Menschen in Japan überqueren eine Straße | Bildquelle: AP

Reform gegen Arbeitskräftemangel Japan öffnet Arbeitsmarkt für Ausländer

Stand: 01.04.2019 11:35 Uhr

Hunderte Überstunden, kaum Urlaub. In Japan ist das normal - bislang. Nun will die Regierung dem Arbeitskräftemangel anders begegnen. Die Türen für Ausländer werden geöffnet.

Von Martin Fritz, ARD-Studio Tokio

In Japan beginnt heute eine stille Revolution. Erstmals in der Geschichte holt Japan in großem Stil Ausländer als Arbeitskräfte ins Land. Bisher blieben die Türen für Migranten zu, auch Flüchtlinge wurden kaum aufgenommen. Nun wurden zwei spezielle Arbeitsvisa geschaffen.

Ungelernte Kräfte dürfen bis zu fünf Jahre bleiben, aber keine Angehörigen mitbringen. Fachkräfte können mit Familie einreisen und nach zehn Jahren eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Zuvor müssen alle einen Sprachtest bestehen.

Mitarbeiter des japanischen Elektronikkonzerns Panasonic arbeiten in einem Fabrikgebäude | Bildquelle: dpa
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Bislang glichen Frauen den Arbeitskräftemangel aus

Kehrtwende um 180 Grad

Damit vollzieht Premierminister Shinzo Abe, ein Nationalist, der jede Einwanderung bisher ablehnte, eine Kehrtwende um 180 Grad: "Ich will eine Gesellschaft und ein System realisieren, so dass Ausländer in Japan arbeiten und wohnen wollen."

Der Regierungschef hat seine Meinung unter dem Druck vieler Betriebe und Unternehmen geändert. Vor allem die Bauindustrie, die Alten- und Krankenpflege, Restaurants und Supermärkte leiden unter großem Mangel an Arbeitskräften. Der Grund: Japans Bevölkerung altert und schrumpft. Bisher wurde dies dadurch ausgeglichen, dass mehr Frauen und Senioren erwerbstätig wurden.

Sorgen der Bevölkerung

Nun sollen auch noch Ausländer dazukommen. Dies hat viele Japaner überrascht, vor allem Ältere zeigten sich in Umfragen skeptisch. Aber es gab nur wenige Proteste wie diese Demonstration einer Rechtsaußenpartei. Sie fürchten, dass der Mindestlohn der Japaner sinkt, wenn ausländische Arbeiter kommen.

Wegen solcher Sorgen vermeidet die Regierung das Wort "Einwanderung". Zugleich konzentriert sie ihre Anwerbung auf asiatische Länder wie Vietnam, China und Indonesien, so dass die neuen Arbeitskräfte aus dem Ausland nicht so schnell auffallen. Vor allem dürfen in den nächsten fünf Jahren nur insgesamt 340.000 Ausländer ins Land kommen. Das sind jedoch viel zu wenig, um den Mangel an Arbeitskräften zu beseitigen. Deswegen verbessert die Regierung parallel die generellen Arbeitsbedingungen.

Arbeiter in Japan an Werkbank | Bildquelle: REUTERS
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Automatisierung half, reicht allein aber auch nicht.

Weniger Überstunden, mehr Automatisierung

Als wichtigste Maßnahme wird die Zahl der Überstunden ab heute erstmals gesetzlich begrenzt. Zwar verschärft dies zuerst einmal den Arbeitskräftemangel. Aber es zwingt die Unternehmen zum Automatisieren und damit zu höherer Produktivität.

Zugleich bedeuten weniger Abendstunden im Büro, dass mehr Frauen erwerbstätig werden können, wie Regierungschef Abe erklärte: "Diese erste große Maßnahme seit 70 Jahren wird die langen Arbeitszeiten verringern und die irreguläre Beschäftigung verschwinden lassen. Dadurch lässt sich Erwerbsarbeit besser mit Kindererziehung und Altenpflege vereinbaren."

Drei Überstunden täglich erlaubt

Von heute an dürfen große Unternehmen in Japan nicht mehr als 720 Überstunden jährlich verlangen. Sonst gibt es Geldstrafen. Allerdings bedeutet dies, dass bei einer Fünf-Tage-Woche immer noch knapp drei Überstunden täglich gesetzlich erlaubt sind, was den Oppositionsabgeordneten Michihiro Ishibashi empörte: "Das ist die schlimmste Arbeitsreform der ganzen Nachkriegszeit. Das System fördert Tod durch Überarbeitung und erlaubt eine Vielzahl von unbezahlten Überstunden."

Doch die Regierung setzt darauf, dass die Unternehmen künftig besser mit ihrem Personal umgehen. So müssen die Firmen ab heute auch sicherstellen, dass jeder Mitarbeiter mindestens fünf Tage im Jahr tatsächlich Urlaub macht.

Japan öffnet ab heute die Tür für Migranten
Martin Fritz, ARD Tokio
01.04.2019 11:28 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 01. April 2019 um 09:24 Uhr.

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