Auspuff eines Autos in Essen | Bildquelle: AP

Wissenschaftsakademie Leopoldina "Fahrverbote wenig erfolgversprechend"

Stand: 09.04.2019 18:20 Uhr

Wie sinnvoll sind Fahrverbote für eine saubere Luft? Zuletzt hatte sich darüber die Politik gestritten. Jetzt hat die Wissenschaftsakademie Leopoldina ihre Stellungnahme veröffentlicht - mit einem kritischen Ergebnis.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hält begrenzte Dieselfahrverbote auf einzelnen Straßen für wenig erfolgversprechend, um die Luft in den Städten zu verbessern. Kurzfristige und kleinräumige Beschränkungen würden zu einer Verkehrsverlagerung in andere Stadtgebiete führen, heißt es in einer Stellungnahme. Die Forscher sprechen von "kurzfristigem Aktionismus" und empfehlen eine grundlegende Verkehrswende - mit einem Ausbau vor allem des öffentlichen Nahverkehrs.

Die Wissenschaftler sehen es nicht als vordringlich an, Stickstoffdioxid-Grenzwerte zu verschärfen. Diese werden in vielen Städten vor allem durch Dieselabgase überschritten. Grundsätzlich müsse aber mehr getan werden, um den Ausstoß von Schadstoffen zu verringern. Das gelte auch für Feinstaub und Treibhausgase. Die Wissenschaftler plädierten dafür, die Anstrengungen zur Luftreinhaltung auf die Feinstaub-Reduktion zu konzentrieren.

Ende Januar hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Wissenschaftler der Leopoldina gebeten, sich mit den gesundheitlichen Gefahren durch Stickstoffoxide und Feinstaub zu beschäftigen und Empfehlungen für eine Verbesserung der Luftqualität zu geben. Eine Gruppe von Lungenärzten sowie Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hatten damals die Grenzwerte für Stickoxid infrage gestellt, die Grundlage der gerichtlich angeordneten Dieselfahrverbote in zahlreichen deutschen Innenstädten sind.

Kritik an Verengung der Debatte

Der Arbeitsgruppe gehörten 20 Professoren aus zwölf Fachgebieten an. Die Wissenschaftler kritisieren in ihrer Stellungnahme eine Verengung der Debatte auf Stickstoffdioxid (NO2) als "nicht zielführend". Feinstaub sei deutlich schädlicher für die Gesundheit. Er könne die Sterblichkeit erhöhen und Erkrankungen der Atemwege, des Herz-Kreislauf-Systems oder auch Lungenkrebs verursachen. Feinstaub stammt etwa aus Dieselruß, Reifenabrieb oder Abgasen von Industrie, Kraftwerken und Heizungen. Die Politik solle deshalb prüfen, ob die Grenzwerte verschärft werden sollten.

Die Experten bestätigten aber auch die Gesundheitsgefahr von Stickoxiden. Sie könnten Symptome von Lungenerkrankungen wie Asthma verschlimmern und trügen zur Bildung von Feinstaub und Ozon bei.

Damit wurde die Kritik der 107 Lungenärzte in zentralen Punkten zurückgewiesen.

Kritik der Lungenärzte zurückgewiesen

Der Autor des Papiers, Dieter Köhler, hatte Rechenfehler eingeräumt, war aber dabei geblieben, dass Risiken und die Grenzwerte wissenschaftlich nicht hinreichend belegt seien. Martin Lohse, Vizepräsident der Leopoldina, sagte, Köhler habe sich "vergaloppiert", obwohl er einen Finger in die Wunde gelegt habe.

Verkehrsminister Scheuer sagte, die Leopoldina bestätige seine Strategie. Das zwei Milliarden-Paket für saubere Luft etwa zur Umrüstung von Diesel-Bussen und Ausbau der E-Mobilität sei wirksam. Streckenbezogene Fahrverbote seien der falsche Weg. Scheuer forderte außerdem erneut eine Debatte über Schadstoff-Grenzwerte, sie dürften nicht "politisch-ideologisch festgesetzt" sein.

Andreas Scheuer | Bildquelle: dpa
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Verkehrsminister Scheuer fordert erneut eine Debatte über Schadstoff-Grenzwerte.

Auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze fühlte sich bestätigt. Der Bericht zeige, dass Luftschadstoffe im Vergleich mit anderen Umweltfaktoren am stärksten die Gesundheit gefährden könnten, damit sei der Fokus auf Luftqualität "zwingend notwendig".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. April 2019 um 13:19 Uhr.

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