

Die US-Börsenaufsicht SEC hatte am Freitag erklärt, sie überwache die "extreme Preisvolatilität". Diese könne für Anleger "schnelle und schwerwiegende Verluste" bedeuten und das Vertrauen in die Märkte "untergraben".

Robinhood schränkt Handel ein

Der bei den Kleinanlegern beliebte Onlinebroker Robinhood hat bereits die Reißleine gezogen und den Handel mit einigen Aktien eingeschränkt. Nutzer dürfen ab heute nur noch eine bestimmte Zahl an Wertpapieren von und Optionen auf Unternehmen wie Gamestop, Blackberry, AMC Entertainment oder Nokia kaufen, teilte Robinhood am späten Sonntagabend mit. Teilweise ist nur der Erwerb einer einzelnen Aktie erlaubt. Robinhood begründete seine Entscheidung mit einer "anhaltenden Marktvolatilität" und behielt sich weitere Änderungen vor.

Die Kleinanleger hegen den Verdacht, dass die Handelsplattformen den Hedgefonds den Rücken freihalten wollen. Robinhood & Co. streiten dies ab, doch die Reaktionen auf Twitter sind eindeutig. Dort ist unter dem Hashtag "Eat the rich" von "Zensur" die Rede. Am Montag scheint sich die Lage vorerst beruhigt zu haben. Die Aktie von Gamestop ging jedenfalls mit leichten Verlusten in den Handel an der Wall Street.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 01. Februar 2021 um 16:11 Uhr.