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Hintergrund

Bundesanleihen und Zinswende Wie teuer Schuldenmachen schon geworden ist

Stand: 13.10.2022 11:13 Uhr

Mit anziehenden Zinsen werden nicht nur private Kredite teurer. Auch die Zinskosten des Bundes wachsen, wenn er Geld bei Anlegern leiht. Was bedeutet das für die deutschen Staatsfinanzen?

Von Till Bücker, ARD-Finanzredaktion

Gestern hat der Bund eine zehnjährige Anleihe aufgestockt, die er im Juli ausgegeben hat. Er will damit zusätzlich vier Milliarden Euro einnehmen. Über Bundesanleihen und andere Wertpapiere finanziert der Staat seine stark gestiegenen Ausgaben wegen der Corona-Pandemie und der Energiekrise.

Jahrelang verdiente der Bund sogar Geld mit dem Schuldenmachen. Grund waren die negativen Zinsen - Anleger zahlten bereitwillig für die Sicherheit, in deutsche Staatsanleihen zu investieren. Doch das hat sich geändert. Die Tilgung der Kredite wird deutlich teurer. Aufgrund der historischen Zinswende in Europa muss auch Deutschland mittlerweile wieder für neue Schulden zahlen. Welche Folgen hat das für die Staatsfinanzen?

Rendite zehnjähriger Bundesanleihen auf 11-Jahres-Hoch

Über die Ausgabe von Anleihen, auch Bonds genannt, leihen sich Staaten Geld für mehrere Jahre bei Investoren und zahlen dafür Zinsen. Am Ende der Laufzeit zahlen sie den vollen Betrag zurück. Besonders im Fokus steht am Finanzmarkt die zehnjährige Bundesanleihe, die am häufigsten an der Börse gehandelt wird. Ihre Rendite wird täglich von der Deutschen Bundesbank veröffentlicht. Der Kapitalmarktzins für diese richtungsweisenden Bundesanleihen erreichte gestern den höchsten Stand seit elf Jahren.

Gegen Mittag waren sie mit 2,42 Prozent auf den höchsten Stand seit dem Jahr 2011 gestiegen. Zu Jahresbeginn hatte die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe noch bei minus 0,18 Prozent gelegen, im August waren es gerade einmal 0,8 Prozent. Erstmals seit neun Jahren knackte sie im September schließlich wieder die runde Marke von zwei Prozent.

Woran liegt der starke Anstieg der Rendite? "Die Antwort ist Inflation", sagt der Experte Friedrich Heinemann vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung ZEW. Das Rückzahlungsversprechen und der gestiegene feste Zinssatz entschädige in keiner Weise die Preissteigerungen, sodass die Investoren ihre Papiere verkaufen. Die geringere Nachfrage lässt die Rendite steigen. Renditen und Kurse entwickeln sich am Rentenmarkt gegenläufig. Fallen die Kurse bei einem für die gesamte Laufzeit festgelegten Zins, steigen die Renditen für Investoren, die neu zugreifen - und umgekehrt.

"Kaufkraft schwindet wie Schnee in der Sonne"

"Der reale Wert von 100 Euro Staatsanleihen, die ich im Portfolio habe, sinkt bei der aktuellen Inflation von zehn Prozent auf 90 Euro", so der Ökonom. Auch wenn der Zinssatz und damit die Rendite der Bundesanleihen nominal steigen, würde der reale Zins in Wirklichkeit fallen. Staatsanleihen hätten derzeit in realer Betrachtung, also unter Berücksichtigung der Inflation, eine "so schlechte negative Rendite wie niemals zuvor". "Heute schwindet die Kaufkraft des Geldes, was in Anleihen steckt, wie Schnee in der Sonne - trotz der scheinbaren Zinserhöhungen", sagt Heinemann.

Dazu kommt die Erwartung der Investoren: zum einen der weiteren steigenden Inflation und zum anderen neuer Zinsschritte der Notenbanken im Kampf gegen die Teuerungswelle. Die Leitzinsen sind relevant für die Banken, die bei den Währungshütern Kredite aufnehmen. Das wirkt sich wiederum auf die Kapitalmarktzinsen aus, die unter anderem die Staaten den Anlegern für das Geld am Anleihemarkt bieten müssen. Wenn die Leitzinsen nach oben gehen, wird daher auch mit höheren Zinsen für Bundesanleihen gerechnet. Weil die Investoren gleichzeitig mittel- bis langfristig auf Preisstabilität hoffen, wären die Papiere nach ein paar Jahren auch real wieder attraktiv.

Die Folge: Die Anleger werfen die Anleihen aus ihren Depots. Und auch das Interesse an neuen Papieren sinkt. Nachdem die zuständige Finanzagentur des Bundes gestern die zehnjährige Bundesanleihe im Auktionsverfahren platzierte, blieb die Emission technisch unterzeichnet. Die Nachfrage lag also unter dem Angebotsvolumen: Statt vier Milliarden Euro nahm der Staat lediglich knapp 3,9 Milliarden Euro ein.

Auswirkungen auf den Staatshaushalt

Auch darüber hinaus haben die hohe Inflation und das veränderte Zinsumfeld Folgen für den Bund. Insgesamt sind die Einnahmen des Gesamthaushalts im ersten Halbjahr dieses Jahres gegenüber dem ersten Halbjahr 2021 um rund zwölf Prozent auf 841,4 Milliarden Euro gestiegen. Weil auch die Ausgaben leicht gesunken sind, ergibt sich ein deutlicher Rückgang beim Defizit auf 32,9 Milliarden Euro. Dabei spielt der drastische Preisauftrieb eine große Rolle, durch den etwa die Einkünfte des Staates aus der Mehrwertsteuer stark zunehmen.

Im Gegenzug erhöht sich jedoch die Zinslast. Trotz steigender Schulden lagen die Zinskosten im vergangenen Jahr bei lediglich 3,9 Milliarden Euro. Zum Vergleich: 2008 waren es noch 40 Milliarden Euro. Für dieses Jahr rechnet Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) wieder mit etwa 16 Milliarden Euro - Tendenz steigend. Schon 2023 sind 30 Milliarden Euro für die Kreditfinanzierung eingeplant.

Dazu gehören die jährlichen Zinszahlungen für laufende Bundesanleihen oder andere Bundeswertpapiere. Weil diese Zinssätze aber festgesetzt sind, bleiben die Ausgaben vorerst stabil. Anders ist die Situation bei sogenannten inflationsindexierten Wertpapieren, bei denen sich der Zins an der Inflation orientiert. Die Zahlungen werden im Gegensatz zu den Bundesanleihen zwar erst am Ende fällig, dennoch muss der Staat jedes Jahr Geld zur Seite legen. Nach 735,7 Million Euro im Vorjahr werden laut Finanzplan des Bundes für das laufende Jahr 4,6 Milliarden und für das kommende Jahr 7,6 Milliarden Euro eingeplant.

Zinsen steigen langsamer als Preise

Die größte Veränderung steht jedoch bei der Ausgabe neuer Anleihen an. "Neben der langfristigen Finanzierung müssen wegen des laufenden Defizits Jahr für Jahr alte Anleihen durch neue ersetzt oder aufgestockt werden", sagt Heinemann. Für 2022 rechne die Bundesfinanzagentur mit einem Emissionsvolumen von insgesamt 410 Milliarden Euro. "Wenn bei dem Verkauf neuer Anleihen plötzlich 2,5 statt null Prozent Zinsen gezahlt werden müssen, wären das allein in diesem Jahr zehn Milliarden Euro Zinszahlungen mehr gewesen", so der Fachmann.

Dazu kommt der sogenannte "Disagio-Effekt": Bei der Ausgabe neuer Anleihen muss der Bund aktuell einen Aufschlag auf den Kaufpreis zahlen - der zu den jährlichen Zinszahlungen noch dazukommt. Besonders bei der Aufstockung von Anleihen mit einem festgelegten Zinssatz von null Prozent zahlt der Finanzminister drauf, da die Anleger diese Titel angesichts der schlechten Rendite im Vergleich zu anderen Anleihen zum Nennwert nicht kaufen würden. Dafür sind Ausgaben in Höhe von 8,6 Milliarden Euro veranschlagt. Bis vor Kurzem war das noch anders: Da bekam der Bund aufgrund der negativen Rendite der Anleihen noch mehr Geld von den Anlegern, als er am Laufzeitende zurückzahlen musste ("Agio-Effekt"). Diese Zusatzeinnahmen - allein 2021 waren es 13 Milliarden Euro - fallen nun weg.

"Jetzt muss der Staat wieder positive Zinsen zahlen", sagt Heinemann. Allerdings schnelle gleichzeitig das Bruttoinlandsprodukt (BIP) durch die hohe Inflation nach oben, wodurch die Schuldenquote, sprich das Verhältnis der Staatsschulden zum BIP, sinkt. "Am Ende des Tages profitiert der Staat in Zeiten, in denen die Zinsen deutlich langsamer steigen als die Preise." Der reale Wert der Staatsverschuldung löse sich auf diese Weise "nach und nach in Luft auf". Die akute Phase sei daher keine besondere Belastung. Diese stehe erst an, wenn die Inflation irgendwann wieder fällt.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 22. September 2022 um 18:04 Uhr.