Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Christian Sewing | REUTERS

Europäischer Bankenkongress Banker sehnen sich nach höheren Zinsen

Stand: 19.11.2021 15:25 Uhr

Nach der Corona-Krise auf zu neuer Stärke. Unter diesem Motto stand das diesjährige Bankertreffen in Frankfurt. Doch die Rückkehr zur Normalität ist auch in der Finanzwelt schwieriger als gedacht.

Von Ursula Mayer, hr

Ob Benzin, Gas oder Gemüse: Die Verbraucher in der Eurozone müssen immer tiefer in die Tasche greifen. Allein in Deutschland lag die Inflationsrate zuletzt bei 4,5 Prozent und damit auf dem höchsten Stand seit fast dreißig Jahren. Das sorgt für hitzige Diskussionen - auch in der Europäischen Zentralbank. "Die Inflation ist unerwünscht und schmerzhaft, und es gibt natürlich Bedenken, wie lange sie andauern wird. Wir nehmen diese Bedenken sehr ernst und beobachten die Entwicklungen aufmerksam", beteuerte EZB-Chefin Christine Lagarde heute auf dem Europäischen Bankenkongress in Frankfurt am Main.

"Wir müssen hartnäckig bleiben"

Was sich Lagarde zufolge insbesondere verteuert, sind Energieprodukte wie Benzin, Heizöl und das dafür nötige Rohöl. Dazu sieht sie in vielen Bereichen Lieferengpässe: Auch das treibt die Preise für viele Waren in die Höhe - zumal, wenn darauf hierzulande wieder die normale Mehrwertsteuer von 19 Prozent anfällt, während es zwischenzeitlich weniger war. Doch vieles davon hängt für die EZB-Chefin mit der Corona-Krise zusammen - und ist nur vorübergehend. Schon nächstes Jahr soll die Inflation wieder sinken.

Von einer Zinswende, wie sie besonders in Deutschland gefordert wird, will Lagarde aber nichts wissen. "Wir müssen in unserer Geldpolitik hartnäckig bleiben. Insbesondere dürfen wir uns angesichts vorübergehender Inflationsschocks nicht dazu verleiten lassen, unsere Geldpolitik vorzeitig zu straffen", so die Notenbankerin. Deshalb wird die EZB, über die akute Corona-Krise hinaus, weiter Milliarden in die Wirtschaft pumpen und die Zinsen unverändert lassen.

Immer mehr Experten warnen

Dagegen läuten die Vertreter großer Banken die Alarmglocken. Sie glauben nicht mehr ans das Narrativ der EZB, dass die Preise nur vorübergehend über die von der Notenbank angestrebte Rate von zwei Prozent gestiegen sind. Zu den Warnenden zählt auch Christian Sewing, Chef der Deutschen Bank. "Die Delta-Variante des Virus grassiert weltweit, das wird die weltweiten Lieferketten weiter stören, dieses Problem wird uns weit über diesen Winter hinaus beschäftigen", prophezeit er.

Schon jetzt sind viele Baustoffe knapp, aber auch wichtige Bauteile wie etwa Computerchips. Das treibt die Preise für Waren in die Höhe - in Europa und sogar noch stärker in den USA. Die US-amerikanische Notenbank Fed hat darauf mittlerweile reagiert und die geldpolitische Wende eingeleitet. "Wir erleben eine Normalisierung der Geldpolitik in den USA, die Notenbank Fed drosselt ihre Anleihekäufe und kommuniziert das so behutsam, dass es die Börsen vor Turbulenzen bewahrt", sagt Jean Lemierre, der frühere Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau. "Solche wichtigen Entscheidungen erwarten die Märkte auch für Europa, spätestens bei der nächsten Zinssitzung des EZB-Rates." Der kommt nächsten Monat zusammen. Der Druck auf die europäischen Währungshüter, dem Beispiel aus den USA bald zu folgen, dürfte steigen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 19. November 2021 um 12:40 Uhr in der Wirtschaft.