Dax Kurstafel

Vom Absturz zum Rekordhoch Achterbahn-Jahr an den Börsen

Stand: 30.12.2020 15:08 Uhr

2020 war ein Jahr der Extreme - auch an den Börsen. Erst stürzte der DAX so stark ab wie noch nie, dann erholte er sich wieder rasant und schaffte ein Rekordhoch mitten im Lockdown. 2021 könnte die Rally weitergehen.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

So mancher dürfte sich verwundert die Augen reiben. Realwirtschaft und Aktienmärkte haben sich entkoppelt. Während die deutsche Wirtschaft in eine zweite Corona-Rezession zu rutschen droht, herrscht an den Börsen Partystimmung. Der DAX ist kurz nach Weihnachten auf ein neues Rekordhoch gestürmt.

Happy-End für den Dax

Damit schließt das Börsenjahr 2020 doch noch mit einem Happy-End. Seit Anfang Januar hat der DAX insgesamt 3,5 Prozent gewonnen. Damit wurden in etwa die Prognosen der Analysten erfüllt. Ein ganz normales Börsenjahr also?

Mitnichten. Ende Februar bis Mitte März erlebte der DAX den schnellsten Crash seiner Geschichte. Binnen weniger Wochen fiel er um über 5000 Punkte. Doch so rasant der Absturz war, so schnell erholte sich der deutsche Leitindex wieder. Seit dem Tiefstand Mitte März hat er über 60 Prozent zugelegt.

Wall Street auf Rekordjagd

Noch furioser entwickelte sich die Wall Street. Der Dow Jones kletterte erstmals in seiner Geschichte über die Marke von 30.000 Punkten. Vor vier Jahren stand er noch 10.000 Zähler tiefer. Der breit gefasste S&P 500 legte um rund 14 Prozent zu und erreichte neue historische Bestmarken. Am besten lief es für Technologiewerte: Nach dem Kurseinbruch machte die Nasdaq die Corona-Delle rasch wieder wett und eilte von einem Rekordhoch zum nächsten.

Es waren mal wieder die mächtigen Zentralbanken, die die Finanzmärkte retteten. Nach dem Corona-Crash senkte die US-Notenbank Federal Reserve in zwei großen Schritten die Leitzinsen auf fast null Prozent und pumpte neue Milliarden an Liquidität in die Märkte. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) lockerte ihre geldpolitischen Zügel. Sie legte ein Anleihenkaufprogramm auf, das sie ironischerweise auch noch PEPP taufte. Das Volumen wurde inzwischen auf 1,85 Billionen Euro aufgestockt. Pep ist eine Droge und kann süchtig machen.

Billionen-Hilfen der Notenbanken und Regierungen

Hinzu kamen billionenschwere Konjunkturhilfen zahlreicher Staaten. Alleine die USA eilten der Wirtschaft mit Corona-Programmen in Höhe von 2,3 Billionen Dollar zu Hilfe. Kurz vor Weihnachten machten Republikaner und Demokraten den Weg für ein weiteres 900 Milliarden Dollar großes Hilfspaket frei.

Zwar gab es immer wieder Rückschläge wie die zweite Corona-Welle und neue Lockdowns sowie die Erkrankung von US-Präsident Donald Trump. Letztlich aber schürte die Aussicht auf die Zulassung von Corona-Impfstoffen wieder Hoffnung. Die so genannte "Impfstoff-Rally" bescherte den Börsen den besten November seit langem.

Gute Aussichten für 2021

Dank der ersten nun zugelassenen Impfstoffe rechnen viele Anlagestrategen für 2021 mit einer allmählichen Rückkehr zur Normalität. Die DZ Bank nennt den Impfstoff einen "Game Changer". Ab Mitte nächsten Jahres dürften wir wieder zu alten Konsum- und Lebensgewohnheiten zurückkommen, glaubt Kapitalmarktstratege Michael Bissinger. Folglich dürfte 2021 das Jahr des großen Wiederaufschwungs werden. Die Deutsche Bank prophezeit einen BIP-Anstieg von 5,9 Prozent.

Die Genesung der Weltwirtschaft dürfte den Börsen weiter Auftrieb gegeben, auch wenn schon viel in den Kursen vorweggenommen wurde. Die meisten Anlagestrategen erwarten neue DAX-Rekorde. Im Schnitt trauen sie dem deutschen Börsenbarometer einen Sprung auf 14.000 Punkte zu. Das wäre ein kleiner Anstieg von etwa zwei Prozent.

Optimistischer sind die Experten von MM Warburg und der italienischen Unicredit. Sie sehen den DAX bis Ende des nächsten Jahres bei 15.000 Punkten. Noch euphorischer ist Vermögensverwalter Jens Ehrhardt. Er glaubt, dass der Dax schon in wenigen Monaten auf 16.000 Zähler klettern dürfte. "Nachdem die Bremsklötze Corona und Präsidentschaftswahl weg sind, dürfte der monetäre Schub die Börsen weiter nach oben tragen", sagt er.

"Mehr Chancen als Risiken!"

Dr. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank
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Deutsche-Bank-Chefanlagestratege Ulrich Stephan

Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, sieht "mehr Chancen als Risiken". "An den Aktienmärkten dürften weitere gute Nachrichten zu den potenziellen Impfstoffen für Rückenwind sorgen. Die Börsen dürften dies honorieren und auf eine beschleunigte wirtschaftliche Erholung setzen."

Auch die Wall Street könnte ihre Rekordrally fortsetzen, obgleich die Bewertungen inzwischen schon sehr hoch sind. Die Deutsche Bank und die DZ Bank erwarten den S&P 500 etwas höher bei 3800 Punkten. Deutlich zuversichtlicher äußert sich die US-Bank JPMorgan. Sie prognostiziert einen Sprung des S&P 500 auf 4400 Punkte. Nur die Helaba ist vorsichtig. Sie rechnet mit einer Stagnation bei um die 3750 Zähler.

Eher europäische oder amerikanische Aktien?

Ob US-Aktien im nächsten Jahr erneut die europäischen Aktien abhängen, ist fraglich. Für Europa könnte die am 20. Januar anstehende Amtsübergabe von Donald Trump an Joe Biden sprechen. Denn "das Damoklesschwert Handelsstreit dürfte sich unter dem neu gewählten Präsidenten als weniger belastend erweisen, weil Biden weniger irrlichternd und dramatisch als sein Vorgänger agieren wird", meinen die Experten der Landesbank Baden-Württemberg.

Joe und Jill Biden | Bildquelle: AFP
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US-Präsident Joe Biden und die künftige "First Lady" Jill Biden.

Außerdem glauben sie, dass das Programm von Biden mit erhöhten Steuern und Mindestlöhnen den US-Unternehmen 2021 eher einen Nachteil bringen könnte. Andererseits sollten Anleger nicht glauben, dass Biden auf Schmusekurs zu Europa geht. Er wird ähnlich wie Trump die Interessen der US-Wirtschaft verteidigen.

Einig sind sich die Anlageexperten in einem anderen Punkt: Asiatische Aktien, insbesondere chinesische Titel, dürften auch im kommenden Jahr die Nase vorn haben. China sei der Krisengewinner schlechthin. Der chinesische Leitindex hat 2020 mehr als 20 Prozent gewonnen - und besser abgeschnitten als die wichtigsten anderen Börsen. Der Containerumschlag dort sei derzeit schon 15 Prozent höher als vor einem Jahr. "Da brummt es", sagt Helaba-Chefvolkswirtin Traud.

Tech-Aktien könnten an Glanz verlieren

Je mehr sich die Weltwirtschaft normalisiert, desto eher dürften wieder zyklische Aktien gefragt sein, die in der Corona-Krise an Wert eingebüßt haben. Dazu zählen Auto-, Luftfahrt-, Freizeit- und Industrietitel. Mehrere Banken stellen sich auf eine "Rotation" ein, also die Umschichtung von einem Sektor in andere.

Nannette Hechler-Fayd’herbe, Chefinvestmentstrategin bei der Credit Suisse, geht davon aus, dass die Tech- und Wachstumsaktien etwas an Glanz verlieren und von den Industriewerten, Rohstofffirmen und Corona-Verlierern überholt werden könnten. Chefstratege Stephan von der Deutschen Bank empfiehlt den Anlegern, in Aktien zu investieren, die zuletzt zurückgeblieben sind: "Die Letzten werden die Ersten sein."

Ähnlich sieht das Christian Kahler, Leiter Aktienstrategie bei der DZ Bank: "Die Sektorrotation kommt - wie nach jeder Krise", glaubt er. Die zu erwartende Normalisierung des täglichen Lebens werde klassische konjunktursensible Branchen wie Auto, Chemie, Industrie und Bau beflügeln. Auch die Corona-Verlierer Touristik, Hotellerie und Gastronomie werden einen Aufschwung erleben, wenn die Menschen wieder hinausdürfen.

Nur wenige Zweifler

Tilmann Galler
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JP-Morgan-Aktienstratege Tilmann Galler

Treiber der Aktienmärkte dürfte weiter die extrem expansive Geld- und Fiskalpolitik bleiben. Die Notenbanken und Regierungen "werden weiter die Wirtschaft stützen, bis alles Ungemach vorüber ist", meint Tillmann Galler, Anlagestratege von JP Morgan. Die billionenschweren Anleihekauf- und Konjunkturprogramme von Notenbanken und Regierungen seien historisch beispiellos.

Nur wenige Experten drücken auf die Euphoriebremse. Zu ihnen gehört Heino Ruland vom unabhängigen Analysehaus Ruland Research. Das dicke Ende der Krise komme noch, warnt er. Die Pleitewelle der zahlreichen "Zombie-Firmen" stehe noch bevor. Ruland rechnet für das nächste Jahr nur mit einem Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent in Deutschland. Der DAX werde um 2.000 Punkte auf 11.850 Zähler fallen, prophezeit er.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Dezember 2020 um 17:00 Uhr.

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