Eine Euro-Münze in den Farben Europas | dpa

EZB-Ratssitzung Zinsen bleiben bei Null, Inflation steigt

Stand: 11.03.2021 17:04 Uhr

Nach dem jüngsten Preisschub erwarten Experten einen weiteren Anstieg der Inflation - auch die EZB. Trotzdem sieht die Zentralbank keinen Handlungsbedarf. Die Zinswende rückt weiter in die Ferne.

Von Klaus-Rainer Jackisch, hr

Der Blick auf die Anzeigetafel an der Tankstelle tut weh, vor allem für Pendler. Jeden Morgen steht das Preisschild an der Zapfsäule wieder ein paar Stellen höher. Die Kosten für den Kraftstoff ziehen deutlich an. Mussten Autofahrer vor der Jahreswende für einen Liter Super maximal um die 1,30 Euro berappen, so sind knapp 1,60 mittlerweile keine Seltenheit - ein Preissprung von fast 25 Prozent. Ähnlich rasant steigt die Rechnung im Supermarkt: Auch bei Lebensmitteln gibt es deutliche Preissprünge.

Klaus-Rainer Jackisch

Die Inflation ist zurück. Nicht dramatisch, aber spürbar. Monatelang hatten die Folgen der Coronavirus-Pandemie das Preisgefüge in Deutschland und der gesamten Eurozone deutlich nach unten gedrückt. Mehrere Monate verharrte die Inflationsrate sogar im Minus. Spätestens seit der Jahreswende hat sich das Blatt wieder gedreht. In Deutschland lag die Inflationsrate im Februar bei 1,3 Prozent, in der Eurozone bei 0,9 Prozent. Tendenz weiter steigend. 

Zielmarke seit Jahren verpasst

Was schlecht für die Verbraucherinnen und Verbraucher ist, sieht man im Frankfurter EZB-Tower durchaus wohlwollend. Die Notenbank strebt mittelfristig eine Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent an. Seit Jahren verfehlt sie dieses Ziel und geht deshalb auch der Frage nach, ob es in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung überhaupt noch zeitgemäß ist. Der derzeitige Anstieg passt den Währungshütern also gut ins Konzept. 

Doch vor allem in Deutschland, wo sich die Schrecken zweier Hyper-Inflationen ins kollektive Gedächtnis der Bevölkerung eingebrannt haben, reagiert man äußerst sensibel auf solche Entwicklungen. Zumal vorerst auch kein Ende in Sicht ist. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, Mitglied im EZB-Rates, hält ein Anspringen der Inflationsrate auf zweitweise drei Prozent in diesem Jahr für möglich. Generell wird damit gerechnet, dass die Inflationsrate in den kommenden Monaten weiter anzieht und sich auch in der Eurozone um die zwei Prozent einpendeln könnte.

Bei der EZB sieht man den Anstieg nicht ganz so stark. Zwar hat auch sie ihre Inflationserwartungen angehoben, wie Präsidentin Christine Lagarde auf der heutigen Pressekonferenz bekanntgab. Doch die Prognose erscheint eher moderat: Danach schraubten die Währungshüter die Rate der Preissteigerung auf 1,5 Prozent für dieses Jahr hoch. Im Dezember waren sie von einem Anstieg von nur einem Prozent ausgegangen.

Der Anstieg hat mehrere Gründe

Ursachen für die Entwicklung gibt es viele. So hat die Erholung der Konjunktur in vielen Teilen der Welt die Rohstoffpreise angetrieben. In vielen Sektoren stiegen sie so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr: Die Kupferpreise zum Beispiel legten binnen eines Jahres um rund 55 Prozent zu, die von Stahl um etwa 40 Prozent. Besonders ausgeprägt ist der Anstieg bei Rohöl, dessen Notierungen sich für die Nordseeölmarke Brent seit dem Tiefpunkt im vergangenen April mehr als verdreifacht haben - und damit nicht nur Benzin und Heizöl, sondern auch Chemie- und Kunststoffprodukte verteuern.

Angeheizt wird diese Tendenz durch die OPEC. Vor allem der Hauptakteur des Kartells, Saudi Arabien, aber auch die Vereinigten Arabischen Emirate halten die Förderung trotz deutlich anziehender Nachfrage knapp. Die arabischen Staaten möchten den Ölpreis nach oben drücken, um ihren kostspieligen Lebensstil zu sichern und die vielen milliardenschweren Infrastruktur-Projekte in der Region zu finanzieren. Dies umso mehr, als wegen der Pandemie der zukunftsträchtige Tourismus-Sektor am Boden liegt und die dortigen Einnahmen weitgehend versiegt sind. Deshalb werden die Ölhähne nicht weiter aufgedreht. Das treibt die Preise.

Hinzu kommt die künstliche Verteuerung von Energie durch die CO2-Bepreisung. Seit Januar gilt ein Festpreis je ausgestoßener Tonne CO2 von 25 Euro. Der soll bis 2025 auf 55 Euro steigen. Dadurch bekommt die Inflation zusätzlich einen Schub.

Auch die Effekte der Rückführung der Mehrwertsteuer in Deutschland auf das alte Niveau von 19 Prozent für den normalen und sieben Prozent für den ermäßigten Satz sind heftiger als erwartet. Wegen der Pandemie hatte Berlin die Steuer zeitweise gesenkt, um den Konsum anzukurbeln. Der Einzelhandel gibt den Anstieg jetzt voll weiter, weshalb vor allem Lebensmittel deutlich teurer geworden sind.

Hält der Trend an?

Die große Frage ist, wie lange dieser Trend anhält und wie stark die Inflation weiter steigt. Genau hier scheiden sich die Geister. Viele Volkswirte glauben, dass der Preisschub nur temporär ist, spätestens im Sommer wieder abebbt und die Preise dann in der zweiten Jahreshälfte wieder nachgeben. Für sie gibt es daher keinen Grund zur Sorge. Das Inflationsgespenst verschwinde so schnell, wie es gekommen sei.

Andere Ökonomen sehen das nicht ganz so gelassen - allen voran Thomas Mayer, Ex-Chefvolkswirt der Deutschen Bank und heute Leiter des Flossbach von Storch Research Institutes der gleichnamigen Kölner Vermögensverwaltung. Er erwartet langfristig ein Anziehen der Inflation auf bis zu fünf Prozent. Hauptgrund sei eine Lohn-Preis-Spirale, wodurch die Inflation in den kommenden Jahren weiter anziehe. Weil das Angebot an Arbeitskräften wegen der Überalterung der Bevölkerung knapp werde, müssten die Unternehmen höhere Löhne zahlen. Diese Entwicklung werde zum "Inflationsturbo", so Mayer in einem Streitgespräch. 

Schon jetzt würden die Verschiebungen an der Geldmenge sichtbar. Deren jährliches Wachstum ist von etwa fünf Prozent vor der Pandemie auf jetzt rund zehn Prozent gestiegen. Das ist nicht ganz, aber fast der höchste Wert seit Gründung der Europäischen Währungsunion. Der Wirtschaftsweise Volker Wieland argumentierte in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", dass langfristig Preissteigerungen unvermeidbar seien, wenn die Geldmenge bei schwacher Konjunktur jährlich um diesen Wert wachse.

Die EZB wird wohl erst einmal stillhalten

Doch selbst wenn die Preise in diesem Jahr stärker und anhaltender steigen als erwartet, dürfte die EZB wenig dagegen unternehmen. Denn die logische Reaktion einer solchen Entwicklung, nämlich wieder steigende Zinsen, schließen die Währungshüter auf absehbare Zeit aus. Ein Zinsanstieg in der gegenwärtigen Situation hätte "verheerende Auswirkungen", sagte etwa Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel im Deutschlandfunk. Ähnliche Äußerungen gibt es seit Wochen aus der EZB. Damit sollen nicht nur günstige Kredite für die Unternehmen ermöglicht, sondern auch die Finanzmärkte beruhigt werden, die wegen der anziehenden Inflation zeitweise auf steigende Zinsen spekulierten und deshalb nervös wurden. Ein Kurseinbruch an den Aktienmärkten wäre das letzte, was Europas Wirtschaft jetzt gebrauchen könnte.

Für Sparerinnen und Sparer bedeutet das nichts Gutes: Eine Zinswende ist erneut in weite Ferne gerückt. Dass die das gar nicht gut finden, bekam die EZB jetzt quittiert: In einer Umfrage der Notenbank äußerten sich die Befragten überwiegend kritisch zur Geldpolitik der EZB - mehr als die Hälfte machten deutlich, dass sie von der Null-Zins-Politik die Nase voll haben.