Handelssaal de Deutschen Börse in Frankfurt | AFP
Hintergrund

Börsenkurse Wie weit nach unten geht es noch?

Stand: 10.05.2022 12:17 Uhr

Der deutsche Leitindex DAX hat seit Jahresbeginn fast 16 Prozent an Wert verloren. Die US-Börsen starten ihre sechste Woche in Folge mit Verlusten. Was sind die Gründe der Talfahrt? Und: Ist ein Ende in Sicht?

Von Bianca von der Au, ARD-Börsenstudio

Es ist ein Dreiklang der Ängste, der derzeit das Börsengeschehen bestimmt und die Kurse weltweit nach unten drückt: die Angst vor einer Eskalation des Krieges in der Ukraine, die Sorgen von einer weiteren Abschwächung der Weltwirtschaft und die Unsicherheit angesichts steigender Zinsen. Kapitalmarktkenner Robert Halver von der Baader Bank fasst es so zusammen: "Die Stimmung ist in Moll angekommen. Im Augenblick erleben wir ja die Inflation an Krisen - das kommt zeitgleich auf uns zu."

Und das lässt die Kurse an den Aktienmärkten fallen. In Deutschland hat der DAX seit Jahresbeginn knapp 16 Prozent verloren, der Dow Jones in den USA ist seitdem fast zwölf Prozent im Minus, die Technologie-Börse Nasdaq ist sogar um mehr als 26 Prozent eingebrochen.

Schnell nach oben, schnell nach unten

Portfoliomanager Thomas Altmann von QC Partners beobachtet eine große Unsicherheit unter Anlegern. "Wir sehen, dass es im Tagesverlauf häufig sehr, sehr schnell nach oben und nach unten geht", sagt er. Das zeige, dass es den einen oder anderen gebe, "der auch Angst hat, nicht dabei zu sein, wenn die Kurse anfangen zu laufen". Genauso viele gebe es aber, "die sich sehr, sehr schnell und sehr, sehr bereitwillig aus Angst vor weiteren Verlusten von ihren Beständen trennen, wenn es doch wieder weiter nach unten geht".

Das ist anders als zu Beginn der Corona-Pandemie. Im März 2020 hatten sich Anleger panikartig von einem Großteil der Aktien getrennt. Der DAX verlor bis zu zwölf Prozent an einem Tag, erholte sich aber auch im Eiltempo wieder.

"Cash is King" als Motto vieler Anleger

Aktuell hält der Abwärtstrend schon seit Jahresbeginn an. Eine weitere Besonderheit ist dabei zu beobachten: Anleger werfen nicht nur Aktien aus dem Depot. Auch die als sicher geltenden Staatsanleihen werden verkauft. "Die meisten agieren nach dem Motto: Cash is King - und trennen sich sogar von den Anlageklassen, die eigentlich als sichere Häfen gelten", sagt Fondsmanager Thomas Altmann.

Selbst der Ansturm auf Gold bleibt aus. Die Kryptowährung Bitcoin hat allein seit Freitag 15 Prozent an Wert verloren und rutschte am Morgen unter die Marke von 30.000 Dollar. Investoren halten also ihr Bargeld zusammen angesichts der unsicheren Weltlage. Zumal noch kein Ende der Faktoren in Sicht ist, die die Anleger verunsichern.

Mögliche Zweiteilung der Welt mit Folgen

"Bei Corona konnte man zwar auch kein Ende sehen", sagt Halver. "Aber man hat gesagt: Das kriegen wir irgendwie wieder hin. Jetzt haben wir eine andere Lage, wir stehen möglicherweise vor einer Zweiteilung der Welt: in einen freien westlichen Teil mit Amerika und Europa, auf der anderen Seite China und Russland. Was auch Auswirkungen hat auf die Weltkonjunktur und dann auf die Absatzmöglichkeiten deutscher Produkte in diesen Ländern."

Nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine werden neue Wege der Energie-Sicherung gesucht, geopolitische Allianzen werden neu verhandelt, die Karten neu gemischt. Hinzu kommt die Zinswende durch die US-Notenbank Federal Reserve. Auch in Europa dürfte bald die Zinswende folgen angesichts der hohen Inflation. Das alles spiegelt sich an den Börsen wider. Zu Jahresbeginn hatten zahlreichen Banken dem DAX noch in diesem Jahr einen Anstieg auf 16.000 Punkte zugetraut. Davon ist nun keine Rede mehr.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. Mai 2022 um 12:00 Uhr.