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EU-Parlament stimmt ab Erlaubt die EU das Elektrofischen?

Stand: 16.01.2018 05:12 Uhr

Brutal und umweltschädlich, sagen die Kritiker. Effizient und umweltschonend, sagen die Befürworter. Das Europaparlament entscheidet heute, ob das Elektrofischen EU-weit freigegeben wird.

Von Karin Bensch, ARD-Studio Brüssel

Fischer werfen große, schwere Netze ins Meer und fangen damit Fische. Bei der Elektrofischerei dagegen befinden sich an den Schleppnetzen Elektroden, die Stromstöße abgeben. Dadurch werden Krabben und Plattfische, die sich im Meeresboden eingegraben haben, aufgescheucht und in die Netze getrieben.

Bislang ist das Elektrofischen in der Europäischen Union verboten. Zu Forschungszwecken ist die Technik allerdings erlaubt und wird vor allem in den Niederlanden angewendet. Auch einige deutsche Fischer haben Ausnahmegenehmigungen, um auf diese Weise Seezungen in der Nordsee zu fangen.

Entscheidung im Europaparlament

Das Europaparlament in Straßburg (Frankreich)
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Das Europaparlament entscheidet heute über die Freigabe der Elektrofischerei.

Die EU-Länder wollen die Elektrofischerei auf dem Meer unter Auflagen in ganz Europa erlauben. Am Mittag wird das Europaparlament darüber abstimmen. Eine schwierige Entscheidung, denn die Fangmethode ist höchst umstritten.

"Wir befürchten eine noch stärkere Überfischung der Meere durch die Elektrofischerei", sagt Stella Nemecky von der Umweltschutzorganisation WWF. "Diese Methode ist effizienter als die konventionelle Fangmethode. Das bedeutet, dass in gleicher Zeit mehr Fisch gefangen werden kann." Darüber hinaus können zu starke Stromschläge die Tiere verletzen. Bei größeren Rundfischen wie Kabeljau komme es in einigen Fällen zu so starken Muskelkrämpfen, dass dadurch das Rückenmark durchtrennt werde, kritisieren Umweltschützer.

Befürworter halten die Elektrofischerei dagegen für umweltschonender als die konventionelle Fischerei, bei der schwere Schleppnetze mit Eisenketten über den Meeresboden gezogen werden, um die Fische aufzuscheuchen. Dabei wird gleichzeitig der Grund mehrere Zentimeter tief umgepflügt. Das sei ebenfalls eine brutale Methode, kritisiert Nemecky. "Man rodet den Wald, um die Wildschweine zu fangen. Das ist natürlich beim Wattenmeer nicht ganz das Gleiche, aber auch hier leben Organismen auf und im Meeresboden, die davon stark betroffen sind."

Gleicher Fang mit weniger Treibstoff

Ein Vorteil der Elektrofischerei: Die Schiffe brauchten nur halb so viel Treibstoff, weil die Netze leichter seien und den Grund nicht berührten, sagt Claus Ubl von Deutschen Fischereiverband in Hamburg. "Bei der Elektrofischerei schweben die Netze über dem Boden", sagt er. Die Elektroden scheuchten die Fische mit einem elektrischen Impuls aus dem Sediment. "Das heißt, die Fische fange ich nicht schneller, aber mit leichteren Netzen. Und ich brauche deutlich weniger Treibstoff, weil ich natürlich nicht sieben Tonnen hinten dran hängen habe, sondern nur eine Tonne Netz", sagt Ubl.

Das Problem ist: Noch gibt es keine wissenschaftlichen Langzeitstudien über Elektrofischerei. Es ist daher unklar, ob sie Meerestieren und Umwelt eher nutzt oder schadet. Seit 2016 untersucht eine Forschungsgruppe aus niederländischen, belgischen und deutschen Wissenschaftlern im Auftrag des niederländischen Wirtschaftsministeriums die großflächigen Auswirkungen der Elektrofischerei auf Meerestiere und Ökosysteme. Die Studie läuft bis 2019.

Vorher mache eine Entscheidung darüber, ob das Elektrofischen EU-weit erlaubt werden soll, keinen Sinn, meint Ubl. "Wer seriös über die Elektrofischerei beraten will, und das will Brüssel ja, muss die Ergebnisse dieses Projekts abwarten."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. Januar 2018 um 06:08 und 10:41 Uhr.

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