Stadion-Baustelle des FC Guangzhou | REUTERS

Drohende Evergrande-Pleite Chinas Fußball-Rekordmeister steckt mit drin

Stand: 02.10.2021 12:13 Uhr

Die Evergrande-Krise sorgt auch für Probleme im Profisport. Chinas Rekordmeister FC Guangzhou gehört mehrheitlich dem überschuldeten Immobilienkonzern. Entsprechend groß sind die Sorgen, wie es weitergeht.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Auf der Baustelle des neuen Fußballstadions in der südchinesischen Stadt Guangzhou läuft der Betrieb. Mehrere riesige Kräne sind in Bewegung, auf Drohnen-Aufnahmen ist bereits das Fundament des neuen Stadions zu erkennen. Die Nachrichtenagentur Reuters hat die Aufnahmen vor einigen Tagen veröffentlicht.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

Vorzeigeprojekt der Wirtschaftsmetropole

Der Stadion-Neubau für den chinesischen Fußball-Rekordmeister ist das städtebauliche Vorzeigeprojekt in der Wirtschaftsmetropole Guangzhou. Mit bis zu 100.000 Sitzplätzen soll es eines der größten Fußballstadien der Welt werden. Trotz der De-Facto-Zahlungsunfähigkeit von Evergrande, dem Mehrheitseigner des FC Guangzhou, soll das Stadion fertiggebaut werden.

"Das ist hier eine sowas von große Baustelle - die ganze Welt blickt darauf", sagt ein Anwohner einem Reporter von Reuters. "Es wäre undenkbar, dass das größte Fußballstadion der Welt nicht fertiggebaut würde. Das würde die Regierung niemals zulassen!"

Springt der Staat beim Stadionbau in die Bresche?

Tatsächlich sieht es danach aus, dass Chinas Staatsführung den FC Guangzhou retten und somit auch die 1,6-Milliarden-Euro-Rechnung für das Stadion übernehmen wird - direkt oder indirekt. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg denkt die Regierung des chinesischen Landesteils Guangdong darüber nach, mit zehn bis 15 Prozent beim FC Guangzhou einzusteigen. Den Rest des Vereins werde wohl ein staatlicher Konzern übernehmen, heißt es.

Mit Evergrande kam der sportliche Erfolg

Der nun vor der Pleite stehende Evergrande-Konzern hatte den FC Guangzhou 2010 aufgekauft und zu Chinas größtem und erfolgreichsten Fußballclub gemacht. Acht Mal holte Guangzhou seitdem den Meistertitel, zuletzt 2019. Bis vor Kurzem trug der Verein den Firmennamen des Eigners sogar im Namen: Guangzhou Evergande. Seit Anfang des Jahres geltende neue Regeln setzten dem Clubnamen-Sponsoring im chinesischen Fußball allerdings ein Ende. Die Staats- und Parteiführung will damit ein Zeichen setzen für mehr echte Fankultur und vor allem für weniger Kommerz in Chinas Fußball-Liga.

Die 16 Erstligavereine der Volksrepublik haben in den vergangenen Boom-Jahren Milliarden ausgegeben: für Spieler und Trainer aus dem Ausland, für überdimensionierte Stadionprojekte oder, wie im Fall des FC Guangzhou, auch für Fußball-Nachwuchs-Akademien. Qualitativ vorangebracht haben die Milliarden den chinesischen Fußball allerdings nur wenig.

Nur der Anfang vom Ende?

"Das Jahresbudget eines Fußballvereins wie Guangzhou Evergrande lag teils bei mehr als 150 Millionen Euro. Marktwirtschaftlich ist das nicht tragbar, und dieses Modell kann so nicht weitergehen," sagt Shen Lei, der Sportchef der Shanghaier Zeitung "Wenhuibao". "Die Frage ist, wann das System der chinesischen Fußball-Finanzierung vollständig zusammenbrechen wird", mutmaßt der Journalist. "Was Guangzhou passiert ist, ist wahrscheinlich nur der Anfang. Es wird noch weitere Vereine geben, die ähnlich zu Grunde gehen könnten, weil sie bereits in ähnliche Probleme geraten sind."

Seinen Trainer, den Italiener Fabio Cannavaro, konnte der von Finanzproblemen geplagte FC Guangzhou nicht halten. Mitte der Woche gab der Club bekannt, dass der Vertrag zwischen Guangzhou und Cannavaro nach - Zitat - "freundlichen Verhandlungen" beendet wurde. Viel Geld für eine Abfindung dürfte der chinesische Rekordmeister dem italienischen Weltmeister von 2006 nicht gezahlt haben.