Euro-Münze | picture alliance / dpa
Analyse

Verwerfungen an den Anleihemärkten Droht eine neue Euro-Schuldenkrise?

Stand: 16.06.2022 10:19 Uhr

Die nahende Zinswende hat Befürchtungen aufkommen lassen, dass es zur neuen Schuldenkrise in Europa kommen könnte. Die EZB will daher gezielt südeuropäischen Staaten zur Hilfe eilen. Aber reicht der Plan aus?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Italien erlebt an den Finanzmärkten in diesen Tagen ein schmerzhaftes Déjà-Vu. Vor einem Jahr wurde das Land noch als Musterschüler Europas gefeiert, das relativ gut aus der Corona-Krise gekommen ist. Mit 6,6 Prozent wuchs Italiens Wirtschaft 2021 deutlich stärker als das Bruttoinlandsprodukt in den meisten anderen EU-Staaten. Nun aber könnten die steigenden Anleiherenditen den Konjunkturmotor abwürgen und Italien wieder in die Krise stürzen.

Italiens Anleiherenditen bei über vier Prozent

Seit August 2021 ist die Rendite zehnjähriger italienischer Staatspapiere von 0,56 Prozent auf bis 4,1 Prozent geklettert. Ein solch hohes Niveau gab es zuletzt vor acht Jahren. Das bedeutet: Das italienische Finanzministerium muss deutlich mehr bezahlen, um Abnehmer für die Staatsanleihen zu finden. Die hohen Refinanzierungskosten könnten den Staatshaushalt und die heimischen Banken belasten. Denn diese halten die Mehrheit der Staatspapiere. Nach Angaben des italienischen Bankenverbands waren es zuletzt 422 Milliarden Euro, die Italiens Geldinstitute besaßen. Im Sog der steigenden Zinsen verlieren die Anleihen an Wert. Das belastet die Bilanzen der Banken.

Steigen die Refinanzierungskosten, muss sich der italienische Staat weiter verschulden. Das könnte gefährlich werden. Schon jetzt liegt fast ein Viertel der gesamten Staatsschulden in der Eurozone in Italien.

EZB will hoch verschuldete Länder stützen

Die Europäische Zentralbank (EZB) zeigt sich zunehmend alarmiert. Sie berief am Mittwoch erstmals seit der Corona-Krise 2020 eine Sondersitzung ein. Dort wurde zugesichert, bei der Wiederanlage der Gelder aus auslaufenden Anleihen höher verschuldeten Euro-Ländern besonders unter die Arme zu greifen. Bei den anstehenden Reinvestitionen der Gelder aus dem jüngst beendeten Krisen-Anleihenkaufprogramm PEPP sollen diese Länder künftig verstärkt berücksichtigt werden.

Zudem wurde über neue Instrumente diskutiert, um die Fragmentierung der Eurozone, sprich ein Auseinanderdriften der Anleiherenditen zu verhindern. Die Medien sprechen von einem "Geheimplan für Europa". Die Währungshüter wollen vorerst möglichst keine Details verraten. Sie befürchten, dass die Marktteilnehmer dann die Notenbank auf die Probe stellen würden.

Neues Instrument der Währungshüter

Laut dem niederländischen Notenbankchef Klaas Knot ist das neue Instrument für den Fall gedacht, dass die Umleitung der Reinvestitionen in Richtung Anleihen südlicher Euro-Länder nicht genügt. "Wir wissen nicht, ob das ausreicht, das hängt von der Antwort der Märkte ab", sagte das EZB-Ratsmitglied.

"Was immer die EZB tun könnte wird umstritten sein", so Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding gegenüber tagesschau.de. Vermutlich werde es auf weitere Anleihekäufe herauslaufen - möglicherweise so, dass die Zentralbank teilweise Anleihen einiger Länder wie Deutschland durch italienische Anleihen ersetzt. Darüber hinaus könnte die EZB ein neues Instrument gegen übermäßige Risikoaufschläge entwerfen, vermutlich ohne es bereits jetzt einzusetzen. Auch dabei würden die Währunghüter wohl italienische Anleihen statt deutschen Papieren kaufen, vermutet Schmieding.

Renditeanstieg auch in anderen südeuropäischen Ländern

Italien ist nicht das einzige Sorgenkind in Europa. Auch die Renditen der Anleihen anderer südeuropäischer Staaten sind in die Höhe gesprungen. In den letzten zehn Monaten hat sich die Rendite der portugiesischen Bonds mehr als verzwanzigfacht, die der spanischen Titel haben sich mehr als verzehnfacht. Ähnlich groß war der Renditesprung bei griechischen Anleihen. Sie rentieren inzwischen auch wieder über vier Prozent.

Anleger fragen sich, ob diese Länder bei steigenden Leitzinsen in der Euro-Zone weiter ihre hohen Verbindlichkeiten bedienen können. Steigende Realzinsen könnten mittel- und langfristig besonders diejenigen Staaten in Schwierigkeiten bringen, deren Schuldenlast hoch und deren Wachstumskraft gering ist, warnen Ökonomen wie der Berenberg-Experte Schmieding.

Griechische Wirtschaft boomt

Noch stehen aber die meisten südeuropäischen Länder recht solide da. Vor allem Griechenland hat sich prächtig entwickelt. Die Wirtschaft wächst dort um sieben Prozent. Im ersten Quartal "hat Griechenland den Rest der Eurozone weit hinter sich gelassen", lobt Schmieding.

Angesichts des dynamischen Wachstums dürfte das Land die höheren Finanzierungskosten stemmen, glaubt er. Zwar ist Griechenland mit einem Schuldenstand von 193 Prozent der Wirtschaftsleistung immer noch das am höchsten verschuldete Land der Eurozone. Aber 75 Prozent der griechischen Schulden liegen bei öffentlichen Gläubigern wie dem Euro-Stabilitätsfonds. Die Zinsen der Hilfskredite sind relativ niedrig und die Laufzeiten sehr lang, teilweise bis 2070.

Ein "Italexit" wäre dramatischer Schock

Die meisten Ökonomen sehen momentan vor allem Italien als ein potenzielles Pulverfass in der Eurozone. Thomas Mayer, Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute, verweist auf die Wahlen Anfang des kommenden Jahres. Der amtierende Ministerpräsident Mario Draghi könnte dann abgewählt werden. Mayer befürchtet, dass sich Kandidaten durchsetzen, die einen Austritt aus der Eurozone befürworten. Ein "Italexit" wäre ein dramatischer Schock für Italiens Wirtschaft und würde die gesamte Eurozone bedrohen.

Auch Berenberg-Ökonom Schmieding blickt mit Sorge auf Italien. "Anders als Griechenland und Portugal hat Italien sein Trendwachstum noch nicht so sehr durch Reformen gestärkt, dass die hohe Schuldenlast als dauerhaft tragfähig gelten kann." Für eine solche Tragfähigkeit komme es weniger auf die Schuldenquote an, also das Verhältnis von Staatsschulden zu aktueller Wirtschaftsleistung, sondern auf das Verhältnis zwischen Schulden und dem langfristigen Wachstum der Wirtschaft, so der Experte.

Auch Frankreich hat ein Schuldenproblem

Als weiterer möglicher Problemfall gilt Frankreich. Das Land hat sich inzwischen stärker verschuldet als Italien. Sollte sich Präsident Emmanuel Macron mit dem Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon verbünden, könnten die Staatsausgaben ausufern. Noch schließt Macron eine solche Allianz aus.

Zudem belastet die hohe Inflation Frankreich in besonderem Maße. Das Land hat viele Anleihen mit variablem Zins ausgegeben, der von der Entwicklung der Inflation abhängt.

"Euro auf dem Weg zur italienischen Lira"

Angesichts der drohenden Verwerfungen an den europäischen Anleihemärkten könnte auch der Euro noch stärker unter Druck geraten. Flossbach-von-Storch-Experte Mayer rechnet fest damit, "dass wir dieses Jahr noch die Parität zum Dollar sehen werden".

Längst sei der Euro eine "Weichwährung" und kein Nachfolger der D-Mark. "Der Euro ist auf dem Weg zur italienischen Lira", prophezeite Mayer jüngst auf einer Veranstaltung in Frankfurt.