Die Bankentürme der Innenstadt und die Lichter in den Büros der Europäischen Zentralbank (EZB) leuchten im letzten Licht des Tages. | dpa

Europäische Zentralbank Zwischen Krisenhilfe und Inflationsdruck

Stand: 28.12.2021 13:41 Uhr

Steigende Preise haben Europas Währungshüter dieses Jahr unter Druck gesetzt. Kritiker werfen der EZB vor, das Ausmaß der Inflation zu spät erkannt zu haben. Wie lange wird die Zinswende auf sich warten lassen?

Von Klaus-Rainer Jackisch, HR

Auch in diesem Jahr spielte die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank wieder eine entscheidende Rolle an den Finanzmärkten und für das Verhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher. Denn zum ersten Mal seit gut einem Jahrzehnt sahen sich die europäischen Währungshüter ähnlich wie ihre Kollegen rund um den Globus mit einer deutlich steigenden Inflation konfrontiert. Lag die Teuerungsrate im Euroraum im Dezember 2020 noch mit 0,3 Prozent im Minus, schnellte sie bis zum November dieses Jahres auf knapp fünf Prozent in die Höhe - all dies eine Folge der kräftigen Wirtschaftserholung nach dem Einbruch durch die Corona-Krise bei gleichzeitig knappen Rohstoffen und dadurch steigenden Preisen für Energie und Vorprodukte.

Klaus-Rainer Jackisch

"Dynamik komplett unterschätzt"

Doch die Währungshüter hätten sich schwer getan, diese Entwicklung zu erkennen, sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt Deutschland der ING Bank. "Die Geldpolitik der EZB fing im Jahr 2021 mit einem großen Fehler an. Man hat nämlich die Inflationsdynamik komplett unterschätzt", so Brzeski. "Da ging es der EZB nicht so viel anders als anderen großen Notenbanken." Allerdings hätten andere große Zentralbanken, vor allem die Federal Reserve in den USA, früher verstanden, dass die Teuerung nicht nur ein zeitliches Phänomen sei, sondern ein strukturelleres Problem sein könnte. 

Während US-Notenbank und die britische Bank of England spätestens seit dem Sommer die Zügel straffer zogen, die Reduzierung der Anleihekäufe und die Zinswende ankündigten, im britischen Fall später auch durchzogen, behauptete die EZB noch immer, die hohe Preissteigerung sei nur ein vorübergehendes Phänomen. Das ganze Jahr druckte sie weiter Milliarden Euro, mit denen sie Anleihen kaufte und ihr Hilfsprogramm zeitweise sogar beschleunigte.

Anleihekäufe nur gedrosselt

Erst nach ihrer letzten Ratssitzung im Dezember gab die EZB kleinlaut zu, dass sie sich mit ihren Prognosen vergaloppiert hatte und die Inflation auch im kommenden Jahr weiter sehr hoch bleiben werde. Doch selbst diese Erkenntnis führe nur zu einer moderaten Drosselung der Anleihekäufe, nicht zu einer wirklichen Richtungsänderung, kritisiert Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank: "Die EZB schließt anders als die angelsächsischen Notenbanken höhere Leitzinsen im kommenden Jahr aus. Die Europäische Zentralbank reagiert nicht entschieden gegen die massiven Inflationsprobleme, die es ja nicht nur in den USA, sondern auch im Euroraum gibt."  

Um sich mehr Spielraum für diese Geldpolitik zu verschaffen, änderte die Zentralbank im Sommer sogar ihre Strategie: statt knapp unter zwei Prozent peilen die Währungshüter jetzt eine Inflationsrate von genau zwei Prozent an. Der Unterschied, der wie eine akademische Spitzfindigkeit klingt, hat es in sich: Weil es schwierig ist, genau die zwei Prozent zu treffen, erlaubt sich die EZB eine Zeit lang über oder unterhalb des Zieles zu bleiben, um es mittelfristig als Durchschnitt zu erreichen.

Mehr Spielraum für die Geldpolitik

Damit gibt sie sich aber mehr Spielraum, auf starke Abweichungen nicht sofort reagieren zu müssen, kann also gut begründen, warum sie an ihrer lockeren Geldpolitik festhält. Es gebe auch noch einen anderen Grund, warum die EZB die Zinsen möglichst lange nahe Null halten wolle, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer: "Sie schielt auch auf die Finanzierungsbedingungen, auch auf die Finanzierungswünsche der vielen hoch verschuldeten Länder im Euroraum gerade aus dem Süden der Währungsunion. Das erklärt nach meiner Meinung, warum die EZB anders als die amerikanische Notenbank so unentschieden, so halbherzig gegen das Inflationsthema vorgeht." 

Dennoch können sich die Währungshüter nicht dauerhaft gegen eine Wende der Geldpolitik stemmen. Carsten Brzeski glaubt, dass die EZB ihre Anleihekäufe im kommenden Jahr beenden wird - und es könne "ab dem Spätsommer 2022 darüber spekuliert werden, wann denn die erste Leitzinserhöhung kommt". Eine wirkliche Zinswende durch die EZB könnte dann im ersten Quartal 2023 eingeleitet werden. 

Verbraucherinnen und Verbraucher müssen also noch mindestens ein Jahr warten, bis ihr Sparbuch wenigstens wieder etwas Zinsen abwirft. 

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 16. Dezember 2021 um 16:00 Uhr.