Der Vize-Präsident der EZB, Luis de Guindos, EZB-Präsidentin Christine Lagarde und der Präsident der niederländischen Zentralbank, Klaas Knot, bei einer Pressekonferenz in Amsterdam. | AFP

Zinsschritt für Juli geplant EZB leitet Zinswende im Euroraum ein

Stand: 09.06.2022 19:13 Uhr

Die Europäische Zentralbank beendet ihre Anleihenkäufe - der Auftakt zur von vielen ersehnten Zinswende. Im Juli will sie ihre Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte anheben. Es ist die erste Erhöhung seit über einem Jahrzehnt.

Nach vielen Jahren einer ultralockeren Geldpolitik beendet die Europäische Zentralbank (EZB) ihre milliardenschweren Netto-Anleihenkäufe zum 1. Juli und macht damit den Weg frei für die erste Zinserhöhung im Euroraum seit 2011. Das beschloss der EZB-Rat heute bei seiner auswärtigen Sitzung in Amsterdam, wie die Notenbank mitteilte.

In der nächsten Sitzung im Juli sollen die Leitzinsen um jeweils 25 Basispunkte angehoben werden. "Die Entscheidung wurde einstimmig gutgeheißen", sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde. "Wir hatten eine sehr produktive Diskussion." Im September dürften Europas Währungshüter dann nachlegen - bei anhaltend hoher Inflation sogar stärker als im Juli. Voraussetzung dafür sei, dass die hauseigenen Prognosen die Inflationsrate im Jahr 2024 bei 2,1 Prozent oder höher sehen.

Zunächst bleibt der offizielle Leitzins - der sogenannte Hauptrefinanzierungsatz - aber noch auf dem Rekordtief von null Prozent. Zudem müssen Banken für geparkte Gelder bei der EZB weiterhin den Einlagesatz von 0,5 Prozent zahlen.

Zinswende war bereits angedeutet worden

Bereits im Mai hatten führende EZB-Vertreter wie die wichtigste deutsche Vertreterin im Rat der Notenbank, Isabel Schnabel, eine Zinswende angedeutet. Auch Lagarde hatte schon im vergangenen Monat angekündigt, dass die Käufe neuer Wertpapiere "sehr früh" im dritten Quartal enden sollen und relativ zügig danach die Epoche negativer Leitzinsen Geschichte sein dürfte.

Im Zuge der globalen Finanzkrise, der Staatsschuldenkrise um Griechenland und später dann in der Corona-Pandemie befand sich die EZB über Jahre hinweg im Notfallmodus. Ihre extrem lockere Geldpolitik führte im Jahr 2016 zu historisch niedrigen Zinsen von null Prozent und Anleihenkäufen in Milliardenhöhe.

Seit 2015 kauft die Notenbank öffentliche Anleihen und Unternehmenspapiere und pumpt damit riesige Summen in das System, um die Wirtschaft in Krisenzeiten liquide zu halten und die Inflation anzutreiben. Eigentlich strebt die EZB eine Teuerungsrate von zwei Prozent als idealen Wert für die Wirtschaft an. Jahrelang war die Inflation aus Sicht der Zentralbank viel zu niedrig. Die Entwicklung in der Corona-Pandemie bezeichnete EZB-Präsidentin Christine Lagarde als nur vorübergehendes Phänomen.

Rekord-Inflation von mehr als acht Prozent

Mittlerweile hat sich das Bild aber radikal geändert. Angefacht durch den Ukraine-Krieg und die damit einhergehenden hohen Energiepreise ist die Inflation im Euroraum zuletzt auf den Rekordwert von 8,1 Prozent gestiegen. Sie lag damit rund viermal so hoch wie das mittelfristige Preisziel. Denn auch Lebensmittel und viele Rohstoffe sowie Vorprodukte für die Industrie sind deutlich teurer geworden.

Die EZB hinkt vielen anderen Notenbanken in der geldpolitischen Straffung hinterher. In den USA und Großbritannien wurden die Zinsen bereits vor Monaten deutlich angehoben. Kritiker werfen der den europäischen Währungshütern immer wieder vor, viel zu langsam zu agieren.

Weil der wichtige Einlagensatz weiterhin bei minus 0,5 Prozent liegt, müssen Geschäftsbanken immer noch Strafzinsen zahlen, wenn sie überschüssige Gelder bei der EZB parken. Das wird häufig gegenüber Bankkunden als Rechtfertigung für Minuszinsen genannt.

Straffungstempo ein heikles Thema

Aus den Reihen der EZB kam bislang kaum Widerspruch gegen Lagardes Linie. Allerdings gibt es Debatten im Detail: Zum einen scheint im geldpolitischen Rat vor allem das Tempo der Zinsstraffung kontrovers diskutiert zu werden. Sogenannte "Falken", also Anhänger einer strafferen Geldpolitik wie der österreichische Zentralbankchef Robert Holzmann, plädieren für eine rasche Straffung mit größeren Zinsschritten. Die eher zurückhaltenden "Tauben" treten wegen der wirtschaftlichen Unsicherheit durch den Ukraine-Krieg für einen "graduellen" Kurs mit kleineren Schritten ein. An den Finanzmärkten wird gegenwärtig ein großer Zinsschritt im laufenden Jahr um insgesamt 0,5 Prozentpunkte erwartet.

Unklar ist auch, welches Zinsniveau die Zentralbank ansteuert. Als entscheidend gilt die Höhe des "natürlichen" Zinses, eine Art inflations- und wachstumsneutraler Zinssatz. Für die USA wird dieser neutrale Leitzins aktuell auf etwa 2,5 Prozent veranschlagt. In der Eurozone dürfte er unter anderem wegen einer wesentlich niedrigeren Kerninflation tiefer liegen. Einigkeit zwischen den EZB-Notenbankern besteht auch in dieser Frage nicht.

EZB in der Zwickmühle

Durch höhere Zinsen wird einerseits der Euro attraktiver für Anleger, was dessen Kurs anschieben und damit Importe von Rohstoffen und Energie billiger machen kann. Zum anderen sorgen sie für teurere Kredite, was den Konsum, die Investitionen und damit die Nachfrage dämpft. Der ökonomischen Lehre zufolge führt beides zu einer Begrenzung der Inflation.

EZB-Präsidentin Lagarde dämpfte allerdings die Hoffnung auf einen schnellen Rückgang der Teuerung im Euroraum durch die nun angekündigte Zinswende. "Erwarten wir, dass die Zinserhöhung im Juli unmittelbare Auswirkungen auf die Inflation haben wird? Die Antwort lautet: Nein", sagte sie nach der heutigen Sitzung. "Es ist kein Schritt, es ist eine Reise."

Gleichzeitig droht damit die ohnehin angeschlagene Konjunktur - die unter den Pandemie-Folgen, dem russischen Krieg gegen die Ukraine und Materialengpässen leidet - einen weiteren Dämpfer zu erhalten. Auch wird die Schuldenaufnahme für die Euro-Länder bei einem Zinsanstieg teurer, was vor allem die Haushalte hochverschuldeter Staaten wie Griechenland und Italien belasten dürfte.