EZB, Leitzins

Entscheidung der EZB Zinsen im Euroraum auf historischem Tiefstand

Stand: 05.07.2012 14:01 Uhr

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Leitzinsen auf den niedrigsten Stand in ihrer Geschichte gesenkt. Der Hauptrefinanzierungssatz, zu dem sich Banken Geld von der EZB leihen, fiel von 1,0 Prozent auf 0,75 Prozent. Die Banken können sich also künftig günstiger Geld von der Notenbank leihen.

Auch der Zins für Übernachteinlagen der Banken bei der EZB, der Einlagefazilitätssatz, wurde um 25 Basispunkte auf Null Prozent gesenkt - und das gilt bei Experten als die eigentlich überraschende Entscheidung. Für die Institute besteht damit momentan überhaupt kein Anreiz mehr, überschüssige Milliarden kurzfristig bei der Notenbank zu parken.

Draghi erhofft sich viel

Der EZB-Rat habe die Entscheidung einstimmig getroffen, sagte EZB-Chef Mario Draghi. In dem Gremium sitzen die Vertreter der 17 nationalen Notenbanken der Euro-Zone sowie die sechs Mitglieder des EZB-Direktoriums. Befragt nach der erhofften Wirkung sagte Draghi, er erhoffe sich viel - abhängig davon, wie sich bei den Banken die Nachfrage der Wirtschaft nach Krediten entwickle, die dann in Investitionen fließen können. Unkonventionelle Schritte im Kampf gegen die Krise habe der Zentralbank-Rat am nicht diskutiert, sagte Draghi.

Ein richtiger Schritt?

Die meisten Volkswirte hatten eien Zinssenkung im Kampf gegen eine Ausbreitung der Rezession erwartet. Die Entscheidung gilt als Versuch, die Eurokrise zu entschärfen, angeschlagene Banken mit Geld zu versorgen und den Krisenländern billigere Kredite zu verschaffen.

Allerdings sind die Volkswirte uneins darüber, ob eine Zinssenkung die Konjunktur ankurbelt oder die Inflation befeuert. Für Deutschland sei eine weitere Zinssenkung gefährlich, sagte der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Ferdinand Fichtner. In manchen Bereichen der deutschen Wirtschaft beobachte das DIW bereits Überhitzungserscheinungen. So sei die Konjunktur in der Bauwirtschaft so gut, dass man sich aus deutscher Sicht Gedanken über zu niedrige Leitzinsen machen müsse.

Wenn sich Unternehmen Geld zu niedrigen Zinsen leihen können, steigt zudem nach Ansicht von Marktbeobachtern die Gefahr von Felhinvestitionen. Die Firmen stecken dann womöglich Mittel in Projekte, die sie bei höheren Zinssätzen aus Angst vor den Risiken nie angepackt hätten.

Infografik: Leitzinsentwicklung in der Euro-Zone

Infografik: Leitzinsentwicklung in der Euro-Zone

"Es geht um die Signalwirkung"

"Bei der Leitzinssenkung geht es um die Signalwirkung", erklärt Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Die EZB wolle zeigen, dass die Geldpolitik ihren Teil zur Stabilisierung des Euroraums beitrage. Die niedrigen Leitzinsen sollten einen Vermögensverfall in der Krise vermeiden. Sie stützen demnach die Immobilienmärkte, die Nachfrage nach Staatsanleihen und den Aktienmarkt. Mittlerweile seien die Erwartungen der Märkte so hoch, dass ein Ausbleiben der Zinssenkung zu fallenden Kursen führen würde. Zugleich würden die Banken profitieren, weil sie günstiger an Geld kämen und so ihre Zinsmarge erhöhen könnten.

Auch Thomas Amend, Volkswirt bei HSBC Trinkaus, sieht in dem Schritt eher einen psychologischen Effekt. Die Entscheidung habe sich schon abgezeichnet, die Zinsen seien ja schon vorher extrem niedrig gewesen. Insofern dürfte der Effekt rein ökonomisch gering sein, sagte er.

Stichwort

Die Europäische Zentralbank entscheidet genau genommen nicht nur über einen, sondern über drei Leitzinsen für den Euroraum. Der wichtigste Leitzins ist der Hauptrefinanzierungssatz, zu dem sich Geschäftsbanken einen Kredit mit einwöchiger Laufzeit bei der EZB leihen können. Änderungen dieses Satzes wirken sich meist direkt auf die Zinsen am Geld- und Kapitalmarkt aus.

Wenn die Banken ganz kurzfristig Geld brauchen, greift der Spitzenrefinanzierungssatz, der meist einen Prozentpunkt über dem Hauptrefinanzierungssatz liegt. Diese Kredite haben eine Laufzeit von einem Tag.

Haben Banken die Möglichkeit, einen Überschuss bis zum nächsten Geschäftstag bei der EZB einzulagern, greift der Einlagefazilitätssatz. Je niedriger dieser Zinssatz ist, desto geringer ist der Anreiz für die Banken, Geld bei der EZB zu parken, und desto wahrscheinlicher ist es, dass sie es verleihen.

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KOMMENTARE

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Steffens Sicht 05.07.2012 • 20:41 Uhr

Wäre es jetzt nicht angemessen...?

Gestern noch hatte ich eine Nachricht von meiner Hausbank erhalten. Sie gab darin (wieder) eine Zinssenkung für Onlinesparkonten-Einlagen bekannt. Heute lese ich, dass sich die Banken untereinander Geld zu einem günstigeren Satz leihen können. Mmm... Wäre es jetzt nicht angemessen, nun (wieder) etwas Vertrauen in seine Kunden zu investieren und (wieder) mehr Zinsen auf Onlinesparkonten zu geben?