Gebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt | dpa

Europäische Zentralbank Was das neue Inflationsziel bedeutet

Stand: 08.07.2021 17:20 Uhr

Mehr Inflation und mehr Klimaschutz: Die Europäische Zentralbank hat sich für einen neuen geldpolitischen Kurs entschieden. Dazu toleriert sie jetzt auch eine zeitweise über dem Ziel liegende Teuerung.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihr Ziel, eine Geldentwertung von höchstens zwei Prozent zu akzeptieren, aufgeweicht. Wie erwartet, hat sich die Notenbank auf ihrer heutigen Sitzung auf ein neues Inflationsziel von genau zwei Prozent verständigt. Das ist auf den ersten Blick zwar nur minimal höher als die bisher veranschlagten "unter, aber nahe zwei Prozent". Doch erlaubt die neue Zielmarke der Notenbank künftig auch dann die Zinsen unverändert zu lassen, wenn die Teuerung zeitweise "moderat über den Zielwert" hinausschießt, wie dies aktuell der Fall ist. In Deutschland lag der Preisauftrieb zuletzt bei 2,3 Prozent.

Experten zufolge sei genau diese Frage, wie die Notenbank künftig auf ein Überschießen der Inflation reagieren soll, im geldpolitischen Rat bis zuletzt kontrovers diskutiert worden. Geholfen habe offenbar ein Blick in die USA. Dort bedient sich die Notenbank Federal Reserve (Fed) Elementen eines "Average Inflation Targeting". Damit ist gemeint, dass die Notenbank nach einer Zeit mit einer Inflation unterhalb ihres Inflationsziels anschließend eine Zeit lang ein Überschießen duldet, um im Durchschnitt die angestrebte Teuerungsrate zu erreichen.

Weidmann wohl anfangs skeptisch - Experten auch

Bundesbankpräsident Jens Weidmann hatte sich im Vorfeld gegen eine solche Strategie ausgesprochen. Denn stillzuhalten, wenn die Inflation mittelfristig das Ziel von zwei Prozent übersteige, ohne dass die Notenbank interveniere, könne missverstanden werden. Der heutigen Entscheidung des EZB-Rats hat er dann aber doch zugestimmt. Sie sei einstimmig erzielt worden, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde am Nachmittag.

Tatsächlich verschafft sich die EZB mit dem neuen Inflationsziel von zwei Prozent mehr Freiraum, um an ihrer Nullzinspolitik festzuhalten - ungeachtet der Entwicklung der Verbraucherpreise. "Deshalb kann davon ausgegangen werden, dass die Geldpolitik bis auf weiteres locker bleibt", urteilt Ralf Umlauf, Volkswirt bei der Helaba. auch der Bankenverband mahnt: "Wirtschaft und Sparer im Euroraum werden sich auf absehbare Zeit leider auch weiterhin auf Negativzinsen einstellen müssen."

Professor Friedrich Heinemann vom Mannheimer Konjunkturinstitut ZEW reagiert ebenfalls skeptisch. Er glaubt, dass das angehobene Inflationsziel einer höheren Teuerungsrate den Weg bereitet. "Weil eine Inflation unter zwei Prozent jetzt als genauso schlecht wie eine Inflation über zwei Prozent gilt, wird es der EZB-Rat noch leichter haben, in den kommenden Jahren eine Fortdauer der extrem lockeren Geldpolitik und der Anleihekäufe zu rechtfertigen", so der Wirtschaftswissenschaftler. Auch der ausdrückliche Verweis, dass gegebenenfalls für eine Übergangsphase eine moderate Zielüberschreitung hingenommen werden müsse, schwäche die Verbindlichkeit des Ziels als Obergrenze weiter ab, so Heinemann.

Wohnkosten und Klimaschutz

Einhellig begrüßt wird dagegen die Entscheidung der Notenbank, künftig auch die Wohnkosten mit in die Berechnung der Teuerung einzubeziehen. Dies sei jedoch ein "mehrjähriges Projekt", erklärte die Notenbank. In der Zwischenzeit werde die EZB vorläufige Schätzungen der Wohnkosten von Menschen mit Eigenheim in ihre Inflationsberechnung einbeziehen.

Wie von Lagarde bereits seit längerem gefordert, will die EZB künftig auch den Klimaschutz in ihrer Geldpolitik stärker berücksichtigen. Dazu sei "ein umfassender Aktionsplan mit einem ehrgeizigen Fahrplan zur weiteren Einbeziehung von Klimaschutzüberlegungen" in den geldpolitischen Handlungsrahmen beschlossen worden, teilte die Notenbank mit.

Wie genau dieses Ziel umgesetzt werden soll, bleibt allerdings offen. Den größten Spielraum zur Umsetzung einer ökologie-freundlichen Geldpolitik hat die Notenbank bei ihrem Anleihen-Kaufprogramm. So hat sie bei Unternehmensanleihen begonnen, "relevante Risiken des Klimawandels" in ihren Prüfverfahren für den Ankauf von Vermögenswerten zu berücksichtigen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Juli 2021 um 16:00 Uhr.