Die Deutsche Börse in Frankfurt | dpa

Finanzplatz Deutschland Jetzt kommt das elektronische Wertpapier

Stand: 06.10.2021 14:35 Uhr

Wertpapiere wie Anleihen und Zertifikate in Papierform gehören bald der Vergangenheit an. Sie werden ab November nur noch in digitaler Form ausgegeben und verwahrt. Aktien bleiben davon ausgenommen.

Wertpapiere werden künftig rein elektronisch begeben und aufbewahrt und nicht mehr wie bisher in Papierform. Die Deutsche Börse hat dazu eine Plattform errichtet, die ab November in Betrieb gehen soll, wie Vorstandsmitglied Stephan Leithner dem "Handelsblatt" sagte. Das Wertpapiergeschäft in Deutschland werde so deutlich effizienter und schneller, so Leithner.

Damit folgt der Manager den Aussagen von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD). Der hatte bei der Verabschiedung eines entsprechenden Gesetzentwurfs im Bundeskabinett gesagt: "Die Papierurkunde mag einigen aus nostalgischen Gründen lieb und teuer sein, aber ihrer elektronischen Variante gehört die Zukunft. Elektronische Wertpapiere reduzieren Kosten- und Verwaltungsaufwand." Zudem diene die Anpassung des bestehenden Rechtsrahmens an innovative Technologien der "Stärkung des Wirtschaftsstandorts Deutschland und der Erhöhung der Transparenz, der Marktintegrität und des Anlegerschutzes".

Neues Gesetz in Kraft getreten

Derzeit müssen die Wertpapiere noch in Papierform hinterlegt und aufbewahrt werden, wenn auch häufig nur noch in Sammelurkunden. Diese Praxis gehört nun bald der Vergangenheit an. Die physische Urkunde wird ersetzt durch eine Eintragung bei einem Zentralverwahrer oder einer Depotbank. In Deutschland übernimmt diese Funktion die Clearstream Banking AG, eine Tochter der Deutschen Börse. Neu ist zudem die Einführung von Kryptowertpapieren auf Basis dezentraler Datenbanken wie der Blockchain. Sie müssen künftig in einem eigenen Kryptowertpapierregister eingetragen werden.

Voraussetzung für die Digitalisierung ist das im Juni in Kraft getretene Gesetz zur Einführung von elektronischen Wertpapieren (eWpG). Dadurch können unter anderem Firmenanleihen, Zertifikate und Optionsscheine, also Schuldverschreibungen, als digitale Wertpapiere emittiert werden. Aktien und Fondsanteile sind noch nicht dabei.

Schneller und günstiger

Aus Sicht von Leithner bietet die Einführung elektronischer Wertpapiere für alle Akteure am Finanzmarkt Vorteile. "Über die Zeit wird die höhere Effizienz im Finanzsystem zu niedrigeren Kosten führen", glaubt der Vorstand. Geldhäuser könnten diese Ersparnisse an Privatanleger und institutionelle Investoren weitergeben. Auch das Angebot an strukturellen Produkten werde dadurch größer und besser. "Emittenten können künftig noch schneller neue Produkte auflegen, die die aktuellen Börsenkurse reflektieren."

Derzeit dauere es bei den meisten Papieren ein bis zwei Tage, bis sie zum Handel zugelassen werden. Das soll nun deutlich schneller werden: "Bei digitalen Wertpapieren schaffen wir das künftig innerhalb eines Tages, bei einigen sogar innerhalb weniger Minuten." Leithner zufolge entsprechen die vom eWpG abgedeckten Finanzprodukte rund 80 Prozent aller in Deutschland handelbaren Wertpapiere. Rund 80 bis 90 Prozent davon sollen bis Sommer 2022 bei der Tochter Clearstream in elektronischer Form emittiert werden können. Leithners Prognose: "Mitte nächsten Jahres kann also der Großteil des deutschen Wertpapiergeschäfts digitalisiert werden."

Aktien und Fondsanteile bleiben außen vor

Für den Handel ändert sich mit dem neuen Gesetz allerdings wenig, sind doch elektronische Buchungen auf Depotkonten seit vielen Jahren Standard. Die Finanzbranche moniert zudem, dass Aktien und Investmentfonds von der Digitalisierung ausgenommen wurden. Somit bleibe die Digitalisierung des deutschen Kapitalmarktes unvollständig. Auch die Blockchain könne ihr volles Potenzial nicht ausspielen. Damit hinke der Finanzplatz Deutschland anderen Ländern wie Frankreich und Luxemburg weiter hinterher. Ob die neue Bundesregierung daran etwas ändern wird, bleibt abzuwarten.

Dennoch begrüßt die deutsche Finanzindustrie die durch das Gesetz erstmals ermöglichte Schaffung von Kryptowertpapieren - obwohl sie einer strengen Kontrolle unterliegen. Sie müssen eindeutig als solche gekennzeichnet und im Bundesanzeiger veröffentlicht werden. Zudem unterliegt die Führung eines Kryptowertpapierregisters der Aufsicht der BaFin.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 06. August 2021 um 15:41 Uhr.