Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank bewirkt auch eine geringe Verzinsung der Lebensversicherungen. | dpa

Umfrage der EZB EU-Bürger haben Niedrigzinsen satt

Stand: 09.02.2021 12:17 Uhr

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) wird von der Mehrheit der EU-Bürger als negativ empfunden. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Notenbank. Viele fürchten um ihre Ersparnisse.

Die EU-Bürger haben sehen laut einer EZB-Umfrage die jahrelange Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) überwiegend kritisch. Mehr als die Hälfte der Befragten äußerte Kritik an den ultratiefen Zinsen, wie aus den Ergebnissen einer Bürgerumfrage der EZB hervorgeht, die die Notenbank am Montag veröffentlichte.

In Aktien gedrängt

Die Befragten kritisierten in der Umfrage laut EZB etwa, dass niedrige Renditen sie dazu zwingen würden, größere Anlagerisiken einzugehen wie beispielsweise in Aktien zu investieren. "(Niedrige Zinsen) zwingen mich dazu, risikoreicher anzulegen, als es in dieser Phase meines Lebens vernünftig wäre," habe etwa eine Antwort gelautet. Die geringen Erträge auf Spareinlagen seien ein ebenfalls häufig genannter Grund für die Kritik gewesen: "Was soll man mit Ersparnissen anfangen, wenn die Besteuerung höher ist als der Zinssatz?", habe ein Befragter wissen wollen.

Bürger der Euro-Länder wurden bei der Umfrage aufgefordert, 13 Fragen zu beantworten. Themen waren unter anderem Preisstabilität, die Wirtschaftsentwicklung und die Kommunikation. Die Notenbank erhielt mehr als 3900 Antworten, die sie jetzt ausgewertet hat. 27 Prozent der Antworten kamen aus den Niederlanden, 25 Prozent aus Deutschland und zehn Prozent aus Frankreich. In der Umfrage waren mehr als 40 Prozent der Teilnehmer über 55 Jahre alt.

Nur wenige Befragte begrüßen EZB-Politik

In lediglich zehn Prozent der Antworten wurden die Folgen der niedrigen Zinsen und der expansiven Geldpolitik positiv beurteilt. Der am meisten genannte Grund sei, dass die lockere Geldpolitik zur wirtschaftlichen Stabilität im Euroraum und zur Erhöhung der Beschäftigung beitrage. "Niedrige Zinssätze waren für die Wirtschaft insgesamt von Vorteil. Noch wichtiger ist jedoch, dass die quantitative Lockerung die Wirtschaft stabilisiert hat", zitierte die EZB.

Die EZB hat in den vergangenen Jahren den Leitzins immer weiter gesenkt. Der Einlagesatz liegt seit 2014 sogar im negativen Bereich - aktuell steht er bei minus 0,5 Prozent. Damit müssen Banken Strafzinsen zahlen, wenn sie bei der Notenbank überschüssige Gelder parken. Der Leitzins zur Versorgung der Institute mit Liquidität liegt seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Dazu wurden Programme für Staatsanleihenkäufe im Billionenvolumen aufgelegt. Beide Maßnahmen sollen die Konjunktur im Euroraum ankurbeln. Ihr Erfolg ist auch bei Experten strittig. Ein Ende der EZB-Politik ist angesichts der Corona-Krise aber weiterhin nicht in Sicht.

Negativzinsen und Immobilienblase

Ein Teil der Geschäftsbanken hat die Negativzinsen inzwischen auch an ihre Bankkunden weitergegeben. Damit werden etwa Einlagen auf Giro- und Verrechnungskonten zum Teil mit Minuszinsen belastet. Neben der Angst vor einem Wertverlust bei klassischen Sparformen wurden von den Umfrageteilnehmern Verzerrungen an den Finanz- und Immobilienmärkten befürchtet. Die Geldpolitik des EZB habe auch zu einer Immobilienblase geführt. Außerdem seien "Zombiefirmen" und marode Banken am Leben erhalten worden.

Aus Sicht der Befragten verstärkten die tiefen Zinsen außerdem die Ungleichheit unter den Bürgern, weil sie Wohlhabende bevorzuge. Die Euro-Notenbank hatte im Rahmen ihres großen Strategiechecks im Februar 2020 das Web-Portal "Die EZB hört zu" freigeschaltet.