Gebäuder der Europäischen Zentralbank in Frankfurt | EPA
Analyse

EZB drosselt Anleihekäufe Kein Kursschwenk trotz hoher Inflation

Stand: 10.09.2021 10:47 Uhr

Ungeachtet der hohen Teuerungsrate hält die Europäische Zentralbank an ihrer lockeren Geldpolitik fest. Sie erwartet für 2022 einen Rückgang der Inflation. Viele Volkswirte meinen, die EZB unterschätze die Entwicklung.

Eine Analyse von Klaus-Rainer Jackisch, hr

Als Martina Peters aus Bad Nauheim vor einigen Wochen einen Mietwagen für ihren Urlaub auf Mallorca buchen wollte, dachte sie, sie treffe der Schlag: Der Preis für das Fahrzeug war fast viermal so hoch wie normalerweise. Auch das Hotel wollte von der langjährigen Kundin deutlich mehr und der bereits gebuchte Flug war ohnehin teurer als im Vorjahr. Insgesamt kostete die Reise gut 30 Prozent mehr.

Klaus-Rainer Jackisch

Die Reisebranche ist eine der Industrien, die die Preise in ganz Europa derzeit deutlich in die Höhe treibt - so wie der gesamte Dienstleistungssektor. Doch nicht nur der: Besonders teuer sind Benzin und Heizöl, viele Lebensmittel und zunehmend Elektronikgeräte. Außerdem hat die Rückkehr zu den alten Mehrwertsteuersätzen in Deutschland sowie die CO2-Abgabe hierzulande die Ausgaben zusätzlich erhöht.

EZB hält hohe Inflation für temporäres Phänomen

Insgesamt stieg die Inflationsrate im Euroraum von 2,2 Prozent im Juli auf 3,0 Prozent im August - der höchste Wert seit rund zehn Jahren. Noch höher lag Inflationsrate in Deutschland: Sie erreichte im August die Marke von 3,9 Prozent und steuert nach Ansicht der Deutschen Bundesbank auf rund fünf Prozent zu.

Die EZB sieht trotz dieser Entwicklung keinen Grund zum Handeln. Zwar "spüren die Bürgerinnen und Bürger der Eurozone die Preissteigerung mittlerweile deutlich", räumte EZB-Präsidentin Christine Lagarde auf der Pressekonferenz nach der EZB-Ratssitzung ein. Auch wurde die Inflationsprognose für dieses und die kommenden zwei Jahre angehoben. Demnach soll sie etwa in diesem Jahr nun 2,2 Prozent betragen. Dennoch glauben die Währungshüter, dass diese Entwicklung nur temporär sei, so Lagarde.

Schon im kommenden Jahr werde die Preissteigerung wieder deutlich abnehmen. Nach der neuen EZB-Prognose soll sie dann 1,7 Prozent betragen, im Jahr 2022 auf 1,5 Prozent sinken - all das wäre im Rahmen des selbst gesteckten Zieles einer Inflationsrate von zwei Prozent.

Kritiker erwarten höhere Inflation als in Vorjahren

Mit ihren Prognosen lag die EZB bislang allerdings nur selten richtig. Ihre Modelle sind seit Jahren viel zu optimistisch und hinken der realen Entwicklung meistens hinterher. Immer mehr Kritiker melden sich daher zu Wort. Sie verweisen darauf, dass Corona die globale Wirtschaftsstruktur nachhaltig verändert und genau dieser Effekt künftig einen höheren Preisanstieg zur Folge hat.

"Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Jahren im Durchschnitt höhere Inflationsraten sehen, als das in der Vergangenheit der Fall war", sagt etwa Carsten Mumm, Chefvolkswirt der der Hamburger Privatbank Donner & Reuschel. "Zumindest über zwei Prozent. Und zeitweise könnte sie auch deutlich darüber liegen." Auch Carsten Brzeski, Chefvolkswirt Deutschland der ING Bank in Frankfurt am Main, glaubt, dass die Zeiten niedriger Inflation vorerst vorbei sind: "Die Raten werden wieder herunter gehen", so Brzeski, "aber nicht auf das alte Niveau".

Viele Faktoren wirken als Preistreiber

Für diese Erwartungen gibt es zahlreiche Gründe: Viele Unternehmen wollen sich von den Lieferungen aus Fernost nicht mehr abhängig machen und suchen sich alternative Lieferanten, die in Europa oder Deutschland produzieren. Das ist oft viel teurer und dürfte die Preise hoch halten. Auch die Klimadebatte entwickelt sich zum Preistreiber. Die CO2-Abgaben, aber auch andere Maßnahmen zum Klimaschutz werden in den kommenden Jahren etwa die Energiepreise weiter antreiben. "Der Kampf gegen den Klimawandel wird nicht kostenfrei sein", sagt Brzeski.

Hinzu kommt, dass die hohe Inflation auch die Löhne weiter steigen lässt. Die Gewerkschaften lassen bereits jetzt die Muskeln spielen. In vielen europäischen Staaten ist die Lohnentwicklung automatisch an die Inflationsrate gekoppelt. In Spanien etwa sind derzeit Lohnrunden von bis zu sieben Prozent keine Seltenheit. All das führt zwar zu mehr Konsum, aber eben auch zu höherer Inflation. Viele Beobachter fürchten eine Lohn-Preis-Spirale wie in den 1970er-Jahren und werfen der EZB vor, diese Entwicklungen nicht ausreichend in ihre Modelle einzuarbeiten.

Tatsächlich ließ sich EZB-Präsidentin Christine Lagarde ein Hintertürchen offen und betonte, dass die EZB mit ihren Inflationsprognosen nachjustieren müsse, sollten diese Entwicklungen die Preise stärker antreiben als im Moment erwartet.

"Die Lady ist nicht für's Tapering"

Insgesamt aber hält die Notenbank an ihrer ultra-lockeren Geldpolitik fest - auch wenn sie die Geschwindigkeit, mit der sie Anleihen im Zuge des Corona-Notprogramms PEPP kauft, nun etwas drosselt. Ein Zeichen für ein Umschwenken sei das nicht, so Lagarde. "Die Lady ist nicht fürs Tapering", so die EZB-Präsidentin. Die Maßnahme sei also kein Startschuss für das Herunterfahren des Programms.

Denn die Notenbanker sind vorsichtig: Sie fürchten, eine zu schnelle Straffung - also ein Abschmelzen der Anleihekäufe und ein mögliches Anziehen der Zinsen - könnte viele europäische Staaten in Nöte bringen, wenn sie sich frisches Geld besorgen wollen. Im schlimmsten Fall könnte dies zu Turbulenzen an den Finanzmärkten führen. Und das wollen die Währungshüter um jeden Preis verhindern.

Verlierer dieser Geldpolitik sind somit weiter die Verbraucherinnen und Verbraucher, die ihr Geld auf dem Sparbuch haben. Denn diese Geldpolitik bedeutet auch: Eine Zinswende ist weiter nicht in Sicht.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 09. September 2021 um 22:15 Uhr.