Evergrande Zentrale in Shenzhen | picture alliance / ASSOCIATED PR

Immobilienkonzern Ist Evergrande bald zahlungsunfähig?

Stand: 09.12.2021 15:38 Uhr

Der chinesische Immobilienkonzern Evergrande ist derart verschuldet, dass Ratingagenturen vor einem unmittelbar bevorstehenden Zahlungsausfall warnen. Von Chinas Regierung ist wohl keine Hilfe zu erwarten.

Seit Wochen sorgt der ins Wanken geratene chinesische Immobilienkonzern Evergrande für Unruhe an den Finanzmärkten - allen voran in Hongkong, wo die Aktie notiert ist. Nun haben sich die Probleme des mit angeblich über 300 Milliarden Dollar verschuldeten Unternehmens offenbar derart zugespitzt, dass Ratingagenturen vor einem unmittelbar bevorstehenden Zahlungsausfall warnen. Das gelte auch für den Konkurrenten Kaisa. Beide Unternehmen setzte die Agentur Fitch am Morgen auf die Stufe "Restricted Default (RD)" - das bedeutet so viel wie "eingeschränkter Kreditausfall". Die Bewertung ist nur eine Stufe über der Einordnung für Zahlungsausfall ("D - Default"). Gestern hatte auch die Ratingagentur Standard & Poor’s einen Zahlungsausfall von Evergrande als "unvermeidbar" bezeichnet.

Damit bestätigten die Experten Meldungen von Anfang der Woche, wonach Evergrande am 6. November fällige Zinszahlungen offenbar auch nach Auslaufen der 30-tägigen Karenzzeit am Montag nicht bedient hatte. Es handelt sich dabei um eine Verpflichtung zur Zahlung von 82,5 Millionen Dollar Zinsen für ausländische Anleihen.

"Weder das Unternehmen noch der Treuhänder haben sich zu den am 6. November fälligen Kuponzahlungen für die beiden Tianji-Anleihen nach Ablauf der tilgungsfreien Zeiträume geäußert", heißt es in der Mitteilung von Fitch.

Rivale Kaisa hat Umschuldung eingeleitet

Der kleinere Evergrande-Rivale Kaisa Group, der ebenfalls in Zahlungsverzug geraten ist und von Fitch auf "RD" heruntergestuft wurde, hat eine Umschuldung eingeleitet. Das Management werde in Kürze eine Vertraulichkeitsvereinbarung mit der Investmentbank Lazard treffen, die eine Gruppe von Anleihegläubigern berät. Damit werde der Grundstein gelegt für Verhandlungen über Refinanzierungen und Kreditstundungen. Kaisa hat nach eigenen Angaben ausländische Anleihen im Volumen von zwölf Milliarden Dollar ausstehen. Bei Evergrande sind es 19 Milliarden Dollar.

Dabei handelt es sich zwar im Vergleich zu den in der Finanzkrise 2007/08 verbrannten Summen um eher überschaubare Beträge, so dass sich die Reaktionen an den Aktienbörsen bisher in Grenzen halten. Allerdings sind die Folgen der chinesischen Immobilienkrise auf die Gesamtwirtschaft noch unklar.

Angesichts der Bedeutung des Immobilienmarkts und der mit ihm verbundenen Branchen für die chinesische Wirtschaft - rund ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts des Landes - haben einige Analysten bereits ihre Wachstumsprognosen für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt nach unten geschraubt.

Zentralbank dämpft Hoffnung auf Hilfen des Staates

Derweil hat Chinas Zentralbankchef Yi Gang die Hoffnung auf Hilfen des Staates gedämpft. In einer Mitteilung signalisierte er, dass die Regierung in Peking dem Konzern nicht mit Rettungsmaßnahmen zu Hilfe kommen wolle. Die Notenbank betrachtet die Risiken von Evergrande als einen "Marktvorgang", mit dem "nach den Grundsätzen des Marktes und der Rechtsstaatlichkeit" angemessen umgegangen werden müsse. Als ausgereiftes Finanzzentrum habe Hongkong, wo Evergrande an der Börse gelistet ist, ein effizientes System sowie klare Vorschriften und Verfahren, um mit betreffenden Fragen umzugehen, hob der Zentralbankchef hervor.

Die "kurzfristigen Risiken einzelner Immobilienunternehmen" werden nach der Einschätzung der Zentralbank die normale Finanzierung am Markt mittel- und langfristig nicht beeinträchtigen. Die Zentralbank befürwortet nach seinen Worten die Schaffung eines "gerechten Marktumfeldes". Unternehmen und Anteilseigner müssten in Übereinstimmung mit den Rechtsanforderungen und Marktvorschriften angemessen mit "ihren eigenen Schulden" umgehen und die Interessen der Gläubiger auf faire und rechtliche Weise schützen.

Evergrande hatte selbst mitgeteilt, nicht über ausreichende Mittel zu verfügen, um seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Am Wochenende hatten die Behörden der Südprovinz Guangdong eine Arbeitsgruppe in das Unternehmen entsandt, um die Möglichkeit einer Umstrukturierung der Kreditlasten auszuloten.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 09. Dezember 2021 um 13:37 Uhr.