EZB-Präsidentin Christine Lagarde spricht bei einer Pressekonferenz | EPA

Geplante Zinserhöhungen EZB könnte stärker gegen Inflation vorgehen

Stand: 28.06.2022 15:48 Uhr

Europas Währungshüter stemmen sich gegen die enorme Teuerung. Nun signalisiert EZB-Chefin Lagarde: Auch schnellere und größere Zinserhöhungen als bislang geplant sind denkbar, sollte sich der Preisauftrieb beschleunigen.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat auf der Jahreskonferenz der Europäischen Zentralbank im portugiesischen Sintra ein möglicherweise härteres Vorgehen der Währungshüter gegen steigende Verbraucherpreise in Aussicht gestellt.

"Wenn sich die Inflationsaussichten nicht verbessern, werden wir über ausreichende Informationen verfügen, um schneller zu handeln", sagte Lagarde heute bei dem Treffen. "Angesichts der allgemeinen Aussichten wird der Prozess der Normalisierung unserer Geldpolitik entschlossen und nachhaltig fortgesetzt werden."

Teuerung könnte längerfristig hoch bleiben

Derzeit plant die EZB den ersten Zinsschritt für Juli - die erste Anhebung des Leitzinses seit 2011. Zunächst sollen die Zinsen um einen Viertelprozentpunkt steigen, eine weitere, dann stärkere Erhöhung soll im September folgen - falls der Inflationsdruck bis dahin nicht sinkt.

Mit ihrer Wortwahl signalisiert Lagarde nun, dass EZB ihre Gangart im laufenden Jahr noch ändern könnte. Die Währungshüter halten sich offen, weitere Schritte gegen die hohe Inflation zu unternehmen, falls der Preisauftrieb stärker als gedacht ausfällt.

Die Inflation in den 19 Ländern des Euro-Währungsraums liegt bei 8,1 Prozent - ein Rekord. Neue Inflationszahlen für den Währungsraum sollen am Freitag veröffentlicht werden. Die Inflation sei "unerfreulich hoch" und werde wohl noch für einen gewissen Zeitraum auf diesem Niveau verharren, so Lagarde in Sintra.

"Allmählich" reicht nicht mehr aus?

Mögliche Leitzins-Anhebungen könnten nach den Worten der EZB-Präsidentin unter Umständen auch höher ausfallen oder schneller aufeinander folgen als bislang erwartet. Bislang hatte die Notenbank-Chefin von einer allmählichen Erhöhung des Zinsniveaus gesprochen. Es könne Umstände geben, unter denen eine "allmähliche" Zinsanpassung nicht mehr ausreichend seien, sagte Lagarde.

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine hat zu stark steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen geführt. Wegen der starken Abhängigkeit bei der Energie erlebe der Euroraum diese "Schocks" akut. "Das Ausmaß und die Komplexität dieser Schocks schaffen auch Unsicherheit darüber, wie anhaltend diese Inflation wahrscheinlich sein wird", so die EZB-Präsidentin.

Einige Volkswirte halten einen großen Zinsschritt um einen halben Prozentpunkt bereits im Juli für möglich. Sie dürften sich von den heutigen Äußerungen Lagardes bestätigt fühlen.

Instrument für hoch verschuldete Euro-Staaten

Auf der Konferenz in Sintra hat die EZB Maßnahmen diskutiert, um stark verschuldeten Ländern in der Eurozone zu helfen. Ein geplantes neues Instrument der Zentralbank soll nach den Worten von Lagarde mit einer soliden Haushaltspolitik verknüpft werden. Beobachtern zufolge dürften die Auflagen aber nicht allzu schwer zu erreichen sein. So sollen sich die Länder an die wirtschaftlichen Empfehlungen der EU-Kommission halten - was sie allerdings ohnehin tun müssen, um Finanzmittel von der Europäischen Union zu erhalten.

Die Renditen für Staatsanleihen von Italien und anderen stark verschuldeten Länder sind in den vergangenen Monaten in die Höhe geschnellt. Grund dafür ist neben der geplanten Leitzinserhöhung auch das Auslaufen des EZB-Programms der Wertpapierkäufe, mit dem besonders finanzschwache Euro-Mitglieder gestützt werden sollten.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 26. Juni 2022 um 13:00 Uhr.