Händler an der New Yorker Börse | picture alliance / Xinhua News A

Börsenhandel Verlass auf Bauch und Köpfchen

Stand: 29.04.2022 18:06 Uhr

Kaufen oder verkaufen? Die Antwort auf diese Frage bestimmt den Alltag der Börsenhändler. Doch in Zeiten von Pandemie und Krieg werden die Märkte immer unberechenbarer.

Von Sebastian Schreiber, ARD-Börsenstudio

Wer schon mal auf dem Parkett der Frankfurter Börse unterwegs war, kennt ihn: Robert Halver. Bei ihm trifft rheinischer Humor auf jahrzehntelange Börsenerfahrung. Halver ist seit 1995 im Handelssaal unterwegs - und dort mit seinen 1,93 Meter kaum zu übersehen. Der Leiter der Kapitalmarkt-Analyse bei der Baader Bank hat schon so manche Krise kommen und gehen sehen. Täglich muss er Entscheidungen treffen - welche Strategie zahlt sich langfristig aus? Immerhin geht es geht um viel Geld.

Sebastian Schreiber

"Fundamentalanalyse, charttechnische Analysen, Verhaltensanalysen - das macht man alles", sagt Halver. "Aber jetzt sind wir doch mal ehrlich: Es ist natürlich auch Bauchgefühl. Man muss am Ende auch sagen können: Jetzt wird gekauft."

Politisches Urteilsvermögen wichtig

Das Bauchgefühl also ist selbst bei Börsenprofis ein Faktor - trotz aller technischen Möglichkeiten, die es heute gibt. Eines aber habe sich in seiner Zeit an der Börse sehr verändert, sagt Halver: "Vor allen Dingen die Politik ist heute unheimlich wichtig geworden", so der Analyst. "Politische Einflüsse, die muss man mittlerweile auch draufhaben, um dann sagen zu können: Jetzt steigen wir ein oder wir steigen aus."

Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank | Baader Bank

Analyst Robert Halver arbeitet seit 1995 an der Frankfurter Börse. Bild: Baader Bank

Einsteigen, aussteigen - manchmal auch einfach nur abwarten. Die Suche nach dem richtigen Zeitpunkt ist gegenwärtig nicht gerade einfach; schließlich leidet die Börse unter vielen Unwägbarkeiten: Da sind etwa die Folgen des Krieges in der Ukraine, aber auch die der Corona-Pandemie. Die Inflation ist in die Höhe geschossen, die Preise sind regelrecht explodiert.

Timing wie im Jazz gefragt

"Wir müssen flexibel sein, wir müssen uns immer wieder im Moment auf das Umfeld einstellen. Wir müssen mal vorne stehen und unser Solo spielen - und mal müssen wir defensiv sein und uns im Aktienhandel zurückhalten", sagt der Börsenjournalist Markus Koch, der seit vielen Jahren von der New Yorker Wall Street berichtet. Er vergleicht den Aktien-Handel mit Musik, genauer gesagt mit Jazz - denn in beiden Bereichen kommt es auf das richtige Timing an.

Manchmal allerdings liegen auch die Börsenprofis am Ende mit ihren Entscheidungen daneben. Das gehört zum Geschäft, weiß auch Aktienstratege Halver von der Baader Bank. Er schildert, wie er abends zu Hause das Tagesgeschäft noch einmal Revue passieren lässt: "Dann sagt man: Das war falsch, und das war richtig. Natürlich. Man ist nur Mensch, und das sollte auch jeder wissen."

Markus Koch | picture-alliance/ ZB

Finanzjournalist Markus Koch berichtet seit Jahren von der Börse in New York. Bild: picture-alliance/ ZB

Und so spielt - trotz aller kühlen Daten, Zahlen und Fakten in der Welt der Finanzen - am Ende auch die Psychologie eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, sich für oder gegen eine Aktie zu entscheiden.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. April 2022 um 15:41 Uhr.