Gerolltes Bündel mit Dollar-Banknoten liegt auf 50-Euro-Geldscheinen | REUTERS

Folge der Gaskrise Warum es zur Euro-Dollar-Parität kam

Stand: 12.07.2022 12:06 Uhr

Die Furcht vor einer Gaskrise und Rezession in Europa spiegelt sich am Devisenmarkt überdeutlich wider: Erstmals seit 2002 war der Euro am Mittag nur noch exakt einen Dollar wert. Wie kam es dazu?

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

So billig war der Euro seit 20 Jahren nicht mehr: Erstmals seit 2002 ist die europäische Gemeinschaftswährung auf die Marke von einem Dollar gerutscht. Ein Euro kostete heute im Tief nur noch 1,000 Dollar. Lediglich in den Anfangsjahren der Gemeinschaftswährung rund um die Jahrtausendwende mussten Anleger noch weniger Dollar für einen Euro zahlen.

Dabei ist die Euro-Schwäche auch Zeichen einer Dollar-Stärke. Denn nicht nur zum Euro, sondern auch zu anderen wichtigen Währungen hatte der "Greenback" zuletzt deutliche Gewinne einfahren können. Hintergrund ist die markante Straffung der US-Geldpolitik, die Anlagen in den Dollar vergleichsweise attraktiver macht.

Gaskrise lastet auf dem Euro

Doch es wäre zu kurz gegriffen, die Euro-Schwäche allein auf die Dollar-Stärke zurückzuführen. Denn die Euro-Schwäche ist zu einem großen Teil auch hausgemacht. Es ist die Angst vor einer Rezession in Europa, ausgelöst durch die Gaskrise, welche die Anleger vor Investments in den Euro zurückschrecken lässt. Speziell über der deutschen Volkswirtschaft schwebt die mögliche Ausrufung einer Gasmangellage durch die Bundesnetzagentur wie ein Damoklesschwert.

Am gestrigen Montag begannen die wartungsbedingte Abschaltung der Gas-Pipeline Nord Stream 1. "Erst nach Ende der planmäßigen Wartungsarbeiten am 21. Juli könnte etwas klarer sein, ob sich Menschen und Wirtschaft in Deutschland auf einen harten Winter einstellen müssen", betont Jürgen Molnar, Kapitalmarktstratege bei RoboMarkets.

Wie sehr kann die EZB gegensteuern?

Die Unsicherheit darüber lastet auf dem Euro. "Mit Gaspreisen in schwindelerregender Höhe wächst die Gefahr, dass zum bisherigen Inflationsschock ein weiterer hinzukommt", warnt Ulrich Leuchtmann, Devisen-Experte der Commerzbank. Solange eine Gaskrise droht, vermag der Devisenexperte kaum Argumente für eine deutliche Euro-Erholung auszumachen.

"Die EZB könnte in einer Gaskrise nur das nötigste an Inflationsbekämpfung durchführen. Gerade so viel, um eine Spirale aus Euro-Abwertung und Inflationsbeschleunigung zu verhindern. Manche mögen sogar befürchten, dass ihr selbst das nicht gelingt."

Fed lässt EZB alt aussehen

Das lässt den Euro zur Schwäche tendieren. Denn während die EZB erst im Juli ihre Nullzinspolitik beenden und dann aus den genannten Gründen auch nur äußerst langsam und vorsichtig auf dem Zinserhöhungspfad weiterwandeln dürfte, drücken die Währungshüter in den USA schon seit Monaten aufs Gaspedal.

Die Federal Reserve (Fed) hatte auf ihrer Juni-Sitzung die Leitzinsen so kräftig angehoben wie seit 1994 nicht mehr. Sie beschloss eine Erhöhung um 75 Basispunkte auf die Spanne von 1,50 bis 1,75 Prozent. Für die nächste Fed-Sitzung im Juli rechnen Anleger dem Fed Watch Tool der CME Group zufolge mehrheitlich mit einem großen Zinsschritt von 0,75 Prozentpunkten. Die Zinsschere zum Euro dürfte sich damit weiter zugunsten des Dollar öffnen.

Gefahr der importierten Inflation wächst weiter

Für die Menschen im Euro-Raum ist der niedrige Euro-Kurs eine schlechte Nachricht, dürfte dadurch doch die "importierte Inflation" weiter steigen. Schließlich war der jüngste drastische Anstieg der Inflationsraten in der Euro-Zone maßgeblich auf die rasante Teuerung bei Energie zurückzuführen. Rohstoffe wie Öl werden in Dollar gehandelt. Fällt also der Euro zum Dollar, kann man für einen Euro weniger Öl auf den Weltmärkten einkaufen.

Das macht sich aber nicht nur für Autobesitzer anhand steigender Spritpreise an den Tankstellen bemerkbar. Auch die Unternehmen müssen Öl teurer einkaufen. Die steigenden Produktionskosten geben sie dann als Preiserhöhungen an die Verbraucher und andere Unternehmen weiter. Das treibt wiederum die allgemeine Teuerungsrate.

Deutschland ist unter den Euro-Ländern besonders stark von Energieimporten abhängig. Diese Rohstoffabhängigkeit der deutschen Volkswirtschaft bei Öl und Gas wird ihr angesichts eines Euros auf 20-Jahres-Tief umso mehr zum Verhängnis.