Der Vorstandsvorsitzende der Telekom, Ron Sommer (r), und Telekom-Finanzvorstand Joachim Kröske | picture-alliance / dpa

Börsengang vor 25 Jahren Warum die T-Aktie zum Trauma wurde

Stand: 18.11.2021 10:28 Uhr

"So sicher wie eine Zusatzrente" werde die T-Aktie sein, versprach der damalige Telekom-Chef anlässlich des Börsengangs heute vor 25 Jahren. Viele Menschen glaubten ihm - und wurden bitter enttäuscht.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Am 18. November 1996 bricht in Deutschland das Börsenfieber aus - und Millionen Menschen sind von ihm erfasst. An diesem Tag wird die T-Aktie, das Papier der Deutschen Telekom, zum ersten Mal an der Frankfurter Börse notiert. Dabei werden 713 Millionen Aktien verkauft, rund 20 Milliarden DM, fast zehn Milliarden Euro, nimmt die Telekom dadurch ein. Dabei hätte das Bonner Unternehmen fünf Mal so viele Aktien loswerden können, so groß war die Nachfrage. Entsprechend gut gelaunt sind die 500 geladenen Gäste. Unter ihnen ist auch der damalige Bundespostminister Wolfgang Bötsch. Er ist überzeugt, dass der Börsengang die im internationalen Vergleich zögerliche Aktienkultur in Deutschland auf Trab bringen wird.

Auch die Telekom hat sich zum Ziel gesetzt, so viele Privatanleger wie möglich zu erreichen, weil sie befürchtet, dass die Größe des Börsengangs die herkömmlichen Investoren aus Banken und Versicherungen überfordern könnte. Folglich steckt sie 100 Millionen DM in eine Marketing-Kampagne - und lässt unter anderem Schauspieler Manfred Krug für eine neue "Volksaktie" werben. "Die Telekom geht an die Börse, da geh ich mit", so sein Spruch.

Der Schauspieler Manfred Krug war Werbefigur für die T-Aktie | picture-alliance / dpa

Bild: picture-alliance / dpa

Schutzgemeinschaften warnen früh

Auch Telekom-Chef Ron Sommer rührt kräftig die Werbetrommel. Er verspricht, "die T-Aktie wird so sicher wie eine vererbbare Zusatzrente sein". Die Menschen glauben ihm. 1,9 Millionen Privatanlegern greifen gleich beim ersten von insgesamt drei Börsengangen zu und kaufen das Papier. Für 650.000 von ihnen ist es überhaupt das erste Mal, dass sie eine Aktie erwerben. In der Folge hat kein anderes börsennotiertes Unternehmen in Deutschland einen vergleichbar hohen Anteil an Privatanlegern: 68 Prozent.

Skeptische Stimmen sind dabei äußerst selten. Nur die Aktionärsschützer warnen vor der allgemeinen Euphorie. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) spricht von einem "Blindkauf" und die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) warnt vor einer Enttäuschung.

90 Prozent Wertverlust

Doch die Erwartungen der Manager und Anleger scheinen sich zunächst zu erfüllen. Zwar dauert es zwei Jahre nach der Erstnotiz, bis das Papier an Fahrt aufnimmt. Doch dann schaltet die Aktie den Turbo ein - und klettert auf undenkbare Höhen. Am 6. März 2000 ist der Gipfel erreicht: Die T-Aktie kostet 103,50 Euro. Wer die Aktie beim ersten Börsengang für 14,57 Euro (damals 28,50 DM) gekauft hat, hat seinen Einsatz mehr als versiebenfacht. Verkaufen tun jedoch nur die wenigsten. Sie erwarten weiter steigende Kurse.

Doch die Freude währt nur kurz. Nachdem aufgedeckt wird, dass die Telekom Immobilienbestände überbewertet hat, schwindet das Vertrauen in das Unternehmen, und die Aktie setzt zum Sturzflug an. Bis zu den Anschlägen des 11. September 2001, also nur eineinhalb Jahre nach dem Rekordhoch, bricht das Papier auf unter zehn Euro ein, verliert also 90 Prozent seines Wertes. Dabei trifft die Telekom aber nicht die alleinige Schuld. Sie das Pech, in den Taumel des Neuen Marktes zu geraten. Dort ist die Dotcom-Blase geplatzt und reißt in ihrem Gefolge den gesamten Aktienmarkt mit in die Tiefe.

Doch den Telekom-Konzern trifft es besonders hart. Während sich die Aktienmärkte ab 2003 von den Folgen der Anschläge in New York und dem Platzen der Dotcom-Blase erholen, dümpelt das Papier des Bonner Unternehmens jahrelang vor sich hin. Im Juni 2012 geht der Kurs sogar weiter zurück und markiert bei 7,71 Euro einen absoluten Tiefpunkt.

Verheerende Folgen für Aktienkultur

Für die Aktienkultur in Deutschland hat das verheerende Folgen. Nachdem die Zahl der Aktionäre im Land bis zur Jahrtausendwende auf zwölf Millionen gewachsen war, geht sie in den Folgejahren deutlich zurück. Auch der Absturz der Telekom-Aktie von 100 auf zehn Euro hat viele Privatanleger traumatisiert, weil sie dadurch viel Geld verloren haben und sich von den vollmundigen Werbeversprechen getäuscht fühlen. "Dadurch, dass dieser Börsengang so emotional aufgeladen war, haben viele danach gedacht, an der Börse kann man eigentlich nur Verluste machen, und die Finger davon gelassen" sagt Alexander Kriwoluzky, Abteilungsleiter beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Einer Studie des DIW und der Universität Bonn zufolge hat das Trauma der T-Aktie sehr lange nachgewirkt. Auch 20 Jahre nach dem ersten Börsengang der Telekom kaufen Kleinanleger zu 60 Prozent seltener Aktien als jüngere Haushalte. Sogar bei Menschen, die nur Zeuge dieser Ereignisse waren, sei die Wahrscheinlichkeit weitaus geringer, dass sie in den Aktienmarkt investierten, sagt Kriwolutzky. Schlimmer noch. "Wir sehen auch, dass sich dieses Verhalten auf die Kinder derjenigen vererbt, die damals T-Aktien gekauft und gehalten hatten," so der Experte.

Ungelöste Klage von Privatanlegern

Erst im letztem Jahr haben die Deutschen die Börse wieder entdeckt; die Zahl der Aktionäre stieg auf 12,4 Millionen, so viele wie zuletzt im Jahr 2001. Das zeigt eine Studie des Deutschen Aktieninstituts (DAI). Die Pandemie, verbunden mit der Angst ums Geld, habe viele Sparer dazu gebracht, wieder vermehrt Risiken einzugehen. Auch die T-Aktie hat sich von ihrem Tief erholt und notiert bei 16,70 Euro. Das ist etwas mehr als zum ersten Börsengang vor 25 Jahren.

Bis heute ungelöst bleibt allerdings eine Klage von 16.000 Privatanlegern auf Schadenersatz in Höhe von 80 Millionen Euro. Die Kläger begründen ihre Ansprüche mit Falschangaben im damaligen Verkaufsprospekt der Telekom über ihre Besitzverhältnisse am US-Mobilfunker Sprint. Das habe zu einer Minderung des Aktienpreises geführt. Der genaue Zusammenhang zwischen dem Fehler und den Kursverlusten ist aber ungeklärt.

Am 23. November, also kommende Woche, soll nun auf Vorschlag des OLG Frankfurt ein Termin für einen gütlichen Vergleich stattfinden. Auf dem Tisch liegt ein Vorschlag, der sowohl vom Musterkläger und weiteren Anlegerschutz-Kanzleien sowie der beklagten Deutschen Telekom, der Bundesrepublik Deutschland und der Staatsbank KfW unterstützt wird. Nehmen ihn die Streitparteien an, könnte das Verfahren beendet und die Geschichte über Aufstieg und Fall der T-Aktie abgeschlossen werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 18. November 2021 um 11:00 Uhr.

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Moderation 18.11.2021 • 14:59 Uhr

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