Die Europäische Zentralbank (EZB) | dpa

Notsitzung der Zentralbank EZB geht gegen Marktturbulenzen vor

Stand: 15.06.2022 18:50 Uhr

Die Europäische Zentralbank (EZB) stemmt sich gegen den Ausverkauf von Staatsanleihen südlicher Euro-Länder. Auf einer außerordentlichen Ratssitzung beschloss sie mehrere Maßnahmen.

Wie viel Zinsen verträgt Europa? Über diese Frage zerbrechen sich derzeit die europäischen Währungshüter den Kopf. Die angekündigte Zinswende im Juli stürzt die EZB in ein Dilemma. Sie muss einerseits die Inflation bekämpfen, darf aber andererseits nicht zu sehr die inzwischen lahmende Konjunktur im Euro-Raum bremsen.

Die Unruhe an den Anleihenmärkten zeigt nun, auf welch schmalem Grat die Zentralbank wandelt. Die deutlich gestiegenen Renditen der Staatsanleihen südeuropäischer Länder in den letzten Tagen haben die Währungshüter alarmiert. Deshalb wurde heute überraschend ein außerordentliches Treffen des EZB-Rats einberufen.

Reinvestitionen sollen verschuldeten Ländern helfen

Die Währungshüter beschlossen auf ihrer mehrstündigen Sondersitzung unter anderem, bei der Wiederanlage der Gelder aus auslaufenden Anleihen höher verschuldeten Euro-Ländern besonders unter die Arme zu greifen. Um zu gewährleisten, dass die gerade erst beschlossene Straffung der lockeren Geldpolitik diese Länder nicht zu sehr belaste, sollen Gelder aus auslaufenden Anleihen des beendeten Corona-Notkaufprogramms PEPP wieder investiert werden. Das könnte Ländern wie Italien helfen, die inzwischen wieder deutlich mehr Zinsen für Staatsanleihen bieten müssen.

EZB arbeitet an neuem Instrument

Zudem arbeitet die Notenbank an einem neuen Instrument, das das Auseinanderdriften der Renditen von Staatsanleihen eindämmen soll. Wie das Instrument aussehen soll, blieb offen. Medien sprachen von einem "Geheimplan für Europa". Die Währungshüter befürchten, dass die Marktteilnehmer die Notenbank auf die Probe stellen würden, falls sie jetzt schon ihre Gegenmaßnahmen verkünden.

Laut dem niederländischen Notenbankchef Klaas Knot ist das neue Instrument für den Fall gedacht, dass die Umleitung der Reinvestitionen in Richtung Anleihen südlicher Euro-Länder nicht genügt. "Wir wissen nicht, ob das ausreicht, das hängt von der Antwort der Märkte ab", sagte das EZB-Ratsmitglied. "Aber wenn das nicht ausreicht, seien Sie versichert, dass wir bereit stehen," fügte er hinzu.

Ausverkauf an den Anleihemärkten

Die EZB hatte auf ihrer jüngsten Sitzung am vergangenen Donnerstag eine Reihe von Zinserhöhungen angekündigt. Es wäre das erste Mal seit elf Jahren, dass die Notenbank ihre Geldpolitik strafft. Das sorgte für einen Ausverkauf und fallende Kurse an den Anleihemärkten; im Gegenzug schnellten die Anleiherenditen stark empor.

Der Renditeabstand - der sogenannte "Spread" - zwischen den Staatsanleihen Deutschlands und denen höher verschuldeter südlicher Euro-Länder, insbesondere Italiens, liegt inzwischen auf dem höchsten Stand seit über zwei Jahren. Während zehnjährige Bundesanleihen mit rund 1,7 Prozent notieren, liegt die Rendite entsprechender Papiere Spaniens bei etwa drei Prozent. Zehnjährige italienische Papiere werfen rund vier Prozent ab, griechische sogar 4,6 Prozent.

Dilemma für die Währungshüter

Die Staatsschulden Griechenlands liegen bei knapp 200 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes, in Italien sind es rund 150 Prozent. In den vergangenen Jahren hatten die Notenbanken der Eurozone und auch die EZB im großen Stil Staatsanleihen der Mitgliedsländer gekauft und damit das langfristige Zinsniveau gedrückt.

Im Zuge einer strafferen Geldpolitik müsste sich die EZB eigentlich wieder von den Papieren trennen - doch das würde den Anleihemarkt vermutlich noch weiter belasten. Die Notenbank hat bereits angekündigt, Neukäufe von Staatsanleihen Anfang Juli einzustellen.

Zudem haben italienische Banken in den vergangenen Jahren mit dem billigen Zentralbankgeld im großen Stil in heimische Staatsanleihen investiert. Die nun gefallenen Anleihekurse drohen die Bilanzen der italienischen Geldhäuser zu belasten.

Anleiherenditen sinken etwas

An den Anleihemärkten sorgte die Ankündigung der EZB für etwas Beruhigung. Die Rendite der zehnjährigen italienischen Staatsanleihe sank auf 3,92 Prozent. Zu Wochenbeginn war sie noch auf über vier Prozent geklettert. Die Rendite griechischer zehnjähriger Staatstitel verringerte sich auf 4,308 Prozent - ein Minus von 0,35 Prozentpunkten.

Das Zinsniveau von hoch verschuldeten Ländern wie Griechenland und Italien liegt damit immer noch deutlich unter der Inflationsrate im Euroraum von rund acht Prozent. Die Geldentwertung hilft den Ländern also bei der Entschuldung. Gleichzeitig bedeutet sie für Sparer ein Verlust von Vermögen.

Experten hatten sich mehr erhofft

Die wichtige Nachricht sei, dass die EZB etwas präsentieren wolle, kommentierte Zinsstratege Antoine Bouvet vom Bankhaus ING. "Was zählt ist, dass etwas kommt und das gibt potenziellen Verkäufern italienischer Anleihen zumindest die Gewissheit, dass es für die Ausweitung der Renditeabstände eine Grenze gibt."

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, zeigte sich etwas skeptischer. "Die EZB hat heute bekräftigt, dass sie die Wiederanlage fällig werdender Anleihe nutzen will, um die Anleihen hochverschuldeter Länder wie Italien zu stützen. Aber offensichtlich ist sich die EZB nicht sicher, ob das reicht", erklärte er. Ein neues Hilfsprogramm könnte nach seiner Einschätzung auf Reformauflagen für die betroffenen Staaten verzichten, würde aber wohl Nettoanleihenkäufe vorsehen. Dadurch gelangte wiederum neues Geld in Umlauf, was den Kampf gegen die sehr hohe Inflation behindern würde. Die Lage für italienische Staatsanleihen bleibe schwierig, glaubt Krämer. "Es rächt sich nun, dass sich das Land seit Jahren den notwendigen tiefgreifenden Reformen verschließt."

"Was immer die EZB tun könnte, wird umstritten sein", sagte Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding gegenüber tagesschau.de. Vermutlich werde es auf weitere Anleihekäufe herauslaufen, möglicherweise so, dass die EZB teilweise Anleihen einiger Länder wie Deutschland durch italienische Anleihen ersetzt. "Als erstes könnte die EZB auslaufende Anleihen aller Länder durch Anleihen möglicher Krisenstaaten wie Italien ersetzen innerhalb Ihres großen Pandemie-Krisenprogramms PEPP", erklärte Schmieding.

15.6.2022 • 18:48 Uhr

Euro kann Gewinne nicht halten

An den Devisenmärkten reagierten die Händler enttäuscht auf die Ankündigungen der EZB: Der Euro gab seine anfänglichen Gewinne ab und fiel wieder unter 1,04 Dollar. Am Morgen hatte die Gemeinschaftswährung noch um knapp einen Cent auf 1,0495 US-Dollar zugelegt.

Ihre letzte außerordentliche Ratssitzung hatte die EZB im März 2020 einberufen - zu Beginn der Corona-Pandemie. Damals startete die Notenbank ihr massives Anleihekaufprogramm, um Staaten wie Italien vor Verwerfungen an den Märkten zu schützen.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 15. Juni 2022 um 17:39 Uhr.