Anlagen der Erdgasverdichterstation Mallnow. | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Wartung von Nord Stream 1 Liefert Gazprom mehr Gas über die Ukraine?

Stand: 12.07.2022 13:49 Uhr

Wegen der Wartung von Nord Stream 1 liefert Gazprom nach eigenen Angaben etwas mehr Gas über die Ukraine nach Westeuropa. Die Bundesnetzagentur aber meint: Deutlich größere Lieferungen wären möglich.

Der russische Energieriese Gazprom liefert nach eigenen Angaben mehr Gas über die Ukraine nach Europa. So betrage die über den Eingangspunkt Sudscha heute gelieferte Menge 41,3 Millionen Kubikmeter nach 39,4 Millionen am Montag, teilt der russische Staatskonzern mit. Ein Antrag, auch über den Eingangspunkt Sochranowka Gas zu pumpen, sei von der Ukraine abgelehnt worden.

Die Bundesnetzagentur überzeugen die gelieferten Mengen aber nicht. Die Behörde wirft der Regierung in Moskau vor, aus politischen Gründen alternative Lieferwege nicht zu nutzen. "Seit Montagmorgen fließt über Nord Stream kein Gas mehr. Russland beliefert Deutschland jetzt nur noch über die Transgas-Pipeline durch die Ukraine", sagt der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Die Regierung in Moskau könne die Liefermengen durch die Ukraine jederzeit erhöhen, um ihre vertraglichen Verpflichtungen zu erfüllen. "Dazu fehlt Wladimir Putin aber offenbar der politische Wille."

"Ich habe keine geheimen Informationen"

Russland werde allerdings innerhalb der kommenden zwei Wochen Farbe bekennen müssen, sagte Müller weiter. "Wenn die in Kanada gewartete Gasturbine bis zum Ende der Nord-Stream-Wartung am 21. Juli wieder eingebaut ist, hätte Russland kein Argument mehr, die Liefermengen beim Gas weiterhin zu drosseln."

Über die zuletzt wichtigste Route für russisches Erdgas Nord Stream 1 nach Deutschland wird seit Montag nichts mehr geliefert. Insgesamt zehn Tage lang soll kein Gas durch die Pipeline nach Deutschland befördert werden. In Deutschland gibt es die Sorge, dass die Pipeline nach den Wartungsarbeiten nicht wieder in Betrieb genommen wird und im Winter das Gas knapp wird.

Gaspipelines

Welcher Lieferumfang über die Transgas-Pipeline möglich ist, zeigte sich dieses Jahr bereits. Ende März/Anfang April lieferte Russland innerhalb einer Woche 707 Millionen Kubikmeter Erdgas über die Pipeline nach Europa - mehr als 100 Millionen Kubikmeter pro Tag und damit das Zweieinhalbfache der heutigen Menge.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hofft nach dem Ende der Wartungsarbeiten auf weitere Gaslieferungen aus Russland. "Ich habe keine geheime Information, weder in die eine noch in die andere Richtung", sagte er gestern Abend in den tagesthemen. "Die Möglichkeit besteht. Die Chance, dass es nicht so kommt, ist auch da. Wir werden abwarten müssen."

Noch geht es aufwärts bei der Befüllung

Trotz der zuletzt deutlich gesunkenen Lieferungen wurden die Gasspeicher in Deutschland weiter in gutem Tempo gefüllt. Möglicherweise machen sich hierbei schon verstärkte LNG-Lieferungen nach Europa und auch ein sparsamerer Umgang der Erdgaskunden mit dem teuren Rohstoff bemerkbar.

Im Schnitt der vergangenen Woche stieg der Füllstand um 0,3 Prozentpunkte pro Tag auf 64,38 Prozent am Sonntag, als der Gasfluss durch Nord Stream 1 noch nicht vollständig zum Erliegen gekommen war. Bei einem unveränderten Tempo wären die Ziele des Gasspeichergesetzes von 80 Prozent am ersten Oktober, 90 Prozent am ersten November wohl zu erreichen. Allerdings ist noch nicht klar, wie stark das Wachstum bei der Speicherfüllung nun erst einmal nachlassen wird.

Am wichtigsten europäischen Gashandelspunkt TTF zogen die Preise heute nach einer kurzen Schwächephase wieder an. Der Erdgaspreis für die kommenden sechs Monate lag im Bereich von 170 bis 180 Euro je Megawattstunde. Umgerechnet sind das 17 bis 18 Cent je Kilowattstunde. Allerdings kommen zu den reinen Gaskosten noch die Gewinnmarge des vom Kunden ausgewählten Energieversorgers und eine Reihe staatliche verordneter Aufschläge hinzu, die zusammen genommen mehr als zehn Cent je Kilowattstunde ausmachen können.

Scholz setzt auf europäische Solidarität

Bundeskanzler Olaf Scholz ist laut eigenen Worten zuversichtlich, dass sich die EU-Staaten gegenseitig helfen werden, wenn es im Herbst oder Winter zu einem Gasmangel kommen sollte. "Wir müssen natürlich in Europa solidarisch sein", sagte er in Berlin nach einem Treffen mit dem slowenischen Ministerpräsidenten Robert Golob. "Ich bin sicher, dass uns das gelingen wird", fügte er hinzu.

Golob hatte zuvor betont, dass gerade kleine EU-Länder wie Slowenien auf die Hilfe angewiesen sein könnten. Kein Land könne alleine mit einer Energiekrise umgehen, Lösungen gebe es nur im EU-Verbund. Zuvor hatte EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton gewarnt, dass die 27 EU-Länder nicht wie in der Corona-Pandemie nationale Reflexe in einer Notlage entwickeln sollten, die alle betreffe.