Insektenburger

Lebensmittel-Trend Insektenburger statt Currywurst?

Stand: 30.05.2021 12:04 Uhr

Mehlwürmer-Cracker, geröstete Heimchen oder Heuschrecken-Riegel: Immer mehr Hersteller bieten Lebensmittel aus Insekten an. Noch halten sich die Verbraucher zurück. Könnte sich das bald ändern?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Mit Würmern kennt sich Andreas Koitz aus. Der junge Österreicher betreibt im Kärntner Lavanttal die einzige biologische Mehlwürmerfarm der Alpenrepublik. Er züchtet Mehlwürmer und verwertet sie zu Snacks wie Chili-Würmchen oder auch Schokowürmchen im Glas. "Erst sind viele Leute geekelt, aber wenn sie es probieren, schmeckt’s den meisten doch", sagt er.

Durchbruch in der EU?

Für mehr Akzeptanz der Würmersnacks könnte die EU sorgen. Anfang Mai hat die EU-Lebensmittelbehörde EFSA den gelben Mehlwurm als erstes Insekt überhaupt zum Verzehr in Europa zugelassen. Die getrocknete Larve des Mehlwurms darf folglich als ganzer Snack oder in gemahlener Form verkauft werden. In Nudeln oder Keksen kann das Pulver zu einem Anteil von bis zehn Prozent beigemischt werden. In Deutschland dürfen Insektenhaltige Produkte seit 2018 vertrieben werden. Sie zählen zu den "Novel Foods", den neuartigen Lebensmitteln.

Was in Asien längst zum Alltag gehört, soll nun auch in Deutschland auf den Speiseplan kommen. "Wir sehen die europaweite Zulassung von Mehlwürmern als Lebensmittel als wichtigen Meilenstein", erklärt Max Krämer, Geschäftsführer der Firma Bugfoundation aus Osnabrück. "Endlich wurde auch auf europäischer Ebene ein Signal für die positiven Eigenschaften sowie die Unbedenklichkeit für die Verbraucher gesetzt."

Burger aus Buffalo-Würmern im Angebot

Bugfoundation bietet den ersten Insektenburger in Deutschland an. Der Burger, der aus Buffalo-Würmern besteht, schmeckt ähnlich wie Sonnenblumenkerne oder Erdnüsse, betonen die Firmengründer. Manche vergleichen den Geschmack auch mit einer Falafel. Den Insektenburger gibt’s in vielen Rewe-Läden tiefgefroren zu kaufen. Bekannt wurde Bugfoundation durch ihren Auftritt in der TV-Sendung "Höhle des Löwen".

Auch andere junge Unternehmen - meist Start-ups - versuchen, dem ängstlichen Verbraucher Geschmack auf geröstete Grillen, Käfer und Heimchen zu machen. Das Berliner Start-up Sens setzt auf Heuschrecken: als Riegel, Cracker, in der Schokolade oder bei Nudeln. Das Material bezieht Sens vorwiegend aus Thailand. Dort betreibt das Unternehmen eine eigene Heuschreckenfarm.

"Iss oder zirp"

Noch vielfältiger ist die Palette an Insekten, mit der Wicked Cricket die Verbraucher anlocken will, Das Münchner Start-up verkauft gewürzte Heimchen - süß oder salzig -, Koch-Mehlwürmer, Grillen-Chips und Insekten-Kraftriegel. "Iss oder zirp", lautet das Motto der Gründer.

Matthias Rasch, Geschäftsführer von Wicked Cricket, freut sich über positive Signale. "Neben legislativen Erleichterungen registrieren wir einen stetig wachsenden Markt mit wachsendem Interesse", sagt er. Die schwierige Aufklärungsarbeit, die Vorteile von Insekten als Lebens- und Futtermittel zu verdeutlichen, sei inzwischen beim Konsumenten angekommen.

Ökologische und gesundheitliche Vorteile

Heuschreckenriegel und Mehlwurmsnacks seien ökologischer und gesünder als Rindersteaks oder Hähnchenschenkel, betonen die "Novel-Food"-Macher. "Buffalo-Insekten verbrauchen pro Kilogramm Protein drastisch weniger Futter, Wasser und Land als Rindfleisch", sagt Bugfoundation-Geschäftsführer Krämer. Unter Berücksichtigung aller Nachhaltigkeitsfaktoren sind unsere Buffalo-Insekten 28 Mal effizienter als Rindfleisch. Auch die Haltung von Insekten sei deutlich umweltfreundlicher als eine Rinderzucht.

Darüber hinaus seien die Insekten voller Proteine und Nährstoffe. Sie enthalten unter anderem zwischen 45 und 70 Prozent wertvolles Eiweiß und B-Vitamine. Grillen hätten mehr Omega-3- und -6-Säuren als Lachs, betonen die Manager des Start-ups Sens.

Verbraucherschützer sehen noch Mängel

Verbraucherschützer indes sehen den Insekten-Lebensmittel-Trend deutlich skeptischer. In einer Studie bemängelt die Verbraucherzentrale Hessen lückenhafte Kennzeichnungen und fehlende Hinweise zur Zubereitung der Produkte bei der Herstellung. "Die Anbieter müssen deutlich kennzeichnen, ob ganze Insekten direkt verzehrt werden können oder zuvor erhitzt werden müssen", fordert Wiebke Franz von der Verbraucherzentrale.

Denn Insekten können ähnlich wie Fleisch mit Bakterien belastet sein. Auch das allergene Potenzial von Insekten sei bisher noch wenig erforscht. Deshalb verlangen die Verbraucherschützer gut sichtbare Hinweise auf der Vorderseite der Verpackung zu möglichen allergischen Reaktionen. Franz moniert außerdem den hohen Zucker- und Salzgehalt vieler Produkte.

Die Novel-Food-Anbieter weisen die Kritik zurück. "Wir bewegen uns mit unseren Produkten bei einem Salzgehalt von 1,5 Prozent und einem Zuckergehalt von einem Prozent in einem branchenüblichen Rahmen", beteuert Bugfoundation-Manager Krämer. "Würde man den deutschen Nutri-Score zugrunde legen, würde unser Produkt mit Bestnote A abschneiden."

Noch zu teuer für den Massenmarkt?

Für viele Verbraucher abschreckend dürften vorerst die relativ hohen Preise der Insekten-Lebensmittel sein. Eine Sieben-Gram-Schachtel mit gewürzten Heimchen kostet zum Beispiel fast fünf Euro. Für knapp 100 Gramm des Insektenburgers müssen Verbraucher rund sechs Euro zahlen.

"Die Branche ist erst wenige Jahre alt, sodass etwas höhere Preise noch ein ökonomisch natürlicher Umstand sind", erklärt Max Krämer von Bugfoundation. "Wenn die Züchter und auch wir als Snack-Unternehmen in naher Zukunft skalieren können, dann purzeln die Preise", verspricht Wicked-Cricket-Manager Rasch. Bisher nutzen vor allem Gesundheitsbewusste und Sportler die proteinhaltigen Insekten-Snacks.

Neben dem hohen Preis dürfte vor allem ein kultureller Faktor einen schnellen Insekten-Food-Hype verhindern. Viele Menschen reagieren auf Mehlwürmer, Heimchen und andere Krabbeltiere immer noch mit Ekel. Anders ist es in Asien: Dort werden Insekten teilweise als Delikatessen gesehen. Weltweit verzehren zwei Milliarden Menschen Insekten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 13. Januar 2021 um 07:10 Uhr und Hallo Niedersachsen am 07. Mai 2021 um 19:30 Uhr.