Gasförderung vor Sachalin (Russland) | picture alliance / dpa

Russische Gasförderung Könnte Putin den Gashahn zudrehen?

Stand: 31.03.2022 18:27 Uhr

Gas nur gegen Rubel - mit dieser verwirrenden Aussage hat Wladimir Putin die Drohung eines Lieferstopps verbunden. Aber wäre das überhaupt technisch umsetzbar? Und was könnte Russland mit dem überschüssigen Gas machen?

Von Anne-Catherine Beck, tagesschau.de

Um an russisches Gas zu gelangen, müssen ausländische Kunden ihre Zahlungen künftig über Konten bei der Gazprombank abwickeln. Das sieht ein Dekret des russischen Präsidenten Wladimir Putin vor. Auf die Konten eingezahlt werden kann das Geld offenbar weiter in Euro oder Dollar - die Gazprombank konvertiert es dann in Rubel. Bei einem Ausbleiben der Zahlungen würden die Lieferungen eingestellt, sagte Putin.

Bundeskanzler Olaf Scholz und andere westliche Regierungschefs reagierten gelassen. Denn: "Auf alle Fälle gilt für die Unternehmen, dass sie in Euro zahlen wollen, können und werden", so Scholz. Dennoch steht hinter Putins Ankündigung die neuerliche Drohung, die Gaslieferungen nach Europa unter Umständen zu stoppen. Aber: Könnte Russland das ohne Weiteres?

Lieferstopp wäre technisch möglich

"Rein technisch betrachtet lässt sich die Gaslieferung steuern und damit - um in der Begrifflichkeit zu bleiben - auch ein Gashahn zudrehen", erklärt Dominik Möst, Energiewirtschaftsprofessor an der TU Dresden. Über ein Ventil beim Regelwerk ließe sich der Gasfluss in den Pipelines nach Europa leicht regeln. "Die Gaslieferungen nach Europa könnten somit also auch kurzfristig gestoppt werden", so Möst.

Abschaltung der Gasförderung nicht einfach möglich

Anders sieht das bei den Förderungen auf den Gasfeldern aus. Jurij Witrenko, Chef des ukrainischen Energiekonzerns Naftogaz erklärte in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Russland könne die Förderungen nicht einfach stoppen. "Wenn sie Öl und Gas fördern, können sie die Bohrungen nicht einfach abschalten. Die Flüsse können nicht wesentlich reduziert werden, und dann muss man das Gas, das man fördert, verbrennen. Ich würde davon ausgehen, dass Öl und Gas weiter fließen werden", so Witrenko.

China als Gas-Abnehmer

Einen Teil der bereits geförderten Gasmengen könnte Russland nach Asien liefern, erklärt Möst. Schließlich habe Russland in den letzten Jahren verstärkt Lieferverträge mit China und Indien geschlossen. Im Zuge der Olympischen Spiele in Shanghai Anfang 2022 haben Russland und China einen neuen Vertrag über weitere Gaslieferungen in einem Umfang von zehn Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr und einer Laufzeit von 30 Jahren geschlossen.

"Das heißt aber noch nicht, dass Russland einfach alle Fördermengen nach China liefern kann", so Möst. "Zum jetzigen Zeitpunkt hat nicht jedes Förderfeld in Russland auch einen unmittelbaren Pipeline-Anschluss nach China. Die bisher bestehenden Pipelines sind ausgelastet. Wegen der mangelnden Infrastruktur beträfe diese Umlenkung dann wohl eher die längerfristige Perspektive."

Außerdem sei China grundsätzlich nicht auf Russland als Gaslieferant angewiesen, erklärt Horst Löchel, Leiter des Sino-German Centers an der Frankfurt School of Finance & Management. "China wird diese Summen an Gas, die im Falle eines russisch-europäischen Lieferstopps überschüssig blieben, nicht brauchen." Die Volksrepublik könne den Energiebedarf anhand ihrer Kohle- und Atomkraftwerke decken. Die Gaslieferungen aus Russland dienten auch dem Ziel Chinas, die Kohledioxidemission im Land nachhaltig zu reduzieren, so Löchel.

Abfackeln des Gases als letzte Option

Sollte Europa als Hauptabnehmer russischen Gases wegfallen, wird in jedem Fall ein Teil der bereits geförderten Gasmengen übrigbleiben, der laut Möst dann entsorgt werden müsste. "Eine Möglichkeit, das Gas zu entsorgen, ist das sogenannte Abfackeln. Dies dürfte allerdings Putins letzte Option sein, da dadurch unmittelbarer Wert vernichtet wird."

Durch das Abfackeln werden die nicht genutzten oder nicht nutzbaren Gase nicht direkt durch Abblasen in die Umwelt entlassen, sondern im Vergleich wird durch die Verbrennung die Umweltbelastung verringert.

Der russische Energie-Experte Michail Krutichin betont, ein Exportstopp sei auch für Russland schwierig. "Wenn es einen langen Zeitraum ohne Gasexport gibt, dann muss man einige aktive Bohrlöcher schließen. Und nicht alle Bohrlöcher wird man danach wieder öffnen können."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 31. März 2022 um 17:00 Uhr.