Strom tanken statt Benzin: Fast jedes zehnte verkaufte Auto war zuletzt ein E-Modell. | Bildquelle: dpa

Deutsche Elektroautos Schwach geladen

Stand: 13.10.2020 20:13 Uhr

Auf dem deutschen Automarkt ist ein Strom-Boom ausgebrochen, doch die deutschen Hersteller hinken hinterher. Wirklich erschwingliche Elektromodelle aus heimischer Fertigung lassen auf sich warten.

Von Philipp Jaklin, tagesschau.de

Die Deutschen entdecken das Elektroauto gerade so richtig. Fast jedes zehnte hierzulande zugelassene Auto war zuletzt ein rein strombetriebenes Fahrzeug. Mehr als 21.000 E-Modelle wurden im September angemeldet - laut Kraftfahrt-Bundesamt zweieinhalb Mal so viele wie vor einem Jahr. Sogar rund ein Viertel der Neuzulassungen machen inzwischen Hybrid-Autos aus, bei denen sowohl ein Verbrennungsmotor als auch ein Elektromotor eingebaut ist.

"Man kann 2020 als Wendejahr in der Automobilindustrie bezeichnen", sagt der Branchenexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach. Vorbei sind die Zeiten, in denen das Geschäft mit E-Autos eine kleine, belächelte Nische der Hersteller war. Die bis Ende kommenden Jahres aufgestockte staatliche Kaufprämie macht zumindest manche "Stromer" inzwischen bezahlbar auch für breitere Käuferschichten.

Doch ausgerechnet bei erschwinglicheren Modellen haben die deutschen Hersteller bislang nicht viel anzubieten. So landete im September der Strom-Kleinwagen Renault Zoe auf Platz eins der meistverkauften Elektroautos - gefolgt vom fast doppelt so teuren Model 3 des US-Herstellers Tesla. Immerhin bereits auf dem dritten Platz: Das neue Elektromodell ID.3 von Volkswagen, dessen Verkauf erst jüngst startete, das mit einem Listenpreis von mehr als 30.000 Euro aber auch eher kein Fall für Schnäppchenjäger ist.

Die deutschen Autokonzerne hätten nach wie vor "sehr wenige Modelle im günstigen Segment" anzubieten, sagt Bratzel. Dies liege auch daran, dass mit Elektro-Kleinwagen viel schwieriger Geld zu verdienen sei. Die Lücke im Portfolio sei ein "Einfallstor für Konkurrenten" der heimischen Hersteller.

Bei Volkswagen wäre der Elektro-Kleinwagen e-up eigentlich dazu geeignet, interessierten Käufern auch in Corona-Zeiten mit angespannten Haushaltsfinanzen ein attraktives Angebot zu machen. Doch VW nimmt für den Stadtflitzer keine Bestellungen mehr entgegen. Das Modell sei "für das ganze nächste Jahr ausverkauft", sagt ein Konzernsprecher. Die Produktion im Werk in Bratislava, wo es gebaut wird, könne nicht weiter hochgefahren werden.

VW stoppt Bestellungen

Das hat bei manchen für Unmut gesorgt. "Eine Katastrophe" sei der Bestellstopp, sagt ein Volkswagen-Händler, der nicht namentlich genannt werden möchte. Manche Händler hätten Dutzende der Autos beim Konzern bestellt und gingen nun leer aus. "Die haben die Nachfrage komplett unterschätzt. Das war blauäugig." Wann ein Nachfolgemodell für den e-up auf den Markt kommt, ist unklar.

Zu einer ähnlichen Situation kam es bei der Elektroversion des Kleinwagens Smart. Kunden mussten viele Monate auf einen Neuwagen warten, schließlich konnte das Modell beim Hersteller Daimler nicht mehr bestellt werden.

Für die meisten erhältlichen Elektroautos sind mehrmonatige Lieferzeiten der Normalfall. Bis zu zehn Monate veranschlagen Neuwagenportale im Internet für bestimmte Modelle. "Man hat zu spät auf die steigende Nachfrage reagiert", sagt Bratzel. "Produktionskapazitäten lassen sich nicht einfach von heute auf morgen erhöhen." Auch auf die Aufstockung der Elektrauto-Kaufprämie seien die Hersteller nicht vorbereitet gewesen.

Manche Konzerne könnte das teuer zu stehen kommen. Denn die EU schreibt seit Anfang 2020 nochmals verschärfte CO2-Grenzwerte vor, die von den Herstellern eingehalten werden müssen. Es gilt der Durchschnitt sämtlicher verkaufter Autos. Nach Berechnungen des europäischen Umwelt-Dachverbands Transport & Environment verfehlte Daimler den Grenzwert im ersten Halbjahr um 9 Gramm, Volkswagen um 6 Gramm.

Bliebe es bei diesem Rückstand, könnten empfindliche Strafzahlungen von mehreren hundert Millionen Euro die Folge sein. Allerdings hatte sich das Elektro-Geschäft im zweiten Halbjahr nochmals beschleunigt - auf den Markt kam unter anderem der ID.3 von Volkswagen, mit dem der Konzern an den Erfolg des Golf anknüpfen will. Und je mehr Autos dieses Typs die Wolfsburger in diesem Jahr noch verkaufen können, desto näher rückt der Konzern an die EU-Vorgaben.

Hohe Kosten für die Batterien

Der dritte Platz in der Zulassungsstatistik sei "ausbaufähig", sagt der VW-Sprecher. "Natürlich haben wir das Ziel, im Volumen die Nummer eins zu sein." Derzeit fahre Volkswagen die Produktion des Modells stark hoch, das im Werk Zwickau vom Band läuft und außerdem in Dresden, den USA und in China produziert werden soll.

Autoexperte Bratzel rechnet damit, dass der Anteil der Elektro-Modelle an den insgesamt verkauften Neuwagen bis zum Jahr 2025 auf dann 20 bis 25 Prozent steigen wird. Dazu sei es aber nötig, dass die Kosten für die Batterien noch stark sinken - was auch erschwinglichere Autos möglich macht. Zudem müsse der Ausbau der Ladestationen schneller vorankommen, die auch verlässlich und einfach bedienbar sein müssten. "Da klemmt es noch."

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