Euro-Münze

Kursrutsch Wird der Euro zur Weichwährung?

Stand: 06.07.2022 17:46 Uhr

Der Euro-Kurs ist stark ins Rutschen geraten. Experten fürchten, dass die EU-Gemeinschaftswährung bald sogar weniger als einen US-Dollar wert sein könnte. Warum fällt der Kurs - und mit welchen Folgen?

Von Nicholas Buschschlüter, ARD-Finanzredaktion

Die Rutschpartie an den Finanzmärkten erfasst derzeit praktisch alle Anlageformen: Aktien, Gold, Kryptowährungen - und immer stärker auch den Euro. Gestern sank der Kurs der europäischen Gemeinschaftswährung auf unter 1,03 Dollar; heute lag er zeitweise nochmal ein Prozent niedriger. Die Parität zum Dollar rückt immer näher. Wird der Euro gerade zu einer sogenannten Weichwährung - zu einem Zahlungsmittel also, das von hoher Inflation betroffen ist und immer mehr an Wert verliert?

Wohlstandsverlust auf zwei Ebenen?

Dass Euro und Dollar also fast gleichauf liegen, hat es jedenfalls seit rund zwanzig Jahren nicht gegeben. Hauptgrund für die Euro-Schwäche sei eindeutig das Risiko einer Gaskrise. "Wenn in Europa das Gas ausgeht, dann wäre das schlecht für die europäische Konjunktur. Das allein ist schon negativ für den Euro", erklärt Devisenexperte Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank. "Und es wäre auch gleichzeitig inflationär, wir hätten noch deutlichere Preissteigerungen. Auch das belastet den Euro."

Ein schwacher Euro: Das ist für hier ansässige Unternehmen mit starkem USA-Geschäft in der Regel jedoch eine gute Nachricht. Deutsche Autobauer können ihre Produkte so günstiger an amerikanische Kunden verkaufen. Denn die müssen für ein Produkt in Euro jetzt weniger Geld hinlegen - und kaufen mehr. Anders sehe es für die Verbraucher in der EU aus, erläutert Robert Halver von der Baader Bank - gerade jetzt in Zeiten von hohen Energiepreisen: "Wenn der Euro schwach ist, werden die Rohstoffe, die auf US-Dollar lauten, noch teurer. Die Unternehmen müssen noch teurere Produkte einführen und versuchen natürlich, diese Preise weiterzugeben, was der Inflation natürlich nochmal einen Schub gibt.“

Halver rechnet durch den schwachen Euro mit einem Wohlstandsverlust in Deutschland auf zwei Ebenen: für die Verbraucher durch steigende Preise und für die Unternehmen, weil sie nicht mehr so profitabel wirtschaften können. Außerdem sei ein schwacher Euro auch kein gutes Zeugnis für die europäische Wirtschaft insgesamt, findet der Broker. Europa werde derzeit auf den Märkten wenig zugetraut. "Im Augenblick sind wir die Sorgenkinder an den Aktienmärkten, und der Euro ist ja sowas wie der Aktienkurs einer Region - und der ist im Augenblick sehr schwach."

Die EZB in der Zwickmühle

Wie könnte der Euro-Kurs wieder steigen? Eine Möglichkeit wäre, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen energischer erhöht als bisher angekündigt. Die US-Notenbank hat nämlich schon viel höhere Zinsen festgelegt und lockt damit Anleger in den Dollar-Raum. Würde die EZB jetzt auch die Zinsen erhöhen, könnte eine Teil des Geldes zurückfließen - und den Euro stärken.

Allerdings könnten höhere Zinsen im Euroraum zur jetzigen Zeit die ohnehin schon angeschlagene Konjunktur schwächen. Keine einfache Situation für die EZB, findet Commerzbanker Leuchtmann: "Wenn die EZB auf ihre angekündigten Zinserhöhungen verzichten würde, wäre das nochmal negativ für den Euro." Andererseits sei es jetzt schwieriger für die EZB, die Zinsen zu erhöhen, wenn die Aussicht bestehe, dass die Konjunktur deutlich leidet. "Die EZB ist in einer schwierigen Lage. Letzten Endes hat sie aber - glaube ich - keine andere Wahl, als die Zinsen zu erhöhen", schlussfolgert Leuchtmann.

Der andere Weg zu einem stärkeren Euro wäre eine Beruhigung auf dem Gasmarkt. Ohne Gaskrise gebe es auch keinen Grund für den Euro, sich nicht zu erholen, sagt Devisenexperte Leuchtmann. Dem ohnehin nicht schmeichelhaften Titel "Weichwährung" wäre der Euro dann noch einmal ausgewichen.

Nicholas Buschschlüter, Nicholas Buschschlüter, HR, 06.07.2022 16:51 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 06. Juli 2022 um 17:50 Uhr.