Havarierte Ever Given. |
Hintergrund

Havarie im Suezkanal Was die Lage so schwierig macht

Stand: 26.03.2021 16:14 Uhr

Die Bergung des havarierten Frachters "Ever Given" zieht sich in die Länge, die ersten Schiffe umfahren den Suezkanal. Die Zeit spielt gegen die Spezialisten vor Ort.

Von Mark Ehren, tagesschau.de

Stefan Krüger hat Erfahrung mit der "Ever Given". Er leitet das Institut für Entwerfen von Schiffen und Schiffssicherheit der Technischen Universität Hamburg. Vor zwei Jahren hatte er schon einmal mit einem Unfall des nun im Suezkanal festsitzenden Schiffs zu tun - als Gutachter. Im Februar 2019 kam die “Ever Given” auf dem Weg vom Hamburger Hafen nach Rotterdam bei starkem Wind auf der Elbe vom Kurs ab. Der Riesenfrachter rammte mit seinem Heck die gerade einmal 25 Meter lange Fähre "Finkenwerder" und beschädigte sie dabei schwer.

Dass die "Ever Given" nach ihrer Havarie im Suezkanal schon bald wieder flott wird, glaubt Krüger eher nicht. Es könne durchaus Wochen dauern, bis das Schiff freigeschleppt sei, so der Experte. Dabei spiele die Zeit gegen die Retter, die mit großen Aufwand versuchen, das festgefahrene Schiff mit Schleppern und Saugbaggern freizubekommen.

Bei den Bemühungen müssen gewaltige Lasten bewegt werden, denn allein die Ladung von rund 20.000 Standardcontainern wiegt rund 200.000 Tonnen. Dazu kommt noch das Eigengewicht von mehreren Zehntausend Tonnen. Die "Ever Given" ist 400 Meter lang und sechzig Meter breit und damit so groß vier Fußballfelder.

Schiff sinkt in den Sand ein

Diese Ausmaße und das Gewicht sind zusammen mit dem schon seit drei Tagen andauernden Stillstand das größte Problem. Denn dadurch sinke das Schiff immer tiefer in den Sand, was die Bergung zusätzlich erschwere, so Krüger. Um es bewegen zu können, müsse das Schiff möglicherweise entladen werden. Das sei angesichts der Lage der Havariestelle ohne entsprechende Infrastruktur nur sehr schwer möglich. Etwa 60 Meter hohe Kräne wären nötig.

Evert Lataire von der Universität im belgischen Gent hält es für möglich, dass das Schiff sowohl mit dem Bug als auch mit dem Heck im Sand feststeckt. Dies würde die Bergung zusätzlich erschweren.

Experte Krüger weiß indes: Die Lage könnte noch vertrackter sein. Das Schiff sei strukturell intakt. Daher sei die Bergung immer noch deutlich einfacher als beispielsweise bei dem vor einigen Jahren verunglückten Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia". Krüger hält es zudem für ausgeschlossen, dass das Schiff umkippen könnte.

Waren im Wert von Milliarden sitzen fest

Dennoch drohen nun große wirtschaftliche Verluste. Der Münchner Versicherer Allianz geht in einer Studie davon aus, dass eine anhaltende Blockade des Suez-Kanals jede Woche sechs bis zehn Milliarden Dollar kostet. Schon die Unterbrechungen der Lieferketten seit Anfang des Jahres durch Engpässe etwa bei Containern oder Halbleitern könnten das Wachstum deutlich bremsen, heißt es in der Untersuchung. Nun komme die aktuelle Blockade als weiteres Risiko hinzu.

Mehr als 200 Schiffe mussten wegen der Havarie zuletzt in der Nähe warten, mehr als 100 weitere Schiffe waren auf Kurs in Richtung Suezkanal. Die Experten der britischen Lloyds-Versicherung gehen davon aus, dass derzeit der Weitertransport von Waren im Wert von 9,6 Milliarden Dollar blockiert ist.

Versorgungsengpässe drohen

Die deutsche Industrie fürchtet wegen der Sperrung des Suez-Kanals schon bald Versorgungsengpässe. "Die bereits stockenden maritimen Lieferketten zwischen Asien und Europa drohen vollständig zum Erliegen zu kommen", sagte Holger Lösch aus der Geschäftsführung des Industrieverbandes BDI. Die Umleitung des Schiffsverkehrs über Südafrika und das Kap der Guten Hoffnung sei wegen der volatilen Ölpreise und der rund eine Woche längeren Transportzeit extrem teuer. "Derzeit sind keine Alternativen in Sicht, um Waren und Güter kurzfristig wieder auf Kurs zu bringen."

Neben dem deutlichen Zeitverlust bringt der Umweg auch andere Probleme mit sich. Die Seegebiete am Horn von Afrika vor der Küste Somalias gelten als besonders gefährdet wegen des Risikos von Piraten-Angriffen. Nach einem Bericht der "Financial Times" haben sich Schifffahrtsunternehmen deswegen bereits an die US-Marine gewandt.

Die ersten Frachter sind indes umgeleitet worden. Laut Rolf Habben Jansen, Chef der größten deutschen Reederei Hapag-Lloyd, haben sich drei Schiffe aus der Schifffahrts-Allianz seines Konzerns auf einen neuen Kurs gemacht. Auch die "Ever Greet", das Schwesterschiff der "Ever Given", soll den Kanal nun umfahren. Weitere Schlepper werden am Wochenende im Suezkanal erwartet, um das festsitzende Containerschiff freizubekommen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. März 2021 um 12:00 Uhr und 17:00 Uhr.