Gashahn in der Ukraine | picture alliance / dpa
Analyse

Energieversorgung Was, wenn Russland den Gashahn zudreht?

Stand: 23.02.2022 17:18 Uhr

Als Reaktion auf die Sanktionen nach der Eskalation in der Ukraine-Krise könnte Russland die Lieferungen von Erdgas nach Deutschland stoppen. Was würde das für die Energieversorgung bedeuten?

Von Till Bücker, tagesschau.de

Nach der Eskalation im Ukraine-Konflikt hat die EU-Kommission Sanktionen gegen Russland im Finanzbereich beschlossen. Für den Fall, dass es zu einem Angriff kommt, wurden zudem weitere Strafmaßnahmen unter anderem gegen den russischen Energiesektor angekündigt. Auch die Bundesregierung reagierte auf das Vorgehen Moskaus und verkündete das vorläufige Aus der umstrittenen Gaspipeline Nord Stream 2.

Eine spannende Frage bleibt nun, wie Russland mit den aktuellen und zukünftigen Sanktionen umgeht. Der komplette Stopp der Gaslieferungen in die westlichen Länder wäre eine drastische , aber nicht auszuschließende Reaktion. Könnte Deutschland auf russisches Gas verzichten? "Ja, kann es," sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) heute im Deutschlandfunk. Die Möglichkeit, dass Deutschland genug Gas und genug Rohstoffe ohne Lieferungen aus Russland bekomme, sei gegeben. Doch wie sicher wäre die Versorgung wirklich?

Kurzfristige Versorgung wohl gesichert

Denn Fakt ist: 2021 betrug der Anteil von Erdgas am gesamten Primärenergieverbrauch in Deutschland nach Zahlen des Energieexperten Hans-Wilhelm Schiffer mehr als ein Viertel. Nur etwa 5,2 Prozent der 1002,9 Milliarden Kilowattstunden (kWh) werde dabei hierzulande gefördert. Neben Ausspeicherungen importiere Deutschland mit 88,4 Prozent den mit Abstand größten Teil aus dem Ausland - rund die Hälfte davon aus Russland.

"Demnach könnte ein Lieferstopp der russischen Erdgasmengen nicht vollständig kompensiert werden, insbesondere nicht im Winter", erklärt der Vorsitzende der Redaktionsgruppe Energie für Deutschland des Weltenergierats. Ein solcher "Worst Case" sei nicht in Vorsorge-Betrachtungen einbezogen worden.

"Abhängigkeit mittlerweile schon sehr hoch"

"Die Abhängigkeit von russischem Gas ist mittlerweile schon sehr hoch", sagt auch Andreas Löschel, Professor für Umwelt- und Ressourcenökonomik sowie Nachhaltigkeit an der Ruhr-Universität Bochum, im Gespräch mit tagesschau.de. Schon seit Längerem habe das Land aber die Lieferungen reduziert. "Doch aktuell fließt immerhin noch zwei Drittel des Gases, was sonst aus Russland kommt." Dabei könnte es auch vorerst bleiben. Die Reduktion der Lieferungen sei bislang überwiegend durch Importe von Flüssiggas (LNG) aufgefangen worden. Das sorge für Probleme bei den Preisen, physische Engpässe gebe es aber noch nicht.

Falls die aktuellen Lieferungen aus Russland jedoch auch noch wegfallen würden, könne sich das aber ändern, meint Ökonom. Denn dann bräuchte man noch mehr LNG oder Erdgas aus Norwegen sowie Nordafrika. Kurzfristig müsste man auch an die Gasspeicher ran, die mittlerweile durch die milderen Temperaturen im Februar wieder recht normal gefüllt seien.

"Angesichts des milden Wetters kämen wir wohl über den Winter", schätzt auch Schiffer. "Einen gewissen Ausgleich schaffen die vermehrten LNG-Lieferungen." Über das bestehende europäische Pipeline-Netz sei Deutschland mit seinen Nachbarländern verbunden. Insofern könne LNG über ausländische Terminals ins Land fließen. "Eine verstärkte Versorgung mit LNG hätte aber voraussichtlich steigende Preise zur Folge", betont Schiffer. Dies kann zu einer wachsenden Belastung der Verbraucher und vor allem sozial schwächerer Bevölkerungsschichten führen. Auch Habeck schränkte im Deutschlandfunk ein, dass die Kosten für den Verzicht von russischem Gas deutlich höhere Preise seien.

"Große Herausforderung"

Der Branchenverband der Speicherunternehmen, die Initiative Energien Speichern (INES), geht auch davon aus, dass die deutsche Gasversorgung in den kommenden Tagen und Wochen einen Ausfall aller russischen Gasimporte überstehen würde. Bedingung sei, dass die Temperaturen weiterhin mild blieben und ausreichend LNG für den EU-Binnenmarkt verfügbar sei, sagte Verbandsgeschäftsführer Sebastian Bleschke. "Da eine solche Situation in der Vergangenheit bislang noch nicht aufgetreten ist, bleibt allerdings eine gewisse Unsicherheit bestehen."

Kerstin Andreae, Chefin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), bezeichnete einen Ausfall der russischen Lieferungen zwar "als eine große Herausforderung, vor der die Bundesregierung und die Energiewirtschaft dann stehen würden". Europas Sicherungsmechanismen würden Haushalte und verschiedene Einrichtungen durch gesetzliche Bestimmungen aber besonders schützen. Deutschland sei keine Insel, sondern Teil eines europäischen Erdgas-Versorgungsystems, in dem sich die EU-Staaten im Bedarfsfall gegenseitig unterstützten.

"Auch würden vertraglich geregelte Abschaltvereinbarungen mit der Industrie oder der Wechsel auf andere Energieträger die Nachfrage nach Gas drosseln", sagte Andreae der Nachrichtenagentur dpa. Außerdem beziehe Deutschland Erdgas auch aus anderen Lieferländern. "Aktuelle Berechnungen der Bundesregierung zeigen, dass Deutschland voraussichtlich auch dann über den Winter kommt, wenn Russland seine Erdgaslieferungen komplett einstellen würde. Die Situation wäre also schwierig, aber sie ist zu meistern."

"Inmitten eines fossilen Krieges"

Mittel- und langfristig könnte das Bild jedoch anders aussehen. Zwar gebe es in Europa relativ große LNG-Importkapazitäten, über die etwa 40 Prozent des europäischen Gasbedarfs gedeckt werden, die noch stärker ausgelastet werden und eine Alternative für das russische Gas darstellen könnten, so Schiffer. Allerdings sei die Auslastung der Ausspeisekapazitäten aus den LNG-Terminals in Nordwesteuropa durch die hohen Gaspreise bereits seit Dezember deutlich gestiegen. Dazu kommen die weitgehend ausgeschöpfte Verfügbarkeit von Spezialtankern zum Transport.

Ein direkter Import von LNG aus Ländern wie Katar und den USA nach Deutschland ist darüber hinaus bislang nicht möglich. Mittlerweile konkretisieren sich die Pläne für ein erstes Flüssiggas-Terminal - das Genehmigungsverfahren könnte aber mindestens ein Jahr dauern. "Die Erdgasmengen wären also kaum hinreichend, um einen Komplettausfall der russischen Lieferungen zu ersetzen", sagt der Experte.

"Sollten die gesamten fossilen Energiebezüge gestoppt werden, wird es erhebliche Anstrengungen bedürfen, diese entsprechend auszugleichen", teilt auch Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), gegenüber tagesschau.de mit. Ohne Frage befinde sich Deutschland "in einer ernsten Situation, inmitten eines fossilen Krieges." Deutschland könne einen Teil der möglichen Gaslieferungen aus anderen Quellen beziehen. Falls es aber noch einmal wirklich kalt werde, könne es im schlimmsten Fall es dazu kommen, dass die Industrie den Verbrauch drosseln müsse.

Helfen die Erneuerbaren Energien?

"Die beste Antwort auf fossile Energiekriege ist nicht eine Laufzeitverlängerung von Atom und Kohle, sondern die beschleunigte Energiewende mit einem schnelleren Ausbau der Erneuerbaren Energien und dem deutlichen Energiesparen", so Kemfert weiter. Der Ausbau Erneuerbarer Energien müsse oberste Priorität haben. "Planungs- und Ausbauverfahren sollten beschleunigt werden mit der Begründung der Sicherstellung der Versorgungssicherheit."

Schnellerer Ausbau der Erneuerbaren Energien sei auf jeden Fall gut, meint auch Schiffer. In Bezug auf Versorgungssicherheit helfe das aber kaum weiter. "Sie dienen vor allem der Stromerzeugung. In diese fließen aber ohnehin nur zwölf Prozent des gesamten inländischen Erdgasverbrauchs." Hauptabnehmer des Erdgases seien der Wärmemarkt und die Industrie. Der Ausbau von Wasserstoff sei eine wichtige Strategie, helfe aber ebenfalls erst bei ausreichender Menge. "Ein Vorziehen des Kohleausstiegs auf 2030 wäre sicher kontraproduktiv, zumal damit EU-weit keine CO2-Emissionsminderung verbunden wäre", sagt das Mitglied im Studies Committee des Londoner World Energy Council.

Kemfert hat noch einen anderen Vorschlag: "Wir brauchen eine strategische Gasreserve, die uns wie beim Öl für 90 Tage im Ernstfall mit Gas versorgt. Und wir sollten die Gasspeicher von Russland zurückkaufen und in Staatsbetrieb verwalten, damit wir uns ausreichend versorgen können."

Szenario unwahrscheinlich

Noch ist ein Stopp der russischen Lieferungen noch nicht abzusehen. Laut Umweltökonom Löschel sind erst einmal aufgrund der vertraglichen Vereinbarungen keine großen Veränderungen in den Gaslieferungen zu befürchten. Auch die Gasbranche in Deutschland erkennt bislang keine Anzeichen für Lieferengpässe aus Russland. "Von Seiten unserer Mitglieder hören wir aktuell keine Meldungen, dass Russland seine Verpflichtungen gegenüber den Vertragspartnern nicht erfüllt", sagte Timm Kehler, Geschäftsführer des Verbandes "Zukunft Gas". Russland sei in den vergangenen 50 Jahren - auch im Kalten Krieg - stets ein zuverlässiger Energielieferant gewesen.

Auf einem Forum erdgasexportierender Länder betonte Putin gestern, Russland plane die "ununterbrochene Versorgung der Weltmärkte mit diesem Rohstoff" - vermutlich auch wegen der ökonomischen Auswirkungen. Nach Einschätzung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) würde ein Energieembargo vor allem Russland hart treffen. "Demnach hätte ein Handelsstopp mit Gas einen Einbruch der russischen Wirtschaftsleistung um knapp drei Prozent zur Folge, ein Handelsstopp mit Öl einen Einbruch um gut ein Prozent".

Für Deutschland und die EU wären die wirtschaftlichen Schäden in beiden Fällen äußerst gering, so das IfW. Dabei sei es offenbar unerheblich, ob ein Einfuhrembargo seitens der EU verhängt oder ob Russland ein Lieferembargo beschließen würde. Grund dafür sei, dass die westlichen Verbündeten die fehlenden Importe Russlands durch Produkte der Bündnispartner ersetzen würden und hier Deutschland besonders wettbewerbsfähig sei.

Auch der Stopp von Nord Stream 2 spielt bei dem Ganzen eine eher untergeordnete Rolle. "Nord Stream 2 hat vielleicht eine größere symbolische Bedeutung als tatsächlich für die Energiewende und die Versorgungssicherheit in Deutschland", erklärt Löschel. Das Ziel der Pipeline sei vor allem günstiges Gas. Denn genügend Leitungen seien jetzt schon vorhanden. "Der Stopp der Zertifizierung von North Stream 2 ist richtig. Wir benötigen diese Pipeline nicht, daher ist sie auch zur Sicherung der Energieversorgung nicht notwendig", meint auch Kemfert gegenüber tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. Februar 2022 um 17:00 Uhr.