Der Börsengang der Continental-Tochter Vitesco im Frankfurter Handelssaal | REUTERS

Börsenjahr 2021 Run aufs Parkett

Stand: 29.12.2021 10:01 Uhr

Im ausklingenden Jahr wagten so viele Unternehmen den Sprung an die Börse wie schon lange nicht mehr - in Deutschland, aber auch im Ausland. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe.

Von Klaus-Rainer Jackisch, hr

Es war wohl der spektakulärste Börsengang in diesem Jahr, so voll hatte man das Parkett seit Monaten nicht mehr gesehen: die Lkw- und Bus-Sparte von Daimler spaltete sich ab - Daimler Truck wurde im Dezember als eigenständiges Unternehmen an der Frankfurter Börse gelistet. Ein historischer Tag für den Automobil-Hersteller und ein gutes Geschäft für viele Anleger. 31 deutsche Unternehmen gingen dieses Jahr aufs Parkett - der höchste Stand seit dem Jahr 2007; darunter der Berliner Online-Gebrauchtwagenhändler Auto1, der Funkturm-Betreiber Vantage Towers oder die Linux-Software-Firma Suse.

Klaus-Rainer Jackisch

Konzerne müssen Transformation finanzieren

Auch weltweit knallten die Sektkorken: Im zu Ende gehenden Jahr gab es so viele Börsengänge wie seit 20 Jahren nicht mehr, errechnete die Unternehmensberatung EY. Trotz der Coronavirus-Pandemie wagten fast 2400 Unternehmen den Schritt an den Aktienmark. Das waren knapp 65 Prozent mehr als im Vorjahr. Das weltweite Emissionsvolumen kletterte um rund zwei Drittel auf über 450 Milliarden US-Dollar.

Martin Steinbach, Chef des Bereichs IPO und Notierungen von EY, erklärt das mit dem Finanzierungsbedarf, der durch neue Anforderungen wie zum Beispiel dem Klimawandel entsteht: "Wir sehen, dass gerade die Pandemie diese beiden Trends befeuert. Und das bedeutet, dass gerade diese Unternehmen und Geschäftsmodelle an Beliebtheit zugenommen haben bei Investoren."

Extrem viel Geld im Umlauf

Hinzu kommt das günstige Marktumfeld mit überwiegend steigenden Kursen und extrem viel Geld, das vorhanden ist und angelegt werden will. Dementsprechend griffen die Anleger zu - und dementsprechend ist auch die Zahl der Börsenneulinge aus den Bereichen High-Tech, Digitalisierung und Pharma besonders hoch.

Das stärkste Wachstum verzeichneten die europäischen Börsen: Hier gab es mit 485 sogenannten IPOs mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Die meisten in einem Land wurden erneut in China mit fast 600 verzeichnet. Doch bei all dieser Euphorie gehen auch die ersten Warnlampen an - denn nicht immer entpuppt sich der Gang aufs Parkett als Erfolg.

"Nicht alle Unternehmen werden natürlich die hohen Erwartungen, die dann teilweise bei dem Börsengang geweckt werden und auch avisiert werden, erfüllen können", sagt Joachim Schallmeyer, Marktstratege bei der DekaBank. "Wir sehen, dass mittlerweile auch sehr hoch bewertete Unternehmen den Gang an die Börse antreten. Und diese Vorschusslorbeeren, die müssen dann tatsächlich auch in den nächsten Jahren durch harte Unternehmenszahlen erfüllt werden."

Geht der IPO-Boom weiter?

Dennoch könnte sich der Boom auch im nächsten Jahr fortsetzen. EY hat bereits allein für Deutschland bis zu 23 Börsengänge auf der Liste. Allerdings dürften sich die Rahmenbedingungen etwas verschlechtern - zum einen, weil die Notenbanken die Geldpolitik straffen werden. "Zum zweiten haben wir auch die Tendenz, dass doch zunehmend chinesische Unternehmen, die ja an den US-Börsen oftmals gelistet wurden oder dort ihr Börsen-Debüt gefeiert haben, dass das zunehmend schwieriger wird, dass dort große Börsengänge auch abgesagt werden", so DekaBank-Analyst Schallmeyer. Diese geopolitischen Spannungen könnten also ebenfalls den Schwung etwas abbremsen. Trotzdem dürfte auch im kommenden Jahr die IPO-Glocke ziemlich oft läuten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. Oktober 2021 um 13:41 Uhr.