Erdgasförderanlage von Neptune Energy Distrikt East am Standort Altmark. | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Energiesicherheit Hilft mehr Gasförderung in Deutschland?

Stand: 20.04.2022 16:17 Uhr

Deutschland will sich aus der Abhängigkeit vom russischen Gas befreien. Wie viel Potenzial steckt in der heimischen Erdgasförderung - und welche Rolle könnte das umstrittene Fracking spielen?

Von Anne-Catherine Beck, tagesschau.de

Die Gasförderung in Deutschland ist seit Jahren stark rückläufig. Nach Angaben des Bundesverbands für Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) wurden im Jahr 2021 5,2 Milliarden Kubikmeter in Deutschland gefördert. Das meiste kommt aus Onshore-Förderungen in Niedersachsen. 2001 stammten nach Angaben des BVEG noch 21 Prozent des Gasverbrauchs in Deutschland aus Eigenproduktion.

Anne-Catherine Beck

"Förderung seit Jahren im Sinkflug"

Der kontinuierliche Rückgang der Förderung hat verschiedene Gründe. Verantwortlich sind laut Eike Bruns, Pressesprecher des Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG), vor allem die gesellschaftspolitischen Debatten sowie verschärfte Genehmigungsverfahren. "Die Erdgasförderung in Deutschland befindet sich seit Jahren im Sinkflug", so Bruns gegenüber tagesschau.de.

Das Ausbau-Potenzial der Erdgasförderung in Deutschland schätzt BVEG daher eher gering ein. "Ziel wird dabei sein, die Produktion auf dem aktuellen Niveau zu halten, vielleicht leicht zu erhöhen. Schon das ist ein ganz wichtiger Schritt für die Versorgungssicherheit." Es sei realistisch, den Anteil der Eigenproduktion am Erdgasverbrauch von derzeit fünf auf sechs Prozent und damit auf rund sechs Milliarden Kubikmeter zu erhöhen.

Nennenswerte Mengen nur mit Fracking möglich?

Wirklich relevante Erhöhungen der Gasmengen - etwa eine Verdoppelung - würde Schiefergasproduktion voraussetzen, also den Einsatz der Fracking-Technologie. "Das wird gesellschaftlich und politisch nicht unterstützt. Das hat die Industrie verstanden, und das respektiert sie", so Miriam Ahrens, Pressesprecherin des BVEG gegenüber tagesschau.de.

Trotzdem fordert Michael Hüther, Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, eine ernsthafte Prüfung der umstrittenen Technologie. "Grundsätzlich muss für einen schnellen Ausstieg aus russischem Gas jede Option geprüft und ernsthaft erwogen werden", sagte er der "Rheinischen Post". Das gelte "selbstverständlich" auch für das Fracking und die Gasförderung in Deutschland. Auch der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart sprach sich, ebenso wie zuvor Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, für eine ergebnisoffene Prüfung des Gas-Frackings aus.

Die Ausweitung der heimischen Fördermengen könne laut LBEG-Sprecher Bruns nur funktionieren, wenn neue Lagerstätten gefunden und erschlossen würden. "Das setzt allerdings Zeit, hohe Investitionen und Fachpersonal voraus, das in den letzten Jahren wegen mangelnder Förderung abgewandert ist." Das gesamte Verfahren, von Probebohrungen bis zum Erschließen eines Förderfeldes, dürfte laut Bruns mindestens drei Jahre in Anspruch nehmen.

Unerschlossene Vorkommen in der Nordsee

Insgesamt liegt der deutsche Bedarf an Erdgas derzeit bei rund 90 Milliarden Kubikmetern im Jahr. Einige Politiker der Bundesregierung hoffen auf unerschlossene Vorräte, die vor der deutsch-niederländischen Küste lagern. Das niederländische Unternehmen One-Dyas plant, Erdgas aus einem 2017 entdeckten Feld im Wattenmeer zwischen der niederländischen Insel Schmiermonnikoog und Borkum zu fördern. Rund zwei Milliarden Kubikmeter Gas soll die Plattform, die im Winter 2024 in Betrieb genommen werden soll, jährlich fördern können.

Während die niederländischen Behörden dem Erdgas-Förderprojekt zugestimmt haben, ist sich die Bundesregierung uneins. Der Sprecher für Energiepolitik der FDP-Bundestagsfraktion, Michael Kruse, forderte kürzlich eine Ausweitung der Erdgasförderung in Deutschland. Angesichts des vorläufigen Stopps der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 sei die Erdgasförderung in der Nordsee "ein wichtiges Element für mehr Unabhängigkeit bei der Gasversorgung".

Widerstand von Grünen und Umweltverbänden

Die Grünen lehnen eine Ausweitung der Erdgasförderung in Deutschland hingegen ab. Sie kritisieren, dass die Erdgasförderung gegen das landeseigene Klimagesetz verstoße, das bis 2045 Klimaneutralität vorsieht. Auch Umweltverbände sind gegen eine Erdgasförderung in der Nordsee. Zum Antrag von One-Dyas hatte etwa der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) erklärt, der vorgesehene Standort der Förder- und Aufbereitungsplattform grenze direkt an den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, der als Weltnaturerbe besonderen Schutz genieße.

Für die Genehmigung des Antrags von One-Dyas ist auf deutscher Seite die Landesregierung Niedersachsens zuständig, die das Projekt des niederländischen Unternehmens bislang ablehnte. "Vor dem Hintergrund der neuen geopolitischen Realitäten und der damit einhergehenden Frage der deutschen Energieversorgungssicherheit haben wir das Thema neu bewertet", so Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrats der CDU. Auch Finanzminister Christian Lindner spricht sich für die Gasförderung in der Nordsee aus. "Um es klar zu sagen: Ich halte die Festlegung des Koalitionsvertrages, dass wir in der Nordsee nicht mehr Öl und Gas fördern wollen und keine neuen Felder explorieren wollen, für aus der Zeit gefallen", sagte er dem Magazin "The European".

Entwurf einer Kooperation steht bereits

Jetzt allerdings rückt die Erdgasförderung in der Nordsee vor Borkum näher: Das Wirtschaftsministerium in Hannover und One-Dyas verständigten sich auf Eckpunkte des Vorhabens. So soll das unter deutschen Hoheitsgewässern geförderte Erdgas dem deutschen Markt zur Verfügung gestellt werden, heißt es im Entwurf einer gemeinsamen Erklärung. Die Bedenken von Umweltverbänden und Grünen im Landtag wies der niedersächsische Wirtschaftsminister Bernd Althusmann zurück: "Die umweltschutzfachlichen Verfahren, sowohl auf niedersächsischer Seite als auch auf niederländischer Seite kommen derzeit nach meiner Einschätzung zu dem Schluss, dass keine Umweltgefährdung besteht." Dem Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) will One-Dyas laut dem Minister zudem "umfassende Kontrollmöglichkeiten" einräumen.

Über die jetzige Erklärung soll das Landeskabinett innerhalb der nächsten zwei Wochen entscheiden. Eine abschließende Genehmigung für die Förderung auf niedersächsischer Seite wird damit noch nicht getroffen. Diese erteilt nach einem Planfeststellungsverfahren das LBEG. Die Gasförderung könnte laut One-Dyas Ende 2024 beginnen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. April 2022 um 13:35 Uhr.