Die Sonne beleuchtet vor der Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) eine Stele mit einem Schild, das die Aufschrift "European Central Bank Eurosystem" trägt. | dpa

Mehr Risiken im Euroraum EZB sieht Finanzstabilität in Gefahr

Stand: 16.11.2022 15:13 Uhr

Die Europäische Zentralbank sieht wachsende Risiken für die Finanzstabilität im Euroraum. Hintergrund sind der anhaltende Preisschub infolge des Krieges gegen die Ukraine und die sich eintrübende Konjunktur.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat vor zunehmenden Gefahren für die Finanzstabilität im Euroraum gewarnt. "Die Menschen und die Unternehmen spüren bereits die Auswirkungen der steigenden Inflation und der Verlangsamung der Wirtschaftstätigkeit", erklärte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos anlässlich der Vorstellung des halbjährlich erscheinenden Finanzstabilitätsberichts der Notenbank in Frankfurt.

Euroraum vor technischer Rezession

"Unserer Einschätzung nach haben die Risiken für die Finanzstabilität zugenommen, und eine technische Rezession im Euroraum ist wahrscheinlicher geworden", warnte der EZB-Vize. Ökonomen sprechen von einer technischen Rezession, wenn die Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft oder in diesem Falle eines Währungsraums zwei Quartale in Folge schrumpft, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) also fällt.

Im dritten Quartal war das Eurozonen-BIP nur um 0,2 Prozent zum Vorquartal gewachsen. Die EU-Kommission rechnet inzwischen damit, dass die Wirtschaft der Eurozone mit dem Winterquartal in die Rezession rutscht.

Inflation ist Hauptrisiko für Finanzstabilität

"Das Hauptrisiko für Finanzstabilität und Wachstum besteht derzeit darin, dass die Inflation auf einem sehr hohen Niveau bleibt", sagte de Guindos in einer Videoschalte. "Unser Hauptbeitrag zur Finanzstabilität ist jetzt, Preisstabilität herzustellen." Die EZB sieht diese mittelfristig bei zwei Prozent Inflation im Euroraum gewährleistet. Davon ist die Teuerung seit Monaten weit entfernt: Im Euroraum lagen die Verbraucherpreise im Oktober um 10,7 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats.

Die EZB hatte nach Meinung vieler Ökonomen viel zu lange gezögert, die Teuerung mit Zinserhöhungen in den Griff zu bekommen. Doch in den vergangenen Monaten fand in den Reihen der Währungshüter ein Umdenken statt: Der Leitzins im Euroraum liegt inzwischen immerhin bei 2,0 Prozent.

Wachsende Risiken für Banken

Die hohe Inflation und die schwächelnde Konjunktur bergen Risiken für Haushalte und Unternehmen, aber auch für die Bankenbranche. Da es für Unternehmen und Haushalte schwieriger werde, ihre Schulden zurückzuzahlen, könnten Banken mittelfristig mit höheren Kreditausfällen konfrontiert sein, führte EZB-Vize de Guindos weiter aus. Sollten sich die Aussichten weiter verschlechtern, könne eine Zunahme an Unternehmensinsolvenzen nicht ausgeschlossen werden, insbesondere bei energieintensiven Firmen.

Die hohe Inflation sowie steigende Gas- und Stromrechnungen belasteten derweil die Haushalte, teilten die Währungshüter mit. Dadurch sinke ihre Kaufkraft und womöglich auch ihre Fähigkeit zur Kreditrückzahlung. In ihrem Bericht wies die EZB auch darauf hin, dass rund die Hälfte der Energiehändler mit Engagements in Gas- und Stromderivaten mit weiteren Nachschussforderungen konfrontiert sein könnten, sollen die Energiepreise weiter ansteigen oder stark schwanken.

Spannungen an den Finanzmärkten

Zu den Risiken für die Finanzstabilität zählte die EZB überdies auch mögliche Spannungen an den Finanzmärkten, wodurch etwa die Widerstandsfähigkeit von Fonds getestet werde. "Außerdem könnten alle diese Schwachstellen gleichzeitig auftreten und sich möglicherweise gegenseitig verstärken."

Insgesamt jedoch hält die Notenbank, die die größten Banken im Euroraum direkt beaufsichtigt, das Bankensystem im Währungsraum der 19 Länder für "gut aufgestellt, um vielen Risiken standzuhalten".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Oktober 2022 um 20:00 Uhr.