Christine Lagarde | EPA
Analyse

Rückt die Zinswende näher? Die EZB kommt ins Grübeln

Stand: 03.02.2022 17:33 Uhr

Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins bei null Prozent belassen. Doch die rekordhohen Inflationsraten lassen nun auch die Währungshüter selbst an ihrem lockeren Kurs zweifeln.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Zunächst hatte es ganz danach ausgesehen, als ob die Europäische Zentralbank (EZB) weiter unbeirrt an ihrer ultralockeren geldpolitischen Gangart festhalten wolle. In der am Nachmittag veröffentlichten Entscheidung der EZB gab es keinerlei Hinweise auf einen geldpolitischen Kurswechsel.  

Trotz des anhaltend hohen Inflationsdrucks in der Eurozone beließen die Währungshüter auf der heutigen EZB-Ratssitzung den Leitzins im Euroraum auf dem Rekordtief von null Prozent.   

"Besorgnis" wegen hoher Inflationsdaten

Auf der anschließenden Pressekonferenz schlug EZB-Präsidentin Christine Lagarde dann allerdings deutlich nachdenklichere Töne an. Im Rat herrsche "einhellige Besorgnis" über die Inflationsdaten.   

Man sei sich aber einig, keine Entscheidung ohne eine hinreichende Datengrundlage zu treffen. Neue Projektionen zur Inflation wollen die EZB-Volkswirte erst im März vorlegen. "Die Inflation wird wahrscheinlich noch länger als bisher gedacht erhöht bleiben, aber sich abschwächen im Laufe dieses Jahres", sagte die Französin.  

Lagarde vermeidet klare Worte  

Hatte Lagarde im Dezember noch unterstrichen, dass eine Anhebung des Leitzinses im Jahr 2022 "sehr unwahrscheinlich" sei, vermied es die oberste europäische Währungshüterin heute, sich erneut so klar festzulegen.  

"Eine erste Zinserhöhung noch in diesem Jahr scheint damit ein durchaus realistisches Szenario zu werden", kommentierte Ulrike Kastens, Volkswirtin Europa des Vermögensverwalters DWS.  

Zwei Leitzinserhöhungen im Jahresverlauf?  

Zumal Lagarde auf der Pressekonferenz auch unterstrich, dass die Inflation in der mittleren Sicht viel näher an die Zielmarke der EZB von zwei Prozent gerückt sei.  

"Das war vielleicht der klarste Hinweis, dass die EZB ihren Leitzins wohl noch in diesem Jahr erhöhen wird", so Jörg Krämer. Der Commerzbank-Chefvolkswirt rechnet angesichts des hohen Inflationsdrucks nun mit zwei Zinserhöhungen im laufenden Jahr. Im September und Dezember dürfte der Leitzins demnach um jeweils 25 Basispunkte steigen.  

Harsche Kritik an lockerer Geldpolitik  

Die bisherige Sichtweise der EZB, wonach es sich bei den stark gestiegenen Inflationsraten nur um ein vorübergehendes Phänomen handle, war von Ökonomen zuletzt zunehmend angezweifelt worden. Auch der seit Jahresbeginn amtierende Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hatte zu seinem Amtsantritt gewarnt, er sehe "derzeit eher die Gefahr, dass die Inflationsrate länger erhöht bleiben könnte als gegenwärtig erwartet".  

Besonders deutliche Worte fand heute Friedrich Heinemann vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW): "Der EZB-Rat riskiert inzwischen, die Reputation dieser Institution ernsthaft zu beschädigen." 

Rekord-Inflation im Euroraum  

Der Vorwurf stand im Raum, dass die EZB mit ihrem langen Festhalten an einem ultralockeren Kurs im Angesicht einer hartnäckigen Inflation das Ziel der Preisstabilität aus den Augen verloren habe - zugunsten einer leichteren Finanzierbarkeit hoher Staatsdefizite. 

Erst gestern hatte das Statistikamt Eurostat einen überraschenden Anstieg der Inflationsrate im Euroraum im Januar auf den neuen Höchststand von 5,1 Prozent gemeldet. Damit liegt die Inflationsrate rund zweieinhalb so hoch wie die Zielmarke der EZB von zwei Prozent.

Ein erstes Abrücken vom Kurs

Mit ihren heutigen Aussagen rückt die EZB nun etwas von ihrem umstrittenen lockeren Kurs ab - ein Schritt, den die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) schon vollzogen hat. Die Fed hatte ihre ursprüngliche Einschätzung, dass die hohen Inflationsraten nur ein vorübergehendes Phänomen darstellen, längst korrigiert und Konsequenzen gezogen.   

Seit Januar fährt sie ihre Anleihenkäufe zurück, für März wurde die erste Zinserhöhung in Aussicht gestellt. Marktakteure erwarten für das laufende Jahr insgesamt fünf Leitzinserhöhungen der Fed. Die Experten der Bank of America rechnen für 2022 sogar mit sieben Zinsschritten.   

Dabei ist die Fed nicht die einzige Notenbank, die den Zeitpunkt für Zinsanhebungen gekommen sieht. Die Bank of England hat ihren Leitzins heute sogar bereits zum zweiten Mal erhöht - auf nunmehr 0,5 Prozent. Die striktere Geldpolitik der anderen Zentralbanken dürfte nun auch die EZB noch stärker unter Zugzwang gebracht haben.  

DAX unter Druck, Euro zieht an  

Anleger gingen am Nachmittag durch ein Wechselbad der Gefühle. Das zeigt auch ein Blick auf den Devisenmarkt: Der Euro fiel in einer ersten Reaktion auf den EZB-Entscheid auf ein Tagestief von 1,1272 Dollar, drehte nach den Lagarde-Aussagen dann aber deutlich ins Plus. Bis auf 1,1449 Dollar ging es aufwärts.

Der erstarkende Euro spiegelt die wachsenden Zinserwartungen im Euroraum wider. Diese machen jedoch Anlagen in Aktien weniger attraktiv. Kein Wunder also, dass der DAX nach den Lagarde-Aussagen unter Druck geriet. Der deutsche Leitindex schloss 1,6 Prozent tiefer bei 15.368 Punkten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. Februar 2022 um 13:35 Uhr.