Ein Schild am Eingang eines Geschäftes in Berlin weist auf die 2G-Regel hin.  | dpa

Kritik aus der Branche Einzelhändler hadern mit 2G-Regel

Stand: 02.12.2021 15:48 Uhr

Was mehrere Bundesländer schon beschlossen hatten, kommt nun auch bundesweit: eine 2G-Pflicht im Einzelhandel. Aus der Branche ist laute Kritik zu hören. Viele Läden fürchten um ihr Weihnachtsgeschäft.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Wer in Berlin am ersten Adventswochenende einkaufen wollte, brauchte teilweise viel Zeit. Vor vielen Geschäften gab es lange Warteschlangen. Denn seit dem vergangenen Samstag dürfen nur noch Geimpfte oder Genesene in den Läden der Hauptstadt shoppen gehen. Mitarbeiter oder Security-Leute müssen die Impfpässe oder QR-Codes der Kunden überprüfen.

Frequenz-Rückgänge in Berlin

Wegen der langen Wartezeiten verzichteten viele Berliner auf eine vorweihnachtliche Shopping-Tour. Das bestätigt Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. "Wir verzeichnen bereits Frequenz-Rückgänge", sagte er. Er rechnet mit Umsatzeinbußen von 15 bis 40 Prozent. Leidtragende seien die Beschäftigten. "Die Mitarbeitenden müssen die Hilfspolizei geben und bei der Kontrolle die Konfrontationen mit den Kunden aushalten."

Außer in Berlin gilt die 2G-Regel im Einzelhandel auch in Brandenburg, Sachsen und Thüringen. Hamburg und Schleswig-Holstein schließen ab dem kommenden Samstag Ungeimpfte vom Shopping aus. Hessen hatte ebenfalls bereits vor dem aktuellen Bundes-Länder-Treffen beschlossen, die Beschränkung des Zutritts nach der 2G-Regel ab der kommenden Woche einzuführen.

Nun einigten sich Bund und Länder darauf, die 2G-Regel bundesweit auf den Einzelhandel auszuweiten - allerdings wird dabei kein verbindliches Datum für die Umsetzung genannt. Ausnahmen gelten für Geschäfte des täglichen Bedarfs. Die Läden müssen selbst kontrollieren, dass tatsächlich nur noch Geimpfte und Genese hereinkommen.

"Für den Handel eine Katastrophe"

Viele Einzelhändler waren schon vor dem Bund-Länder-Beschluss verärgert über die Maßnahme. "Mitten im Weihnachtsgeschäft ist das für den Handel eine Katastrophe", sagte Mareike Petersen, Geschäftsführerin des Handelsverbands Nord. 2G sei eine Art Teilschließung. Selbst Geimpfte und Genesene würden abgeschreckt, glaubt Petersen. "Wartezeiten vor der Tür fördern nicht unbedingt die Shoppinglaune."

Auch der hessische Handelsverband sieht die 2G-Regelung kritisch. "Die Kontrollen bedeuten einen unglaublichen Aufwand im so wichtigen Weihnachtsgeschäft", kritisierte Präsident Jochen Ruths. Die bisherigen Hygiene-Konzepte hätten sich bewährt, der Handel sei kein Infektionstreiber.

HDE hält Regel für rechtswidrig

Der Handelsverband Deutschland (HDE) stemmte sich bis zuletzt gegen eine bundesweite Einführung der 2G-Regel. Eine solche Vorschrift sei rechtswidrig, schrieb der HDE-Präsident Josef Sanktjohanser in einem Brief an die Noch-Bundeskanzlerin Angela Merkel und den voraussichtlichen nächsten Regierungschef Olaf Scholz.

2G im Einzelhandel verletze die Berufsfreiheit und verstoße gegen den allgemeinen Gleichheitsgrundsatz. "Der Handel hat seit Beginn der Corona-Krise erhebliche Sonderopfer gebracht, obwohl er zu keinem Zeitpunkt als Inzidenztreiber bezeichnet werden konnte", so der HDE-Präsident in dem Schreiben. Vielmehr hätten zahlreiche Studien ergeben, dass das Risiko der Ansteckung im Einzelhandel marginal sei. 2G in weiten Teilen des Handels einzuführen, sei daher "unverhältnismäßig". Klagen könne der Verband aber nicht, das müssten betroffene Unternehmen tun, erklärte ein HDE-Sprecher gegenüber tagesschau.de.

Bricht der Umsatz ein?

Die Einzelhändler bangen ums Weihnachtsgeschäft. "Frequenzen und Umsätze könnten durch 2G einbrechen", warnte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Die Restriktionen könnten zu erheblichen Umsatzrückgängen von bis zu 50 Prozent führen und manche Einzelhändler in der Existenz bedrohen, so der Verband.

2G für weite Teile des Handels sei "unnötig und schädlich", erklärte der HDE in einer ersten Reaktion auf die Bund-Länder-Beratungen. Die Vorgaben sehe der Verband als "verfassungswidrig und nicht zielführend bei der Bekämpfung der Pandemie" an. Der HDE beklagte, dass die Branche durch die Regelung "im wichtigen Weihnachtsgeschäft schwer getroffen" werde. Nötig seien deshalb "sofortige Nachbesserungen bei den Wirtschaftshilfen".

Nach Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) wird die 2G-Regel zu massiven Einbußen im Einzelhandel und im Gastgewerbe führen. "Wir gehen davon aus, dass 2G beim stationären Einzelhandel zu Umsatzeinbußen im Dezember von etwa 5,3 Milliarden Euro führen würde", sagte IW-Experte Christian Rusche im Vorfeld des Bundes-Länder-Beschlusses. Zusätzlich entstehe den Unternehmen Aufwand durch Einlasskontrollen.

Zuletzt hielt der HDE noch an seiner Prognose fest, dass der Umsatz im November und Dezember um zwei Prozent steigen dürfte. Im vergangenen Jahr erlitt der Einzelhandel durch den zweiten Lockdown ab dem 16. Dezember Umsatzverluste von durchschnittlich 600 Millionen Euro pro Verkaufstag in der Zeit rund um Weihnachten und im Januar.

Wettbewerbsverzerrungen befürchtet

Manche Wirtschaftsvertreter sprechen bereits von einer Diskriminierung des Einzelhandels. "Durch die Regelung kommt es wieder zu Wettbewerbsverzerrungen im stationären Einzelhandel", moniert Kisten Schoder-Steinmüller, Präsidentin des hessischen Industrie- und Handelskammertags. "Während Grundversorger allen Kunden offen stehen, dürfen Sortimentsanbieter nur unter 2G und mit hohem Kontrollaufwand öffnen."

Die ersten Einzelhändler forderten bereits neue Staatshilfen. "Sollte es zu weiteren Einbußen kommen, müssen wir auch über neue staatliche Hilfen für den Einzelhandel reden", sagte Frank Geisler, Manager der Sportartikel-Kette Intersport, im "Spiegel". Er sieht 2G faktisch als einen "Teil-Shutdown".

Schwaches erstes Adventswochenende

Bereits am ersten Adventswochenende verzeichneten die Einzelhändler maue Geschäfte. Nur jeder Fünfte der befragten Unternehmen hätten sich zufrieden gezeigt, teilte der HDE mit. Besonders schwach sei das Geschäft in den Modegeschäften gelaufen. Positive Impulse vermeldete der Branchenverband dagegen vom Haushalts- und Spielwarenhandel. Und als wahrscheinlich gilt, dass von den 2G-Einschränkungen der Online-Handel profitieren wird. "Immer neue Corona-Einschränkungen für den stationären Handel werden sicherlich zu einer Umsatzverschiebung in den Onlinehandel führen", mutmaßt ein HDE-Sprecher.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. Dezember 2021 um 12:00 Uhr.