Ein Bildschirm in der New Yorker Börse zeigt die Schlagzeile der Zinssenkung | AP

Ausblick der Deutschen Bank Wird 2022 das Jahr der Zinswende?

Stand: 30.11.2021 14:41 Uhr

Die Deutsche Bank erwartet, dass die US-Notenbank Mitte 2022 die Zinswende einleitet. Die Eurozone dürfte 2023 oder 2024 nachziehen - vorausgesetzt, die Omikron-Variante zwingt die Wirtschaft nicht in die Knie.

Aus Sicht der Deutschen Bank wird 2022 das Jahr der Zinswende - zumindest in den Vereinigten Staaten. "Die hohe Inflation und die weitere Wirtschaftserholung werden die US-Notenbank Fed zum Handeln zwingen", schreiben die Experten von Deutschlands größtem Geldhaus in ihrem heute vorgestellten Ausblick. Sie erwarten die Wende kommenden Juni, vielleicht sogar früher.

"Sollte die Inflationsrate bis zum Ende dieses Jahres oder Anfang 2022 nicht nachhaltig zurücksetzen, ist es fraglich, ob die Fed ihre sehr lockere Geldpolitik nicht doch schneller zurückfahren muss," sagt Chefvolkswirt Stefan Schneider. Zumindest dürfte sie den Umfang ihrer monatlichen Anleihekäufe, die geplant zur Jahresmitte enden, schneller verringern.

Inflation dürfte länger anhalten

Fed-Chef Jerome Powell rechnet damit, dass die derzeit hohe Inflation in den USA länger als ursprünglich erwartet andauern könnte. Erst im kommenden Jahr dürfte sich der starke Preisauftrieb wieder verlangsamen und die Nachfrage in ein besseres Gleichgewicht kommen, sagte Powell in einer vorab veröffentlichten Rede, die er heute vor dem Bankenausschuss des Senats halten will. "Es ist schwierig, die Fortdauer und die Auswirkungen der Lieferengpässe vorherzusagen. Aber es scheint derzeit so, dass Faktoren, die die Inflation antreiben, im nächsten Jahr fortbestehen werden", so Powell. Im Oktober lag die Teuerungsrate in den USA bei 6,2 Prozent - so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr.

Welche Auswirkungen die Omikron-Variante auf diese Prognosen hat, steht noch nicht fest. Der jüngste Anstieg der Covid-19-Fälle in Verbindung mit der neuen Virus-Mutante stelle Risiken für die Beschäftigung und das Wirtschaftswachstum sowie eine erhöhte Unsicherheit für die Inflation dar, sagte Powell. Das gilt auch für Europa.

Zinswende in der Eurozone in weiter Ferne

Dennoch rechnen die Experten der Deutschen Bank im kommenden Jahr mit einem Wirtschaftswachstum in der Eurozone von 4,0 Prozent, "insbesondere wenn sich ab dem Frühjahr die Infektionsdynamik saisonal zurückbildet und es bei den Lieferketten weniger knirscht". Davon werde vor allem die deutsche Industrie profitieren: Anders als in den vergangenen Jahren werde sich die Konjunktur in der größten Volkswirtschaft der Eurozone besser entwickeln als in den USA. Chefvolkswirt Schneider rechnet für Deutschland mit einem BIP-Wachstum von 4,5 Prozent.

Anders als die Fed dürfte sich die Europäische Zentralbank (EZB) deutlich mehr Zeit lassen mit der Zinswende. "Stand jetzt dürfte ein solcher Schritt erst gegen Ende 2023 anstehen", erklärt Schneider. EZB-Vizechef Luis de Guindos ist noch vorsichtiger. Die Notenbank werde auch nach einem Ende ihres Corona-Notprogramms PEPP im kommenden Jahr Anleihenkäufe als Konjunkturstütze nutzen, sagte der Spanier der französischen Wirtschaftszeitung "Les Echos" von heute. Die Äußerungen lassen darauf schließen, dass in der Eurozone auch nächstes Jahr nicht mit einer Zinswende zu rechnen ist - trotz der derzeit rasant steigenden Preise. Denn das Auslaufen der Anleihenkäufe gilt als Voraussetzung für eine Zinsanhebung.

Euro dürfte etwas aufwerten

Beim Euro-Dollar-Wechselkurs zeichnet sich 2022 nach Aussage der Deutschen Bank ein Favoritenwechsel ab. Die aktuelle Dollarstärke halte nur bis Anfang des Jahres 2022 an, weil die Eurozone beim Wirtschaftswachstum den USA hinterherhinkt. Die Fachleute gehen aber davon aus, dass der Kurs dreht, wenn Deutschland als Europas größte Volkswirtschaft seine Wachstumslücke von minus 2,6 Prozentpunkten im Jahr 2021 auf plus 0,8 Prozentpunkte im Jahr 2022 umkehrt. Vor allem die Automobilproduktion sollte sich wegen eines wieder höheren Angebots an Halbleitern deutlich erholen.

Für Anleger bedeutet dieses Szenario, dass der "Investitionsschwerpunkt", trotz einer Zinserhöhung in den USA, weiter auf "realen Anlageklassen" wie Aktien und Immobilien liegen dürfte.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. September 2021 um 17:24 Uhr.