Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main  | dpa

EZB-Pläne Grüner Anstrich für die Geldpolitik

Stand: 04.07.2022 17:58 Uhr

Die EZB will "grünere" Geldpolitik machen. Dazu sind nun weitere Details bekannt gegeben worden. Sowohl Finanzfachleute als auch Klimaaktivisten sind skeptisch.

Von Ursula Mayer, hr

In den vergangenen Jahren haben Klimaschutzorganisationen die Europäische Zentralbank (EZB) regelrecht belagert: Mal verbrannten sie vor ihren Toren eine symbolische Erde, mal landeten sie mit Gleitschirmen auf dem Gelände der Zentralbank. Ihr Hauptvorwurf: Die EZB stecke Milliarden in klimaschädliche Energieunternehmen wie Shell oder Total. Auf diese Kritik haben die Währungshüter mittlerweile reagiert und wollen künftig Klima-Aspekte stärker berücksichtigen - etwa, wenn sie Anleihen von Unternehmen kaufen.

Denn die EZB kauft zwar seit letzter Woche keine neuen Anleihen mehr. Aber das Geld, das die Zentralbank durch auslaufende Anleihen einnimmt, steckt sie durchaus wieder in Anleihen. In den nächsten Jahren stehen ihr so im Schnitt jedes Jahr 30 Milliarden Euro zur Verfügung - und die will die EZB von Oktober an klimafreundlicher ausgegeben.

Keine Unternehmen ausschließen

"Deshalb wollen wir die Firmen dazu bringen, ihre C02-Emissionen offenzulegen und zu reduzieren", meint EZB-Ratsmitglied Isabel Schnabel. Ganz allgemein sollen sie über alle Klimarisiken offen berichten. Sei es, dass sie selbst von einem Klimaereignis betroffen sein könnten, weil sie ihren Sitz etwa in einem Hochwassergebiet haben. Sei es, dass sie selbst zum Klimawandel beitragen, weil ihr Geschäftsmodell zum Beispiel rund um fossile Brennstoffe gestrickt ist.

Dann wollen die Währungshüter vor allem Anleihen von Firmen kaufen, die eine gute Klimabilanz haben - oder zumindest Pläne, wie sie in Zukunft umweltfreundlicher wirtschaften wollen. Aber EZB-Ratsmitglied Schnabel stellt auch klar, dass man letztlich kein Unternehmen komplett ausschließen wolle. "Das ist wichtig, weil die weniger nachhaltigen Firmen eben nachhaltiger werden müssen, und wir wollen sie bei dieser Transformation begleiten", so Schnabel.  

Gefahr des "Greenwashing"?

Auch wenn sich Geschäftsbanken bei der EZB Geld leihen, soll der Klimaschutz stärker berücksichtigt werden. Insbesondere bei den Sicherheiten, die die Banken im Zusammenhang mit diesen Kreditgeschäften stellen. Diese Maßnahme soll allerdings erst in zwei Jahren in Kraft treten. Das Ganze ist Teil eines Klimaaktionsplans, den die EZB bereits vor rund einem Jahr vorgelegt hat.

Mauricio Vargas, Finanzexperte bei Greenpeace, kritisiert, dass die Zentralbank in Sachen Klimaschutz zu langsam sei und zu wenig tue: "Unternehmen wie Shell oder Total setzen weiter ganz klar auf fossile Energieträger, die hätte die EZB aus ihren Finanzhilfen ausschließen müssen." Denn gerade da sieht Vargas die Gefahr des Greenwashing - also dass Unternehmen zwar behaupten, sie würden sich ändern, tatsächlich aber weitermachten wie bisher.

Klimaschutz oder stabile Preise?

Fraglich ist außerdem, ob sich die EZB überhaupt um den Klimaschutz kümmern sollte. Emanuel Mönch, Finanzexperte an der Frankfurt School of Finance and Management, findet das grundsätzlich sinnvoll. Allerdings gebe drängendere Probleme, vor allem die rasant steigenden Verbraucherpreise in der Eurozone. "Deshalb sollte die Zentralbank alles daransetzen, um die Inflation zu bekämpfen", meint Mönch. Vor allem sollte sie die Zinsen erhöhen.  

Zuletzt hatte die Inflation in der Währungsunion mit 8,6 Prozent einen Rekordstand erreicht. Speziell in Deutschland war sie mit 7,6 Prozent zwar leicht gesunken, aber weiter auf hohem Niveau. Und die Hauptaufgabe der EZB bleibt Mönch zufolge, für stabile Preise zu sorgen. Daran lassen auch die Währungshüter keinen Zweifel.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 04. Juli 2022 um 16:41 Uhr.