Angestrahltes Euro-Symbol auf dem Gebäude der Europäischen Zentralbank | REUTERS
Hintergrund

Trotz steigender Inflation Warum die EZB die Zinsen nicht erhöht

Stand: 10.06.2021 08:28 Uhr

Die Inflation zieht in vielen Ländern Europas an. Trotzdem will die Europäische Zentralbank an ihrer lockeren Geldpolitik festhalten. Wie lange kann sie diesen Kurs beibehalten?

Von Klaus-Rainer Jackisch, HR

Noch läuft die Kreissäge. Doch das wenige Holz, das noch da ist, reicht vorne und hinten nicht. Die große Lagerhalle im nordhessischen Baunatal ist normalerweise gut gefüllt. Doch schon seit Wochen ist das Holz knapp. "So etwas gab es noch nie", sagt Zimmermann und Firmeninhaber Peter Hellmuth. Der Fachmann befürchtet im Sommer weitere Engpässe. Obwohl die Nachfrage boomt, könnte es dann sogar Kurzarbeit geben.

Klaus-Rainer Jackisch

Weil in Corona-Zeiten mehr gehandwerkt, gebaut und gebastelt wird, aber auch weil die USA und China den Weltmarkt leer kaufen, gibt es derzeit zu wenig Holz. Im April lagen die Preise im Vergleich zum Vorjahresmonat fast 30 Prozent höher, Tendenz weiter steigend, so das Statistische Bundesamt. Auch bei anderen Rohstoffen explodieren die Kosten: Eisen-, Stahl- und Aluminium-Schrott verteuerten sich um über 60 Prozent, Roheisen kostet knapp ein Viertel mehr, die Preise von elektronischen Schaltungen stiegen um rund 14 Prozent.

Vor allem Energie teurer

Am heftigsten aber kletterten die Energiepreise. Importierter Strom, der immer wichtiger wird, weil das Aufkommen bei aus Sonne, Wind und Wasser erzeugter Energie stark schwankt, stieg sogar um 200 Prozent. Tiefer ins Portemonnaie greifen mussten die Menschen auch für Elektronikartikel und Nahrungsmittel.

Die Inflation ist zurück. Sie kommt mit großen Schritten. Derzeit liegt sie in Deutschland bei 2,5 Prozent. Für den Herbst erwarten Bundesbank und viele Ökonomen Inflationsraten hierzulande von über vier Prozent. Solche Werte gab es seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr. Zum letzten Mal waren die Preise 1993 über die Vier-Prozent-Marke geklettert. Damals lag die Teuerung bei 4,5 Prozent, so die Statistiker.

Vor allem in Deutschland ist der Preisschub besonders stark zu spüren: Die Rückführung der Mehrwertsteuer auf die alten Werte und die massive CO2-Bepreisung seit Anfang des Jahres machen sich bemerkbar. Die anziehende Konjunktur tut ein Übriges: Durch Impferfolge und Lockerungen steigt die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen aller Art, während gleichzeitig das Angebot knapp ist - all das lässt die Preise nach oben gehen.

Kaum Ausgleich über höhere Löhne

Auch in Europa: Dort stieg die Inflationsrate im Mai auf 2,0 Prozent. Neben Deutschland müssen vor allem die Menschen in Österreich (3,0 Prozent), Estland (3,1 Prozent) und Luxemburg (4,0 Prozent) mehr zahlen. All das tut weh, denn wegen Corona gibt bei den Lohnrunden eher magere Ergebnisse und daher kaum Ausgleich. Dadurch werden Preiserhöhungen noch stärker spürbar.

Doch bei der Europäischen Zentralbank (EZB) macht das alles wenig Eindruck. Zwar wird erwartet, dass die eigenen Prognosen, die diese Woche erneuert werden, deutlich über den alten Schätzungen liegen. Auch zeichnet sich ab, dass die Inflation in der zweiten Jahreshälfte keineswegs wie ursprünglich erwartet abebbt, sondern im Gegenteil eher neue Höhepunkte erreicht.

Doch zum Handeln sehen die Währungshüter im Frankfurter Eurotower keinen Grund. Seit Wochen betonen die Mitglieder des EZB-Direktoriums immer wieder, dass die Konjunktur sich zwar erfreulich erhole, derzeit aber immer noch die Unterstützung einer ultra-lockeren Geldpolitik benötige. Ein Rückführen der umstrittenen Anleihe-Käufe oder gar eine Zinswende wird noch nicht einmal angedeutet.

Sorgenvoller Blick auf die Finanzmärkte

Die EZB pumpt stattdessen mit großer Geschwindigkeit weiterhin Milliarden aus ihrem Corona-Hilfsprogramm PEPP in die Märkte - derzeit sind es monatlich rund 80 Milliarden Euro. Dadurch soll ausreichend Kapital zu günstigen Konditionen angeboten und das Zinsniveau niedrig gehalten werden. "Die EZB hat sich verpflichtet, günstige Finanzierungsbedingungen während dieser Phase sicherzustellen", sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde vergangene Woche in Paris. Dieses Versprechen werde man auch einlösen.

Tatsächlich ist man in der EZB über den Preisschub gar nicht so unglücklich. Seit etwa zehn Jahren wird das selbst gesteckte Inflationsziel von knapp zwei Prozent nicht mehr erreicht, weil eine Krise die nächste jagt. Wenn das dieses Jahr anders ist, könnte man es als großen Erfolg der eigenen Geldpolitik verkaufen - selbst dann, wenn das Pendel über die eigene Vorgabe hinausschlägt.

Außerdem schaut man mit Sorge auf die Finanzmärkte: Dort haben die Aktienkurse, auch und gerade wegen der ultralockeren Geldpolitik, ein Niveau erreicht, das in vielen Bereichen längst von der Realwirtschaft abgekoppelt ist. Die Notenbanker fürchten, dass eine Änderung der Geldpolitik zu heftigen Reaktionen führen und das fragile Kartenhaus erschüttern könnte.

Schulden stark gestiegen

Und dann sind da auch noch die Schulden: Gerade in Südeuropa sind sie wegen des Zusammenbruchs des Tourismus im Zuge der Coronavirus-Krise erneut in astronomische Höhen gestiegen: Griechenland etwa hat derzeit eine Verschuldung gemessen am Bruttoinlandsprodukt von rund 205 Prozent. Das ist der höchste Stand in der Eurozone und mehr als während der Griechenland-Krise. Auch Italien ächzt weiter unter überbordenden Schulden und maroden Banken.

Ein Anstieg des Zinsniveaus käme da gar nicht Recht. Italiens Notenbankchef Ignazio Visco ist deshalb auch besonders emsig, wenn es ums Festhalten an der gegenwärtigen Geldpolitik geht: "Große und anhaltende Anstiege der Zinsen sind durch die gegenwärtigen wirtschaftlichen Aussichten nicht gerechtfertigt und werden gekontert", sagte er auf der Jahrestagung der Banca d´Italia in Rom.

Tatsächlich wäre eine neue Schuldenkrise in der Eurozone, ausgelöst durch anziehende Zinsen, das letzte was die Währungsunion jetzt gebrauchen könnte. Gegen all diese Argumente können die Notenbankchefs etwa aus Deutschland und den Niederlanden nicht viel ausrichten. Sie fordern seit längerem den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik, sind aber in der Minderheit.

Kritik an Politik der US-Notenbank

Es gibt also viele Gründe, warum die Mehrzahl der Währungshüter die Füße derzeit lieber stillhält und sich über den Sommer retten will. Mit einer Änderung der Geldpolitik auf der Ratssitzung diese Woche wird nicht gerechnet, mittlerweile nicht einmal mehr mit einer Andeutung, dass die bald bevorstehen könnte. Lediglich das Tempo der Anleihekäufe könnte vielleicht etwas gedrosselt werden. Aber auch das ist unsicher.

Wie lange die EZB ihren Kurs fortführen kann, hängt allerdings auch von der Welt um sie herum ab. In den USA etwa, wo die Inflationsrate mittlerweile bei 4,5 Prozent liegt und die Konjunktur wegen des zwei Billionen schweren Corona-Hilfsprogramms der Biden-Regierung langsam anfängt zu überhitzen, wird die Kritik an der lockeren Geldpolitik der Federal Reserve immer lauter. Ökonomen wie der ehemalige IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard oder der leitende Wirtschaftsberater der Allianz, Mohamed Aly El-Erian, befürchten, die Corona-Krise könne die Struktur der Wirtschaft geändert haben. Es sei daher gar nicht ausgemacht, dass die Inflation schnell wieder zurückgehe. Ein zu spätes und dann abruptes Handeln der Notenbanken könne zu Verwerfungen an den Finanzmärkten und zu einer Rezession führen.

Die nächsten Monate dürften also ungemütlich für die europäischen Währungshüter werden. Und auch für die Menschen in der Euro-Zone. Denn eines ist klar: Es wird noch teurer.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Juni 2021 um 08:35 Uhr.