Verlauf des Aktienindex DAX an der Kurstafel der Frankfurter Wertpapierbörse | dpa
Hintergrund

Anleger im Höhenrausch Warum der DAX von Rekord zu Rekord eilt

Stand: 14.06.2021 16:03 Uhr

Während die Wirtschaft nach den Corona-Öffnungen erst langsam Fahrt aufnimmt, scheint der deutsche Aktienmarkt nicht zu stoppen zu sein. Was sind die wichtigsten Gründe für den Kursboom?

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Der deutsche Leitindex DAX ist am Vormittag um bis zu 0,7 Prozent gestiegen und auf ein Rekordhoch von 15.802 Punkten geklettert - die 23. Bestmarke in diesem Jahr. Seit Jahresbeginn ist der Index damit um 15 Prozent gestiegen. Auch auf europäischer Ebene zeigen sich die Börsen in Rekordlaune. So kletterte der 600 Werte umfassende Index Stoxx 600 heute ebenfalls um 0,7 Prozent und erreichte mit 460,51 Zählern den 38. Höchstwert in diesem Jahr.

Befeuert werden die Aktienmärkte gleich von mehreren Seiten. Wichtigster Treiber ist die expansive Geldpolitik der Notenbanken in den USA und Europa. Seit die Europäische Zentralbank (EZB) am 10. März 2016, also vor mehr als fünf Jahren, den Leitzins auf null gesenkt hat, sind auch die Renditen der klassischen Sparangebote von Banken und Sparkassen derart geschrumpft, dass sich selbst die risikoscheuen deutschen Anleger nach Alternativen umgeschaut haben. Und dabei erfreuen sich Aktien, neben Immobilien und Edelmetallen, hoher Beliebtheit.

Immer mehr Aktionäre

So gab es hierzulande im vergangenen Jahr so viele Aktionäre wie zuletzt im Jahr 2001, wie das Deutsche Aktieninstitut (DAI) ermittelt hat. Demnach haben 12,4 Millionen Menschen in Deutschland am Aktienmarkt investiert, besaßen also börsengehandelte Wertpapiere wie Fondsanteile oder eben Aktien. Im Vergleich zu 2019 ist das ein Anstieg um 2,7 Millionen oder 28 Prozent. Damit hat sich der rückläufige Trend der Vorjahre komplett umgekehrt. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 war die Zahl der Aktienanleger in Deutschland stetig zurückgegangen - bis die Zinsen auf quasi null sanken.

Doch die EZB hat nicht nur die Zahl der Aktionäre und damit der Aktienanlagen befeuert, sie ist auch selbst an den Kapitalmärkten aktiv. Um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie so gering wie möglich zu halten, pumpt die Notenbank Tag für Tag viele Millionen Euro in den Markt. Dazu kauft sie die von Staaten und Unternehmen ausgegebene Anleihen auf. Bis Ende März 2022 will sie dafür die gigantische Summe von 1,85 Billionen Euro ausgeben, eine Zahl mit zwölf Nullen. Ein beachtlicher Teil davon fließt in den Aktienmarkt und treibt die Kurse auf immer neue Höhen.

Kein Ende der Geldflut in Sicht

Zwar gab es in den vergangenen Wochen immer wieder Vermutungen, dass die Notenbanken in Europa und den USA den Geldhahn bald wieder zudrehen könnten, weil sich die Inflation zurückmeldet und die Preissteigerungen weit über die Zielmarken der Währungshüter hinausgeschossen sind. Doch sowohl Jerome Powell, der Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), als auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde gaben zunächst Entwarnung.

Erst heute sagte Lagarde in einem Interview mit der Zeitschrift "Politico", dass die Zeit noch nicht reif sei für eine Diskussion über ein Ende der Krisen-Anleihenkäufe durch die Notenbank. "Es ist viel zu früh, um diese Themen zu debattieren", so Lagarde. Die konjunkturelle Erholung müsse fest, solide und nachhaltig sein. Man nehme einem Patienten nicht die Krücken weg, bevor die Muskeln beginnen, sich wieder ausreichend aufzubauen - so dass der Patient sich wieder auf seinen eigenen zwei Beinen bewegen könne.

V-förmige Erholung der Wirtschaft erwartet

Zudem gehen die Investoren von einem baldigen Ende der pandemiebedingten Restriktionen aus. "Die Pandemie ist spätestens mit den nun deutlich sinkenden Neuinfektionen gar kein Thema mehr, und auch mit der Inflationsangst scheinen sich die Anleger mehr und mehr arrangieren zu können", sagt Marktexperte Milan Cutkovic vom Brokerhaus Axi.

Mit dem Rückgang der Covid-19-Einschränkungen schnellen die Wachstumserwartungen rund um dem Globus nach oben. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erwartet für dieses Jahr ein Wachstum der Weltwirtschaft von 5,7 Prozent. Für Deutschland rechnet die Bundesregierung mit einem Wachstum von bis zu vier Prozent. Die Prognose von Beginn der Corona-Krise, dass es einen V-Effekt geben wird, bei dem die Wirtschaft erst stark einbricht, sich dann aber rapide erholt, scheint sich zu bestätigen. Für Aktienanleger ist das eine eher gute Nachricht, denn von einer wachsenden Wirtschaft erhoffen sie sich steigende Gewinne und damit steigende Kurse der börsennotierten Unternehmen.

Kursturbulenzen voraus?

Diese Kombination aus Nullzinspolitik, Geldschwemme der Notenbanken, einer wachsenden Zahl von Aktionären und der Erwartung einer raschen Erholung der Weltwirtschaft treibt die Aktienkurse auf immer neue Höhen. Aber die Luft wird dünner. Viele Investoren blicken auf die geldpolitischen Beratungen der US-Notenbank an diesem Mittwoch. Zwar wird nicht erwartet, dass die Fed von ihrem aktuellen Kurs abweicht und den Boom an den Finanzmärkten beendet. "Doch ihre Projektionen zu Inflation, Zinsen und Konjunktur könnten für Kursturbulenzen sorgen", sagt Naeem Aslam, Chef-Marktanalyst beim Brokerhaus AvaTrade.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. Juni 2021 um 17:00 Uhr in der Börse.