Bohrinsel von BP in der Nordsee | picture alliance / dpa

Anlagestrategien Öl schlägt Nachhaltigkeit

Stand: 06.05.2022 08:00 Uhr

Nachhaltigkeit war auch an der Börse im Trend - bevor die Aktien von Ölmultis und Rüstungskonzernen wieder schnelle Renditen versprachen. Schafft das Finanzsystem die falschen Anreize?

Von Bianca von der Au, ARD-Börsenstudio

Geld anlegen und damit Gutes für die Umwelt tun: gar nicht so einfach, wie der jüngste Bericht der Nichtregierungsorganisation Finanzwende zeigt. Denn der Kapitalmarkt funktioniere so, dass kurzfristige Gewinnmaximierung die nachhaltige Geldanlage schlägt, sagt Volkswirtin Magdalena Senn von Finanzwende. Das Problem sei, dass Finanzmarktakteure bislang sehr stark auf kurzfristige Rendite getrimmt seien. "Quartalszahlen stehen im Vordergrund, und das verhindert an vielen Stellen, dass die Investitionen getätigt werden, die wir für die langfristige Ausrichtung an den Klimazielen bräuchten", so Senn.

Jüngstes Beispiel ist der heiße Lauf der Öl-Aktien. Getrieben von den geopolitischen Veränderungen durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine wird der Energiemarkt gerade neu geordnet. Die Ölpreise steigen in die Höhe - Anleger verdienen daran prächtig mit. Hier, so die Expertin von Finanzwende, würden die Umwelt-Risiken schlicht ausgeblendet. "Deswegen müssen wir jetzt so umsteuern, dass die Finanzierung dieser Verschmutzung teuer und unattraktiv wird, dass sich da einfach nicht mehr so gut Geld verdienen lässt."

Komplizierter Interessenausgleich

Hier kommt laut Senn die Politik ins Spiel. Die EU hat im vergangenen Sommer eine Strategie veröffentlicht, wie Finanzflüsse stärker in nachhaltige Projekte gelenkt werden sollen. Doch was ist grün und was nicht? Um diese Definition wurde zuletzt hart gerungen, erinnert Martin Lück vom weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock. "Denken wir nur an die sogenannte EU-Taxonomie, wo auch Atomenergie oder fossile Energie wie Gas als nachhaltige Energiequelle bezeichnet werden, was natürlich Unsinn ist, und das wissen wir auch alle", so Lück. Der Interessenausgleich sei sehr schwer, und deshalb sei die Brüsseler Taxonomie auch allenfalls ein erster Schritt.

Blackrock-Chef Larry Fink hatte sich zeitweise öffentlich für gewisse Umwelt- und Sozialstandards bei Unternehmen ausgesprochen. Das hat Gewicht, zumal Blackrock Großaktionär vieler DAX-Konzerne ist. Andererseits bietet der Vermögensverwalter auch Fonds an, die Anteile von Klimasündern enthalten.

"Es fehlen einheitliche Standards"

Aus Sicht von Finanzwende ist ein generelles Problem, dass zum Teil schlicht die Informationen über nachhaltige Investitionen nicht verfügbar oder nicht vergleichbar seien. Es fehlten einheitliche Standards. "Gerade bei den Nachhaltigkeits-Ratings, die schauen, wie grün ein Unternehmen heute schon ist - da muss auch Standardisierung stattfinden, weil wir eine Situation haben, wo ein und dasselbe Unternehmen von den Rating-Agenturen sehr unterschiedlich bewertet wird", beklagt Ökonomin Senn.

Das Finanzsystem kann ein Hebel sein, mehr Geld in nachhaltige Unternehmen zu lenken - davon sind die Experten von Finanzwende überzeugt. Aber das passiere nicht von allein. Denn Anleger investieren dort, wo es Rendite gibt.