Stempel Erbschaftssteuer

DIW-Studie Erbschaftswelle verschärft Ungleichheit

Stand: 03.02.2021 13:14 Uhr

Eine Welle an Erbschaften macht Vermögende in Deutschland noch reicher. Sie erben einer Studie zufolge am häufigsten und die höchsten Beträge. Damit wachse die Ungleichheit zwischen Arm und Reich.

Vor allem Vermögende erhalten nicht nur am häufigsten Erbschaften und größere Schenkungen, sondern erben auch absolut betrachtet das meiste Geld. Fast die Hälfte geht an die obersten zehn Prozent der Begünstigten, wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ergeben hat.

Die anderen 90 Prozent teilen sich demnach die verbleibende Hälfte. "Die Erbschaftswelle verschärft die absolute Vermögensungleichheit", sagte DIW-Experte Markus Grabka. Die Differenz zwischen Begünstigten und Nicht-Begünstigten steige deutlich.

Erbschaften um 20 Prozent gewachsen

Insgesamt haben Menschen in Deutschland einiges zu vererben. Nach der gemeinsamen Studie des DIW, der Universität Vechta und des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) haben in den vergangenen 15 Jahren rund zehn Prozent aller Erwachsenen geerbt oder eine größere Schenkung erhalten. Die Erbschaften beliefen sich dabei pro Person im Schnitt und inflationsbereinigt auf rund 85.000 Euro, die Schenkungen auf 89.000 Euro.

Seit 2001 stieg die Durchschnittssumme damit jeweils um etwa 20 Prozent. Verglichen wurde der Zeitraum 1986 bis 2001 mit den Jahren 2002 bis 2017. Befragt wurden 15.000 Haushalte im Rahmen des jährlichen sogenannten Sozio-ökonomischen Panels (SOEP).

"Abstände werden größer"

Zwar sinke die relative Ungleichheit durch Erbschaften und Schenkungen tendenziell, da das Vermögen auf mehrere Personen verteilt wird, so die Studie.

"Doch gleichzeitig wird der Abstand beim Vermögen zwischen denen, die erben, und denen, die leer ausgehen, immer größer", erklärte Grabka. Das habe vor allem soziale Gründe: "Kinder, die in einem Haushalt aufgewachsen sind, der bereits ein höheres Einkommens- und Vermögensniveau aufwies, erhalten später im Schnitt auch höhere Erbschaften und Schenkungen."

Nach DIW-Angaben profitierte im Zeitraum 2002 bis 2017 das vermögendste Fünftel der Bevölkerung von den größten Erbschaften und Schenkungen. Der Median - also der Mittelwert der nach Größe sortierten Beträge - lag bei 145.000 Euro. Nur zwei Prozent des ärmsten Fünftels erhielten überhaupt etwas von Eltern oder Großeltern. Die Summe fiel mit 10.000 Euro am geringsten aus.

Im Osten wird weniger vererbt

Auch die regionale Herkunft spielt in Deutschland eine Rolle. So waren laut der Studie Menschen in der damaligen DDR systembedingt weniger in der Lage, Vermögen aufzubauen. Sie können daher seltener und häufig nicht so viel an Kinder oder Enkel weitergeben. Während Westdeutsche im Untersuchungszeitraum im Schnitt rund 92.000 Euro erbten, erhielten Ostdeutsche lediglich 52.000 Euro.

Zum Nettovermögen zählen dem DIW zufolge der Besitz von Immobilien, Sparguthaben, Aktien und Investmentanteile, Bausparvermögen, Ansprüche aus Lebens- und privaten Rentenversicherungen, Betriebsvermögen sowie wertvolle Sammlungen wie Gold, Schmuck, Münzen oder Kunstgegenstände abzüglich von Hypotheken- und Konsumentenkrediten.

Zehnjahresfrist abschaffen?

Um dem Wachstum der Vermögensdifferenzen entgegenzuwirken, plädieren die Autoren für Änderungen des Steuerrechts. Die Politik solle gegensteuern, "indem sie beispielsweise verhindert, dass das Vererben großer Vermögen mit der Zehnjahresfrist zeitlich gesplittet wird", schlägt Studienautorin Claudia Vogel vom DZA vor.

Derzeit können alle zehn Jahre Freibeträge in Anspruch genommen werden, die nicht versteuert werden müssen. Bei Kindern sind es 400.000 Euro pro einzelnem Elternteil. Würde die Frist abgeschafft und große Erbschaften damit effektiver besteuert, könnte es Spielraum geben, Freibeträge für nicht oder entfernt verwandte Personen anzuheben, so Grabka. "Dies würde nicht nur der neuen Vielfalt der Familienformen entsprechen, sondern auch zusätzlich die soziale Ungleichheit reduzieren."

Auch die Pandemie schafft neue Ungleichheit

Einige Ökonomen befürchten derweil, dass die Corona-Pandemie die Ungleichheit in Deutschland vergrößern könnte. Nach einer im Herbst veröffentlichten Studie der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung sind Erwerbstätige mit niedrigen Einkommen, Minijobber und Leiharbeiter sowie Menschen mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich oft von Einkommensverlusten durch die Krise betroffen.

Auch weltweit droht erstmals seit über einem Jahrhundert, dass die Kluft zwischen Arm und Reich in fast allen Ländern gleichzeitig zunimmt. Davor warnte jüngst das Hilfswerk Oxfam.

Über dieses Thema berichtete der SWR in der Sendung "Marktcheck"am 20. Oktober 2020 um 20:35 Uhr.