Mehrere männliche und ein weibliches Vorstandsmitglied stehen auf einer Hauptversammlung zusammen auf dem Podium. | picture alliance/dpa
Hintergrund

Leitindex wird erweitert Warum die DAX-Familie größer wird

Stand: 20.08.2021 08:15 Uhr

Im September ist es so weit: Deutschlands führender Börsenindex wird von 30 auf 40 Firmen erweitert. Auch gelten neue Regeln, damit es nicht zu einem neuen Wirecard-Desaster kommt.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Der wichtigste deutsche Aktienindex DAX steht vor der größten Veränderung seiner 33-jährigen Geschichte. Im September werden zu den 30 Unternehmen in der ersten deutschen Börsenliga zehn weitere hinzukommen. Damit soll die deutsche Wirtschaft repräsentativer abgebildet werden als bisher. Das bedeutet weniger Vertreter der "Old Economy" und mehr aus der Internetwirtschaft. Gleichzeitig hat die Deutsche Börse das gesamte Regelwerk um die Aufnahme und den Verbleib in dem Index überarbeitet und reformiert.

Die bedeutendste Neuerung ist, dass bei der Auswahl der Kandidaten nur noch die Marktkapitalisierung der frei gehandelten Aktien der vergangenen 20 Handelstage entscheidend ist. Somit kommt in den DAX, wer unter den derzeit 231 für die Aufnahme qualifizierten Unternehmen die Plätze 1 bis 40 erreicht. Der bisher geltende Rang beim Börsenumsatz im elektronischen Handelssystem Xetra spielt dagegen keine Rolle mehr. Künftig reicht ein Mindestumsatz.

Für wen der DAX wichtig ist

Im DAX, dem Deutschen Aktienindex, sind nun die 40 größten und wertvollsten deutschen börsennotierten Unternehmen gebündelt. Der Index ist zwar kein exaktes Abbild der deutschen Wirtschaft, weil hierzulande viele Firmen nicht börsennotiert sind. Aber er ist das wichtigste Barometer der Frankfurter Börse, das die renommiertesten deutschen Unternehmen wie Siemens, Deutsche Bank, Daimler, Allianz und Volkswagen enthält, die sich dort regelmäßig mit frischem Kapital versorgen. 75 Prozent des Aktienhandels in Deutschland finden mit Papieren von Firmen statt, die im DAX notiert sind.

Ähnlich wie die Leitindizes der Börsen in New York (Dow Jones) oder London (FTSE 100), dient deshalb der DAX großen Investoren wie Fondsgesellschaften als wichtige Orientierungsmarke. Er wird von ihnen als Seismograph für den Zustand der deutschen Wirtschaft genutzt - und für eine Vielzahl von Finanzprodukten, etwa die besonders bei Privatanlegern beliebten Indexfonds (ETFs).

Bereits seit März sind alle Index-Mitglieder dazu verpflichtet, sowohl testierte Geschäftsberichte als auch Quartalsberichte zu veröffentlichen. Firmen, die diese Regelung nach einer 30-tägigen Frist nicht einhalten, werden vom DAX ausgeschlossen. Damit will die Deutsche Börse ein zweites Wirecard-Desaster vermeiden. Der Zahlungsdienstleister hatte im Frühjahr 2020 mehrfach die Veröffentlichung seines Zahlenwerks verschoben, blieb aber dennoch im DAX. Selbst nach seinem Insolvenzantrag dauerte es noch Wochen, bis das Unternehmen aus dem Leitindex verbannt wurde.

Experten halten Reform für überfällig

Ebenfalls neu ist die zweimal jährlich stattfindende Überprüfung der Index-Zusammensetzung, jeweils im März und September. Bisher machte dies der Arbeitskreis Aktienindizes nur einmal jährlich, im September. Damit hat die Deutsche Börse die Forderung von Experten nach einer größeren Kontinuität in der Zusammensetzung des DAX ignoriert. Besonders Fondsmanager hatten moniert, dass der ständige Wandel der Mitglieder die Vergleichbarkeit mit anderen Indizes im Ausland erschwere und die DAX-Anleger auch Geld koste, weil jede Umschichtung Aufwand bedeutet.

Die meisten Experten begrüßen jedoch die Reformen. Nermin Aliti, Fondsmanager beim Düsseldorfer Vermögensverwalter Laureus, sagt: "Die höhere Streuung und der steigende Anteil dynamisch wachsender Unternehmen sind für den DAX positiv. Je breiter ein Aktienmarkt-Barometer aufgestellt ist, desto geringer fallen einzelne Marktkapriolen ins Gesamtgewicht."

Zudem werde die deutsche Wirtschaft mit einem DAX 40 besser und repräsentativer abgebildet als dies mit 30 Mitgliedern der Fall ist. Neben Unternehmen aus der klassischen Industrie bilde der erweiterte Index eine größere Bandbreite der deutschen Wirtschaft ab und somit auch Firmen mit zukunftsorientierten Geschäftsmodellen. Damit nähert ich die Börse den Gepflogenheiten anderer Länder. So nutzen etwa Frankreich und Italien ihren Leitindex, um ihre Wirtschaft repräsentativ abzubilden. Deshalb haben ihre Leitindizes jeweils 40 Werte, Spanien immerhin 35. Im britischen FTSE 100 ist gar eine Hundertschaft von Firmen vertreten.

Airbus größter Neueinsteiger

Der Darmstädter Wirtschaftsprofessor Dirk Schiereck hatte sich in der Vergangenheit sogar für eine Aufstockung des DAX auf 50 Werte ausgesprochen, um die Vielfalt und Breite der deutschen Wirtschaft besser abzubilden. Dies sei notwendig, um auch mehr mittelständischen Unternehmen, die das eigentliche Rückgrat der heimischen Wirtschaft bilden, einen leichteren Zugang zu den Finanzmärkten zu ermöglichen.

Die genaue Liste der potenziellen Aufstiegskandidaten wird erst am 3. September nach 22 Uhr verkündet. Doch fest steht bereits, dass es sich ausnahmslos um Firmen handelt, die derzeit im Nebenwerteindex MDAX gelistet sind. Der wiederum wird im Zuge der Reform im September um zehn auf 50 Werte verkleinert.

Den Berechnungen zufolge wird Airbus der größte Neueinsteiger in den DAX 40. Gemessen an der Marktkapitalisierung ist der Flugzeughersteller das fünftgrößte deutsche Unternehmen. Die Aufnahme in den deutschen Leitindex scheiterte bislang daran, dass die Aktie des Konzerns, an dem die Regierungen in Deutschland, Frankreich und Spanien beteiligt sind, vor allem in Paris gehandelt wird, wo sie fester Bestandteil des dortigen Leitindex Cac40 ist.

Mehr Mittelständler

So gut wie sicher scheint auch der DAX-Einzug des Berliner Onlinemodehändlers Zalando und des Medizintechnikkonzerns Siemens Healthineers, einer Abspaltung des Siemens-Konzerns. Zu den wahrscheinlichen Aufsteigern gehören auch mittelständisch geprägte Firmen, die in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt sind.

Dazu zählt der im niedersächsischen Holzminden ansässige Duft- und Aromenhersteller Symrise, der einer weltweit führenden Unternehmen der Branche ist und an der Börse derzeit mit 16,7 Milliarden Euro bewertet wird. Zu diesen bisher im MDAX notierten, hochspezialisierten DAX-Aufsteigern gehört auch der Göttinger Laborausrüster Sartorius sowie der Chemikalienhändler Brenntag. Außerdem werden dem Kochboxenversender Hellofresh sowie der Porsche SE - der Holdinggesellschaft, die die Mehrheit der Stammaktien am Volkswagen-Konzern hält - gute Chancen eingeräumt, in den Leitindex aufzusteigen. Gleiches gilt für den Nivea-Hersteller Beiersdorf mit einer Marktbewertung von 23,6 Milliarden Euro sowie den Sportartikelhersteller Puma (15,7 Milliarden Euro).

Experten mahnen jedoch, dass auch ein DAX mit 40 Mitgliedern vor Turbulenzen und Verlusten nicht gefeit ist. Zudem sei es riskant, nur auf einen einzigen Index zu setzen. Kritiker monieren auch, dass die "Autolastigkeit" des DAX im Fall einer Aufnahme von Porsche SE noch weiter zunehme. Dann seien fünf Unternehmen der Branche in dem Index vertreten. Schon jetzt zeichnen sich Veränderungen ab: Sollte es nämlich dem Wohnungsunternehmen Vonovia gelingen, im dritten Anlauf den Konkurrenten Deutsche Wohnen zu schlucken, müsste ein Nachfolger für das Berliner Unternehmen gesucht werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. August 2021 um 09:05 Uhr.

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