Hinweisschild zum Notausgang an der Frankfurter Börse

Aktienkurse brechen ein Corona-Variante verängstigt Anleger

Stand: 26.11.2021 13:45 Uhr

Die Corona-Variante B.1.1.529 sorgt an den weltweiten Aktienmärkten für einen rasanten Kurssturz. Aus Furcht vor einem neuen Lockdown herrscht Unruhe an den Börsen - fast so wie zu Beginn der Pandemie.

Die neu entdeckte und möglicherweise gefährlichere Coronavirus-Variante in Südafrika schürt auf der ganzen Welt die Angst vor weiteren Lockdowns - auch bei Anlegern. Die Börsen erleben heute ihren größten Kurssturz seit dem Crash im März des vergangenen Jahres, als die erste Pandemie-Welle zu Rezessionsängsten geführt hatte. Etwa der Lufthansa-Aktie droht das größte Tagesminus seit mindestens 1991.

"Diese neu entdeckte Variante besorgt uns", betonte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Das letzte, was jetzt noch fehle, sei eine eingeschleppte neue Variante. Das sehen die Investoren offenbar ähnlich. "Solange man über Ansteckungsraten und Impfschutz nichts weiß, regiert an der Börse die Unsicherheit, und es wird verkauft", erklärte Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets. Mit einer Serie von Rekordhochs wie in den vergangenen Wochen könnte daher vermutlich erst einmal Schluss sein.

Die bisherige Sorglosigkeit der Anleger finde nun ein Ende, so auch Anlagestratege Jürgen Molnar vom Brokerhaus RoboMarkets. Die Mutation des Erregers Covid-19 könnte Experten zufolge ansteckender sein als der aktuell grassierende Typ Delta und resistenter gegen die bisherigen Impfstoffe.

Nachdem die Corona-Sorgen bereits die Kurse an den asiatischen Börsen erheblich nach unten gedrückt haben, versetzten sie auch dem deutschen Aktienmarkt einen kräftigen Schlag. Neben der sowieso schon rasanten Ausbreitung hierzulande ist die neue Variante ein weiterer Unsicherheitsfaktor.

Im frühen Handel rutschte der DAX zeitweise um vier Prozent unter die Marke von 15.300 Punkten ab und lag damit auf dem tiefsten Stand seit Mitte Oktober. Zuletzt konnte er sich zumindest leicht erholen. Der MDAX der mittelgroßen Werte verlor ebenfalls mehr als zwei Prozent. Auch im Rest von Europa war die Unsicherheit deutlich zu spüren. Der EuroStoxx50 sackte bis zu 4,6 Prozent ab.

26.11.2021 • 13:45 Uhr

Lufthansa auf Rekordtief

Besonders die Touristik- und Luftfahrtwerte litten unter den neuen Corona-Entwicklungen. Wie Großbritannien, Österreich, Italien, Tschechien, die Niederlande und Malta schränkte auch Deutschland den Flugverkehr mit Südafrika ein. Experte Molnar geht noch einen Schritt weiter: "Sollte sich die neue Variante als sehr aggressiv herausstellen, könnte dies wie bei der ersten Corona-Welle mit der Schließung des internationalen Flugverkehrs einhergehen."

Der Index der europäischen Reise- und Tourismuswerte rauschte um bis zu 7,3 Prozent in den Keller. Im MDAX fielen die ohnehin gebeutelten Lufthansa-Anteile auf ein Rekordtief - zuletzt standen sie mit rund zwölf Prozent im Minus. Für den Flugzeugbauer Airbus im DAX ging es ähnlich stark abwärts. Aktien des Triebwerksherstellers MTU verloren rund sechseinhalb Prozent, und für die Papiere des Flughafenbetreibers Fraport ging es um sieben Prozent bergab.

Dagegen waren als Corona-Gewinner geltende Werte wieder gefragt: Die Aktien des Laborausrüsters Sartorius verteuerten sich an der DAX-Spitze um mehr als 4,5 Prozent, gefolgt vom Kochboxenversender Hellofresh, dem Essenslieferdienst Delivery Hero und vom Online-Einzelhändler Zalando. Insgesamt halten sich die Anleger allerdings noch mit Rückkäufen zurück. Offenbar werden weitere Kursrücksetzer erwartet. Generell könnte der Crash aber auch Einstiegsmöglichkeiten für bestimmten Titel bieten. "Der 'Black Friday' scheint heute auch an der Börse mit Kurs-Rabatten einherzugehen", sagte CMC-Experte Stanzl. Ob Aktien damit aber bereits wieder günstig seien, wisse im Moment aber niemand.

Ausverkauf auch bei Rohstoffen

Die neuerlichen Konjunkturängste schlugen sich heute auch in Rohstoffkursen nieder: Spekulationen auf einen erneuten Rückgang der Nachfrage drückte den Preis für die Öl-Sorte Brent aus der Nordsee 4,4 Prozent ins Minus auf 78,57 Dollar je Barrel (159 Liter). Zusätzlich belasteten Spekulationen um ein mögliches Überangebot die Stimmung, sagte Analyst Tamas Varga vom Brokerhaus PVM.

Auch das wichtige Industriemetall Kupfer verbilligte sich um 2,3 Prozent auf 9573 Dollar je Tonne. "Es ist aber noch zu früh, um zu beurteilen, ob die neue Virus-Variante Einfluss auf die Nachfrage haben wird", so ein Börsianer. Für Thomas Altmann von QC Partner ist der "heutige Börsentag so etwas wie der perfekte Sturm", ein sogenannter "Risk-off-Tag", sagte er dem "Handelsblatt".

Das bedeutet, dass die Investoren durch Verkäufe von Aktien und Rohstoffen ihr Risiko verringern und im Gegenzug sogenannte "sichere Häfen" wie Gold und Staatsanleihen oder den Schweizer Franken kaufen, die als relativ konjunkturstabil gelten. So legte etwa das Edelmetall ein Prozent auf 1806 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) zu.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. November 2021 um 13:00 Uhr.